Schrecklich ruhig

Der Kölner «Tatort» zeigt ein Spiel aus Lügen und Geheimnissen zweier Familien. Deren Apathie schluckt fast den Plot.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ruhig begleitet die Kamera das Ermittlerduo Max Ballauf und Freddy Schenk zum Haus der Verlobten. Die schönen, weichen Bilder wirken dabei innerlich zerreissend. Die junge Frau mit Kleinkind will nicht verstehen, dass sie ihr Brautkleid nicht brauchen wird. Die Schwere, die sich zu Beginn über den «Tatort» legt, weicht bis zum Schluss nicht mehr.

Schnell, aber unaufgeregt wird klar: Eigentlich geht es nicht um den toten Junggesellen, sondern um die Tasche, die er betrunken aus einem Mülleimer gefischt hatte, bevor ihn ein Auto überrollte. In der Tasche das Lösegeld für eine entführte junge Frau, Charlotte.

Die Ermittler beginnen, an einem Lügenkonstrukt zu rütteln, an dem sämtliche Familienmitglieder von Charlotte mitgebaut haben, von unterschiedlichen Seiten, allein oder auch nicht.

Was sich der Zuschauer als hysterischen Nervenkrieg hätte vorstellen können – entführtes Kind, dunkle Geheimnisse, jeder und keiner kann es gewesen sein, aufsässige Ermittler, Familienfeindschaften, Erpressung –, wälzt sich im «Tatort» wie ein träges Wollknäuel vor sich hin. Über der Familie liegt eine seltsame Apathie. Man ringt nicht mehr mit dem Schicksal, man bewahrt die Ruhe vor dem letzten grossen Sturm.

Die Ermittler wirken auch ruhig, aber anders ruhig. Zu routiniert könnte man sagen. Das Privatleben von Ballauf und Schenk, das parallel zu den Ermittlungen weiterläuft, kommt ebenfalls nicht an gegen die bleierne Schwere. Die Einschübe wirken zu platt.

Das erste Mal kommt Tempo in den «Tatort», als die nächste Lösegeldübergabe organisiert werden soll. Der Vater will bei der Übergabe nicht gesehen werden. Am Ende des Spurts erwischen die Ermittler den Freund der Entführten, Caspar. Caspar, der zusammen mit seiner Mutter den Schmerz ertränkt. Caspars Vater ist schon länger tot. Ein Arbeitsunfall in der Firma des Patriarchen der Familie der Entführten. Nur ein Stein des Lügendominos.

Und dann plötzlich knallts, im Staub der Sägespäne der Familienschreinerei. Nach all dieser Schwere, die einen immer tiefer in den Sessel vor dem Fernseher gedrückt hat, verpufft der ganze Plot in einer gefühlten Sekunde. Man will aus dem Sessel hochschnellen und den Knopf für «halt, stopp, noch einmal» drücken.

Auch ohne Tote eine Tragödie

Es war ein Unfall. Charlotte war tot und wurde danach trotzdem entführt, vom Trio Vater, Sohn und Freund. Bezahlen musste der Grossvater, auch, um den Tod von Caspars Vater wiedergutzumachen, aber auch, um die Schreinerei zu sanieren. Jetzt endlich wird die Mutter hysterisch.

Der Familien-«Tatort» führt vor, wie Geheimnisse Familien auffressen, auch ohne den toten Junggesellen und die tote Charlotte. Selten gibt es den einen Schuldigen oder Unschuldigen. Und auch wer nichts dafür kann, hängt mit drin.

Wie glaubwürdig die Post-mortem-Entführungsgeschichte ist, darüber kann man streiten. Die Apathie, der Schmerz und die wenigen dazwischen gestreuten Ausbrüche wirken dagegen nicht wie ein Teil eines abenteuerlichen Drehbuchs. Sie wirken real und menschlich. Sie zeigen den Versuch, die eigenen Fehler und die der anderen mit Würde ertragen zu wollen. Die stimmige filmische Umsetzung erleichtert einem dabei das Hinschauen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.05.2018, 22:50 Uhr

Artikel zum Thema

Es dunkelt im Heidschnuckenland

TV-Kritik Der dritte «Tatort» mit dem Bundespolizei-Duo Falke und Grosz ist der beste bis jetzt: In Lüneburg führt ein verdächtiger Flüchtling in richtig dicken Provinz-Sumpf. Mehr...

Wenn Kommissar Zufall ermittelt

TV-Kritik Der Nürnberger «Tatort» war das wahrscheinlich grösste Durcheinander in der jüngeren Krimi-Geschichte. Mehr...

Welches dieser Traumpaare müsste im Zürcher Tatort ermitteln?

Bellevue Der «Tatort» kommt nach Zürich. Wir haben uns auf die Suche nach geeigneten Züri-Detektiven gemacht. Stimmen Sie ab! Mehr...

Kritik, Rating, Diskussion

Lesen Sie gleich nach Filmschluss die «Tatort»-Kritik und das Rating der Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Kulturredaktion – und beteiligen Sie sich an der Diskussion in den Kommentarspalten.

Umfrage

Wie viele Sterne verdient die Folge?







Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Sprudelwasser: Ein Eisbär taucht in seiner Anlage im Zoo von Gelsenkirchen. (16. Oktober 2018)
(Bild: Martin Meissner) Mehr...