Zum Hauptinhalt springen

Verknallt mit 76

Frisch verliebt im hohen Alter? Im Dok-Film «Späte Liebe» erzählen Paare, wie es dazu kam und wie es sich anfühlt.

«Mir stinkts», stand in der Annonce von Franz. Jeden Morgen allein am Frühstückstisch zu sitzen stinke ihm, allein durch die Botanik zu streifen, immer alles alleine tun zu müssen. Er suche eine lebenslustige, schlanke Frau, die gerne Velo fährt, wandert und geniesst. Und da kam sie. Yvonne. Franz war fasziniert. Genauso Pierre, als er Gudrun zum ersten Mal sah. Da sei ein Magnetfeld gewesen, erzählt er.

Gudrun und Pierre, Yvonne und Franz – zwei der Paare, die der Dokumentarfilm «Späte Liebe» porträtiert und begleitet. Die anderen Protagonisten: ebenfalls Menschen, die nicht mehr daran glaubten, sich noch einmal zu verlieben – mit 60 und weit darüber hinaus, in einem Alter, in dem sie längst Grossmütter und Grossväter waren, gescheiterte Ehen hinter sich oder Partner verloren hatten.

«Lach nicht so lüstern», weist Gudrun ihren Freund zurecht. Pierre erzählt gerade von den ersten zwei schönen Wochen, in denen sich Gudrun und er nähergekommen sind. Das war vor zwölf Jahren. Beide waren damals über 60. Herrlich unverkrampft sprechen sie über Sexualität im Alter. Kein Erwartungsdruck, kein Erfolgsdruck, «es ist lustig», besser.

In diesem Punkt mögen sich die älteren Paare von anderen, jüngeren unterscheiden, bei denen die Sexualität durchaus mit mehr Erwartungen verbunden ist. Doch schnell wird klar: Die Alten und die Jungen sind sich in vielen anderen Dingen ähnlicher, als man meinen könnte.

Unterschiede zwischen Alt und Jung verschwimmen

Die Protagonisten haben zu kämpfen mit Dates, die nicht das halten, was man sich von ihnen versprochen hat, schlagen sich mit der Frage herum, ob es denn wirklich niemanden gibt, der zu einem passt, treffen auf Verabredungen, die nicht aussehen wie auf dem Foto (Yvonne gefiel Franz zum Glück besser als auf dem Foto), sind nervös beim ersten Date mit der Frau, die es wirklich sein könnte. Spiessrutenlauf durch die Verwandtschaft, die man kennen lernt, dazu kommt je nachdem sogar noch die Ex-Frau des Partners. Freunde kommen zu Wort, erzählen, wie etwa Peter durch den Wind war, so verliebt, und dann aufblühte. Die Männerrunde lacht und stösst mit einem Bier an.

Doch was, wenn der Zahn der Zeit wie ein drittes Rad am Wagen in der Beziehung mitfährt – wenn das Kurzzeitgedächtnis nachlässt, die Hände zu zittern beginnen, die Haut schlaff und der Bauch grösser wird?

Das Alter sei eine Herausforderung für das Ego, meint Yvonne, aber keine unüberwindbare. Hauptsache, der Partner lebendig. Oder wie es Gudrun sagt: «Die Hülle altert, aber die Gefühle bleiben.»

Trotzdem: Liebe im Alter ist nicht nur für die Verliebten selbst ab und an eine Herausforderung, sondern auch für Pflegeheime. Cati Hürlimann weiss: Liebe, Zärtlichkeit, Sexualität, Nähe, Beziehungen leben, all das findet auch im Rosenberg statt, dem Betagtenzentrum in Luzern, das sie leitet. Oft seien es die Angehörigen, die sich fragen: «Gehört sich das noch?» Könne man es aushalten, dass die eigene Mutter wie ein verliebter Teenager in der Gegend herumschwirrt?

Angehörige und Altersheime sind gefordert

Hans würde wohl sagen, ja. Er ist 80, auf der Suche, es sei nicht einfach. «Man ist abgeschrieben. Das tut so weh.»

Im Betagtenzentrum Rosenberg geht Hürlimann deshalb pragmatisch vor. Als ein Bewohner eine Prostituierte sehen wollte, habe man sein Anliegen geprüft. Das Heim habe den Transport hin und zurück angeboten. Mit dieser Offenheit stosse die Leiterin bei Angehörigen und auch Mitarbeitenden gelegentlich auf Unverständnis, sagt die Stimme aus dem Off. «Geht es um meine persönlichen Wertehaltungen bezüglich solcher Dienstleistungen, oder geht es um den Menschen?», müsse man sich fragen, findet Hürlimann.

Wer entscheidet für wen? Dürfen Kinder über das Liebesleben ihrer Eltern entscheiden? Vielleicht so, wie das die Eltern einmal für die Kinder getan haben? Der Film beantwortet diese Frage klar, aber sanft.

Der Film ist liebevoll gemacht, obwohl er ohne musikalische oder bildtechnische Schnörkel daherkommt. Die braucht es nicht. Die Geschichten sprechen für sich, wobei keine ist wie die andere. Auch deshalb macht der Film Mut, weil er zeigt, dass verschiedene Wege zur Liebe im (hohen) Alter führen können. Das mag kitschig klingen, doch wenn man die strahlenden Gesichter von Peter und Yvonne sieht, wie sie gegen Ende des Films auf einem Steg am Wasser sitzen, freut man sich einfach mit den beiden und hofft, dass andere auch den Mut finden, trotz weisser Haare und erschlaffter Haut ein Inserat zu schalten, einen Brief an einen verloren geglaubten Schulschatz zu schreiben oder jemanden in einer Beiz anzusprechen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch