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TV-Kritik: Gasthof des Grauens

Der gestrige «Tatort» vermischte Geiseldrama mit Dürrenmatt und Komödie mit Haneke. Das konnte nicht gut kommen.

Auch Polizisten wollen mal Polonaise machen. So nahm der Bremer Kommissar Stedefreund gestern eine Einladung zu einem Hochzeitsfest an, das in einem Landgasthof stattfand. Seine Kollegin Lürsen kam als Anstandsdame mit. Um einem Udo-Jürgens-Sing-along zu entgehen, vertrat sich Stedefreund draussen die Beine. Just dann überfielen zwei maskierte Männer die Hochzeitsgesellschaft. Zuerst wollten sie Geld und Schmuck, dann Gerechtigkeit. Offenbar war der eine früher selber Mitglied der Dorfgemeinschaft gewesen, bevor ihm der Mord an seiner Freundin Carola in die Schuhe geschoben wurde.

Es hätte der «Besuch der Alten Dame» sein sollen, mit einem Schuss von Michael Hanekes Home-Invasion-Film «Funny Games» – doch es kam anders. Die Darstellung der Hochzeitsgesellschaft war derart klischeehaft, dass sich die Spannung flotter verflüchtigte als die Ganoven mit ihren Waffen herumfuchtelten. Dorf-Zampano, Dorftrottel, Dorfschönheit, Dorf-Asi, Dorf-Luder – sie alle waren hier versammelt, um die Sätze aufzusagen, die man von ihnen erwartet («Hier ist nichts los, wenn man jung ist», «Du Mörder»!, «Ich hab keinen Handyempfang!»).

Die verlorene Hose

Der verstossene Dörfler namens Wolf riss sich also die Maske vom Kopf und nahm die Gäste, die ihn alle kannten, als Geiseln, weil er unter ihnen den wahren Mörder seiner Ex-Freundin vermutete. Und tatsächlich: Als im Keller des Gasthofs der Vater des Bräutigams erschlagen wurde, erkannte Lürsen, dass weder er noch sein Komplize es gewesen sein konnten – standen sie doch die ganze Zeit über herumschreiend vor den Geiseln. Wolf sprach ergo die Wahrheit, jemand anders hatte seine Freundin auf dem Gewissen. Und dieser jemand war unter ihnen.

Dass eine Kommissarin sich auf die Seite des Geiselnehmers schlägt, ist eigentlich ein hübscher Einfall. Und dass ein «Tatort» nicht mit der obligatorischen Leiche auftakten muss, verdient per se Respekt. Leider verfolgte die Folge ihre Grundidee zu wenig konsequent und mäandrierte zwischen Geiseldrama, Rachethriller und Drama. Fatalerweise garnierte der Drehbuchautor die Geschichte noch mit komödiantischen Elementen; so verlor Stedefreund auf seinem Spaziergang etwa die Hose. Gleichzeitig floss drinnen Blut und zitterten Menschen mit Pistolen an den Schläfen. Stimmigkeit nimmt sich anders aus.

Gequatsche und Schuldzuweisungen

Schade war auch, dass die eigentlich interessante Ausgangslage irgendwann ins klassische Whodunnit-Muster kippte: Wer war Carolas Mörder? Nach Schuldzuweisungen und viel Gequatsche, das zusätzlich immer wieder durch Stedefreunds Exkurs durch die nächtliche Landschaft in die Länge gezogen wurde, stand der Mörder dann endlich fest: Der Vater der Braut wars (wieso eigentlich?). Wobei natürlich jeder im Raum – «Twin Peaks» lässt grüssen – ein bisschen Schuld auf sich geladen hatte.

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