Und täglich grüsst das Spiegelbild

Die Zeitschleifen-Serie «Matrjoschka» beginnt als Comedy und nimmt eine düstere Wendung. Nadia (Natasha Lyonne) erlebt an ihrem 36. Geburtstag einen Horrortrip – immer und immer wieder.

Wie sich dem Matrjoschka-Spielzeug immer weitere, immer kleinere Versionen seiner selbst entnehmen lassen, entblättert die Serie mit jeder Folge neue Facetten der Hauptfigur. Quelle: Youtube


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Sind es die Fische, die aus den Aquarien verschwinden? Das Koks im Joint der besten Freundin? Oder ist Nadia schlichtweg im Fegefeuer gelandet? Irgendeine Ursache muss es doch haben, dass sie sich ständig das Genick bricht, ertrinkt, den Feuertod stirbt oder einfach nur überfahren wird, um sogleich wieder vor dem Spiegel im Bad aufzutauchen, während vor der Tür ihr 36. Geburtstag begossen wird.

Die neue Netflix-Serie Matrjoschka verbindet das zeitgeistige Gefühl New Yorker Sitcoms mit der Struktur von Zeitschleifenfilmen wie Und täglich grüsst das Murmeltier. Darin wurde Bill Murray als gefrusteter Wetterfrosch vom Radiowecker mit Sonny and Chers «I Got You Babe» in den Wahnsinn getrieben – Nadias Horrortrip startet stets mit Harry Nilssons beschwingtem «Gotta Get Up». Aber passt das auch ins Korsett von acht 30-minütigen Folgen?

Ja, es passt. Ein wichtiger Faktor dabei ist Hauptdarstellerin Natasha Lyonne. In ihrer zuvor prominentesten Rolle fuhr sie als flinkzüngiger Heroin-Junkie Nicky Nichols in der Gefängnisserie «Orange is the New Black» ihrer Mitinsassinnen über den Mund. Matrjoschka fühlt sich fast wie ein Wiedersehen mit dieser Figur an.

Schmerzlicher Weg ins Innere

Nadia arbeitet darin als Programmiererin bei einem grossen Spieleentwickler. Deswegen ist sie nicht gänzlich aufgeschmissen, als sich das Rätsel um die Zeitschleife zunehmend zum Rollenspiel entwickelt. Gleich die erste Folge legt reichlich Fährten: Der Obdachlose, der im New Yorker Winter ohne Schuhe dasteht. Die entlaufene Katze, die es wiederzufinden gilt. Und schliesslich der Typ mit dem Verlobungsring, der mit ihr in einem abstürzenden Aufzug dem sicheren Tod entgegenrast – und genauso genervt wirkt vom ständigen Sterben wie sie. Die verspielte Kamera und der unruhige Schnitt (Regie: Leslye Headland) verpassen dem Ganzen Tempo; das Zeitschleifen-Konzept läuft nicht im immer gleichen Rhythmus und lässt einzelne Schleifen über die Folgen hinauslaufen. So bleibt Matrjoschka hochspannend.

Und dann ist da noch die titelgebende russische Puppe. Wie sich dem Spielzeug immer weitere, immer kleinere Versionen seiner selbst entnehmen lassen, entblättert die Serie mit jeder Folge neue Facetten der Hauptfigur. Nadias Zeitschleife führt sie auf einen schmerzlichen Weg in ihr Innerstes. Was als Comedy beginnt, nimmt zunehmend eine düstere Wendung.

Hauptdarstellerin Lyonne hat mit Saturday Night Live-Veteranin Amy Poehler auch die Idee zur Serie entwickelt und war an den Drehbüchern beteiligt. Das Experiment ist gelungen - ein Highlight des jungen Serienjahres.

«Matrjoschka», auf Netflix.

Erstellt: 07.02.2019, 13:08 Uhr

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