TV-Kritik

TV-Kritik: Einschlafen mit Lena Odenthal

Der «Tatort» aus Ludwigshafen glänzte mal wieder mit gar nichts. Ausser mit einem tollen Zürcher Schauspieler.

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Ist es nicht grossartig, wie gut sich unser 23-jähriger Zürcher Joel Basman immer wieder im deutschen Fernsehen macht? Da spielt er einen Problemjugendlichen um den andern, oft ist er internetsüchtig (oder kommt mir das nur so vor?), und immer ist er hervorragend. Ich bin jedenfalls sehr stolz auf ihn und habe auch schon ehrfürchtige deutsche Touristen am Schaufenster des Zürcher Kleiderladens seines Vaters vorbeigeführt, und die deutschen Touristen waren so tief beeindruckt, wie sich das gehört.

Jetzt hat er also die Hauptrolle im «Tatort» gespielt, einen internetsüchtigen Problemjugendlichen, und sein bester Freund wurde erschossen, und das Mädchen, das er sehr wahrscheinlich gerne gehabt hätte, wollte nichts von ihm wissen. Auch ein Schulhaus spielte eine wichtige Rolle, und wo ein Schulhaus und ein Problembub aufeinanderstossen, kann es ja gar nicht anders sein, als dass der Problembub spätestens zum Ende des Films im Schulhaus Amok laufen will oder wird. Man kann also nicht wirklich behaupten, dass es eine Überraschung war, als Joel im Finale mit einer Turntasche voller Sprengstoff und einer Pistole vor dem Schulhaus aufkreuzte.

Alle zu lange dabei

Zum Glück bogen da Lena Odenthal und Kopper um die Ecke, und mein Liebesleben sagte, dass da «die beiden Schlaftabletten gerade noch rechtzeitig» gekommen seien. Zuvor war es kurz mal eingeschlafen, was ja eine natürliche Folge von Schlaftablettenkonsum darstellt. Es stürzte dann noch ein völlig uninteressanter Flohmarkt- und Waffenhändler vom Balkon, ein Lehrer war – sehr zum Missfallen meines Liebeslebens, das gerne mal einen Lehrer überführt sähe – wieder nicht der Mörder, und wie in fast jedem neuen «Tatort» fanden sich auf dem Handy der ersten Leiche erotisch gefärbte Filme.

Es ist ja leider schon seit längerer Zeit ein Elend mit der Ludwigshafener Lena, und in der «Tatort»-Folge «Freunde bis in den Tod» war es wieder einmal besonders elend. Weil da die Verbeamtung einer Schauspielerin zu beobachten war. Ulrike Folkerts spielte so ohne jede innere Teilnahme und jedes Engagement, als sei sie eine Figur in einem Computerspiel. Exakt das Gleiche galt leider auch für Kollege Kopper, den Pathologen und die Sekretärin. Früher waren sie frisch, jetzt sind sie alle zu lange dabei. Die Ludwigshafener sind ja jetzt das dienstälteste «Tatort»-Kommissariat, Lena Odenthal ermittelt seit ganzen 24 Jahren, und leider, leider müsste man die jetzt mal alle miteinander frühpensionieren. Das war die grausame Erkenntnis dieser Sonntagnacht. Mehr nicht.

Erstellt: 06.10.2013, 21:46 Uhr

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