Verbannter Arte-Film ist online

Einen Film über aktuellen Antisemitismus, den Arte bestellt hat, will der Sender nicht zeigen. Aus «formalen Gründen». Unfassbar.

Dokfilm «Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa» von Joachim Schröder und Sophie Hafner.


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«Was verboten ist, das macht uns gerade scharf», reimte Wolf Biermann. Und nichts macht neugieriger auf einen Fernsehfilm als die Nachricht, der Sender wolle ihn nicht zeigen. So ergeht es derzeit der Dokumentation «Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa» von Joachim Schröder und Sophie Hafner. Der deutsch-französische Kultursender Arte hatte ihn 2015 in Auftrag gegeben, betreut wurde er vom WDR.

Dort nahm Sabine Rollberg, eine erfahrene Redaktorin, den Film im Dezember 2016 ab. Die Programmkonferenz von Arte, das den Film erstausstrahlen sollte, sagte Nein: Er entspreche nicht dem Auftrag. Denn Schröder und Hafner sollten das Erstarken des Antisemitismus in verschiedenen europäischen Ländern beleuchten, haben sich aber stark auf Israel und Palästina konzentriert. Ausserdem, so Arte-Programmchef Alain Le Diberder, fehle es dem Film an «Ausgewogenheit». Die Ablehnung erfolge also aus «formalen Gründen».

Götz Aly, der renommierte Zeitgeschichtler, der den Film begutachtet hat, spricht von Zensur; Ausgewogenheit sei beim Thema Antisemitismus ja wohl ein seltsames Qualitätsmerkmal. Josef Schuster, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, intervenierte beim Arte-Präsidenten.

Am Rand des Sarkasmus

Nun könnte der WDR den Film, den Arte nicht will, selbst zeigen. Stattdessen hat der Sender eine eigene Nachprüfung angeordnet und äussert nun «handwerkliche Bedenken». Auch bei der Abnahme sei nicht nach den üblichen Standards vorgegangen worden. Der Sender desavouiert also seine Redaktorin und ignoriert befürwortende Gutachten von Experten (neben Aly der Historiker Michael Wolffsohn).

Die Blockade hat nun ausgerechnet die «Bild»-Zeitung durchbrochen. Sie stellt den Film den ganzen heutigen Dienstag online. Auch auf Youtube ist er inzwischen aufgetaucht (wir zeigen ihn oben). Wenn man ihn gesehen hat, kann man die Entscheidung der TV-Hierarchen nicht nachvollziehen. Der Film ist erschreckend – weil das, was er zeigt, erschreckend ist: Es gibt einen neuen Antisemitismus in Europa, er ist in der rechten Szene wie bei Linken zu beobachten, und er wird genährt und instrumentalisiert aus der Sympathie für die Palästinenser. Schröder und Hafner haben Kirchentage und Hinterzimmer besucht, Hassgesänge von Rappern und Mordaufrufe von Demonstranten aufgenommen. Sie montieren, schneiden hart und kommentieren scharf; das geht manchmal an den Rand des Sarkasmus, aber anders kann man sich wohl des Giftes kaum erwehren, das da aus Naivität, Fehlinformationen und politischem Interesse zusammengerührt wird.

Dubiose Anti-Israel-Kampagnen

Der Israel-Palästina-Schwerpunkt, den die TV-Hierarchen bemängeln, ist sinnvoll, ja notwendig. Denn der neue Antisemitismus tarnt sich als Antizionismus und speist sich aus Gerüchten und Propagandalügen über den Nahen Osten. Der Film müht sich, sie zu entkräften, durch Fakten, Statistiken, Interviews, auch im Gaza-Streifen, der sich komplexer darstellt als das «Freiluftgefängnis», auf das ihn das Klischee reduziert. Er spricht die Korruption der herrschenden Hamas an, aber auch die dubiosen Anti-Israel-Kampagnen vieler NGOs, die auch europäische Steuergelder ausgeben.

Erschütternd ist die Passage über den Pariser Vorort Sarcelles geraten, der 2014 von einem antijüdischen Mob überfallen wurde. Jüdische Kinder erzählen vor der Kamera, wie sie ständig bedroht und verfolgt werden. Viele denken an Auswanderung. Dazu sagt ein deprimierter Bürgermeister: Wenn sie gehen, ist Frankreich tot. Er meint: die Idee einer säkularen Republik, in der jeder seine Religion frei leben kann. Das sollen Deutschlands und Frankreichs Zuschauer, mit deren Gebühren dieser Film entstanden ist, nicht sehen dürfen? Unfassbar. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2017, 13:39 Uhr

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