Untenrum in Norwegen

Schon wieder fällt das skandinavische Fernsehen durch Freizügigkeit auf: In Norwegen sucht ein öffentlich-rechtlicher Sender Paare, die im Dienste der Aufklärung vor der Kamera Sex haben.

Die Skandinavier haben allgemein den Ruf, unverkrampft mit dem Thema Sex umzugehen: Szene aus der norwegischen Wissenschaftssendung «Newton» zum Thema Pubertät und Sexualität.

Die Skandinavier haben allgemein den Ruf, unverkrampft mit dem Thema Sex umzugehen: Szene aus der norwegischen Wissenschaftssendung «Newton» zum Thema Pubertät und Sexualität. Bild: Screenshot Youtube/NRK

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Gesucht sind «Paare zwischen 18 und 35 Jahren, die bereit wären, in unserem Fernsehprogramm Sex zu haben». Die Anzeige stammt nicht von einem Porno-Produzenten, sondern von Norwegens öffentlich-rechtlichem Sender NRK, der sie auf Plakaten und im Internet veröffentlicht hat.

Echter, ungeschminkter Sex im landesweiten Fernsehen. Kein Hollywood-Kuscheln, bei dem alles abgeklebt ist.

Als Gegendarstellung zur Pornografie

Einige Paare hätten sich bereits gemeldet, so der Sender, sie sollen von November an in der Aufklärungssendung «Line fikser kroppen» auftreten. Die Moderatorin Line Elvsåshagen, 27, will Teenagern darin zeigen, wie Sex tatsächlich aussieht. Sie sollen dabei nicht nur «Geschlechtsorgane in Aktion» sehen, erklärt die Moderatorin, sondern Sex als eine «schöne und intime Situation», die oft ein wenig unbeholfen, aber deswegen nicht gefährlich sei.

Der zuständige Redakteur Håkon Moslet stellt sich die Show als Gegendarstellung zur Pornografie vor: «Nur operativ verbesserte Körper in überchoreografierten Sexszenen zu zeigen, schafft falsche Hoffnungen und Verwirrung», sagt er.

Tanzende Cartoon-Genitalien

Auch in Deutschland gab es schon TV-Sex zu Aufklärungszwecken, die Reihe «Make Love» lief erst im MDR und wanderte dann ins ZDF. Die Skandinavier aber fallen mit ihrer Freizügigkeit im TV öfter auf. Unvergessen ist der Werbespot «Do it for Denmark», in dem eine Reisegesellschaft die Dänen angesichts rückläufiger Geburtenquoten zu mehr Sex im Urlaub auffordert.

Oder das schwedische Kinderlied «Snoppen och Snippan»: Das Video mit den tanzenden Cartoon-Genitalien haben sich inzwischen fast acht Millionen Menschen auf Youtube angeschaut. Dabei musste der Sender SVT, in dessen Kinderprogramm das Video lief, erst kämpfen, damit das Portal ihn ohne Altersvorgabe zeigt.

Zungenküsse mit einer angebissenen Tomate

Eine andere Sendung aus Norwegen versteckt Youtube immer noch hinter der Anmelde-Schranke: Die Wissenschaftssendung Newton, deren Zielgruppe in Norwegen Acht- bis Zwölfjährige sind.

2015 zeigte NRK den Kindern darin in mehreren Teilen, was sie über die Pubertät wissen müssen. In der letzten Folge ging es um Sex, und Moderatorin Line Jansrud hielt nichts zurück: Sie übte mit einer angebissenen Tomate Zungenküsse, demonstrierte mit einem Staubsauer, wie Knutschflecken entstehen und zeigte anhand echter Geschlechtsteile, wie man sich selbst befriedigt.

Den Sex spielte sie mit Vagina und Penis aus Gummi nach und gab nützliche Tipps, wie den, dass das Mädchen feucht genug sein muss. Sie zeigte dann auch direkt, wie man das erreicht, indem man die Klitoris rubbelt.

Ziel der Sendung sei gewesen, den Körper so leicht verständlich und vorurteilsfrei wie möglich zu erklären, so NRK, mit allen «Kommunikationstechniken», die die Show in den Jahren entwickelt habe: «Geh nah heran, nutze visuelles Storytelling, sei spezifisch, forschend und schamlos.»

Über Menstruationsblut hat sich in Schweden niemand aufgeregt

Die Skandinavier haben allgemein den Ruf, unverkrampft mit dem Thema Sex umzugehen. Über den schwedischen Genitalien-Song ist allerdings auch im Norden diskutiert worden: Darin tanzen gezeichnete Penisse und Vaginas, in kindgerechtem Schwedisch «Snopp» und «Snippa», durchs Bild.

Die Diskussion in Schweden drehte sich schnell nicht mehr darum, ob das kindgerecht sei. Vielmehr fragten Kritiker, ob die Zeichnungen nicht Geschlechter-Stereotypen stärken könnten, weil die Vagina im Video einen weiblichen Augenaufschlag und der Penis einen coolen Hut hat. Und überhaupt: Suggeriere der Song nicht, dass jeder, der einen Penis habe, automatisch ein Mann sei, und jeder mit einer Vagina, eine Frau? SVT musste sich schliesslich gegen den Vorwurf wehren, der Song sei eher transphobisch als zu freizügig.

Ein paar Monate später liess SVT einen jungen Moderator mit blutigen Tampons spielen. Mit einer Gitarre läuft er durch die Schule und singt «Hip Hip Hurra für die Periode». Darin erklärt er seinen Zuschauern, dass Jungs extra nett und geduldig mit Mädchen sein sollen, wenn die ihre Tage haben. Schliesslich sei es ja nur ein bisschen Blut, das im Video dann auch demonstrativ an die Mattscheibe spritzt. Über diesen Auftritt hat sich in Schweden übrigens niemand aufgeregt.

Erstellt: 09.08.2017, 09:53 Uhr

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