Zum Hauptinhalt springen

TV-Kritik: Mit Zuckerwasser im Haar ins MTV-Zeitalter

Der «Schlagersommer» wühlte gestern in der Nostalgie-Kiste und spielte in horrendem Tempo Hit an Hit. Dabei zeigte sich: Die heutigen Schlagerstars sehen gegenüber früher alt aus.

«Äs isch so intressant gsi!», jubelte Sascha Ruefer am Ende der Sendung und seine Freude wirkte fast gar nicht aufgesetzt. Tatsächlich war die Zeitreise zur ersten Mundartlieder-Welle der Schweiz interessant. Man erfuhr nämlich nicht nur, dass heutige Schlagersängerinnen und Schlagersänger immer einen Tick zu fröhlich sind, ein bisschen zu ruckartig mit ihrem Kopf wackeln und immer ein wenig zu stark auf die Haarspray-Dose gedrückt haben, sondern auch, dass das Schweizer Schlagergenre im Zweiten Weltkrieg entstanden ist. Während man im Ersten Weltkrieg noch hochdeutsch sang, wechselte man angesichts des Zweiten Weltkriegs und der wachsenden Bedrohung aus Deutschland zu Mundart. Dazu noch ein bisschen amerikanische Tanzmusik, und fertig war die Schweizer Schlagermusik.

Entspannter Ruefer

Auch die Radiolegende Elisabeth Schnell, die als Gast geladen war, schwelgte in der Vergangenheit, und man hing an ihren Lippen, als sie von der Landesausstellung 1939 erzählte und beschrieb, mit welch simplen Mitteln anno dazumal Radio gemacht wurde. Sascha Ruefer machte seine Sache als Moderator entspannt (siehe legere Beinhaltung auf dem Stuhl) und verzichtete zum Glück auch auf das gequälte Lächeln, das er im Trailer zur Sendung noch aufgesetzt hatte.

Zwischendurch wurde ein Schlager nach dem anderen eingespielt. «Stägeli uf, Stägeli ab», «Nachem Räge schiint d Sunne», «S'Margritli», «Am Himmel staht es Sternli», «Gilberte de Courgenay» – es war fast wie in einem nostalgischen Schlagerwunschkonzert. Allerdings im MTV-Tempo.

Es ging leider alles ein bisschen schnell, meist wurden die Titel nur ein paar Sekunden lang gespielt, und man fühlte sich bald überrollt von den vielen Schlagern und ihren Varianten aus den Jahren 1939, 1941 oder 1975 – zumal die Regie auf Titel verzichtete und nur die Jahreszahlen der jeweiligen Lieder einblendete – wohl in der Annahme, dass sowieso jeder jeden Schlager kennt. So fühlten sich unter 45-Jährige ohne vertieftes Schlagerwissen ausgeschlossen.

Neue Schlager fallen ab

Die «Musikvideos» in schwarz-weiss machten diesen kleinen Frust jedoch wett. An den alten Filmausschnitten mit den herrlichen Frisuren und den komödiantischen Einlagen konnte man sich beinahe nicht sattsehen. Im krassen Gegensatz dazu fielen die neueren Clips völlig ab. Schlagersängerin Monique war etwa mit drei Kindern beim Büchleinanschauen im Wohnzimmer zu sehen und später in der Sternwarte, während sie «Am Himmel staht es Sternli» sang.

Spätestens beim musikalischen Einspieler, in dem Maja Brunner, Sarah-Jane und Marleen so sehr mit ihren Haarspray-Schöpfen wackelten und bis zum Anschlag strahlten, wünschte man sich die anmutige Annemarie Blanc, die unaufgeregten Geschwister Schmid aus dem Schwarzweissfilm oder das lustige Trio Eugster in Militärmontur herbei und dachte: Früher war doch alles besser.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch