Vetsch im Verlies

Mona Vetsch ging für «SRF Heimatland» unvorbereitet ins Gefängnis. Mehr unterhaltend denn erhellend.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«In die Ostschweiz fahre ich gern, damit verbinde ich immer Heimatgefühle», sagte Mona Vetsch während der Fahrt auf der Autobahn. Heimatgefühle, die der gebürtigen Thurgauerin bald vergehen werden. Ziel der ersten Folge ist das sankt-gallische Salez. Ängstlich fragt Mona Vetsch in die Kamera, ob sich hier nicht ein Gefängnis befinde. Sie erblickt den Wegweiser und realisiert, wo sie die nächsten drei Tage verbringen wird: in der Strafanstalt Saxerriet, einer offenen Strafanstalt für Männer.

Einen Moderator unvorbereitet an einen aussergewöhnlichen Ort zu schicken, könnte ordentlich schiefgehen. Selbst der schlagfertigen und humorvollen Mona Vetsch wird mulmig, als sie merkt, wo sie die da hingebracht wurde. Im Gefängnis übernachten muss Vetsch aber nicht. Die Strafanstalt sei nur für Männer, erklärt ihr die Mitarbeiterin des Betreuungs- und Sicherheitsdienstes (BSD), Bettina Räbsamen. Aber ist ein Gefängnis ein guter Ort, um eine Moderatorin unvorbereitet auf Reportage zu schicken?

Nach dem Eintrittsprozedere («Also, wie wenn ich verurteilt worden wäre?», fragt Vetsch), auf dem Weg zur Zimmerabnahme («Wie wenn Sie in eine Wohnung ziehen», so Räbsamen) fragt Vetsch, welche Art Verurteilte in dieser Strafanstalt leben. Die Antwort fällt knapp aus: «Alles, auch Ex-Mörder.» Ex-Mörder? Mörder sei man doch ein Leben lang, sagt Vetsch erstaunt. Räbsamen erklärt, sie versuche, nicht zu erfahren, weshalb ein Insasse ins Gefängnis geschickt wurde, «so kann ich viel ehrlicher mit ihnen umgehen». Aber ist nicht wichtig, zu erfahren, weshalb jemand verurteilt wurde? «Nein, sie wurden ja bereits verurteilt. Ich bin nicht hier, um sie weiter zu verurteilen.»

Den Umständen entsprechend gut

Mona Vetsch sieht das offensichtlich anders, denn die Gespräche mit den Insassen fallen zuweilen moralisierend aus. Im Gespräch mit Dave, einem junggebliebenen Rocker alter Schule, mit einer Frisur zwischen Schmalztolle und Vokuhila und einer Narbe vom Mundwinkel zum Kiefer, reagiert Vetsch mit Unverständnis und verzieht ihre Miene. Darauf geht sie in sich und werweisst, wie weit ihre Diskussionen mit den Insassen überhaupt reichen sollen, sie sei ja nicht für deren Resozialisierung zuständig. Zugegeben, Dave äussert ein paar ziemlich fragwürdige Meinungen. Zum Beispiel, dass ein Einbrecher schlimmer sei als einer, der jemandem mit einem «Schwedenkuss» – das ist ein Kopfstoss zum Nasenbein – eine doppelte Fraktur verpasst habe. Also ihm.

Die Reportage gibt interessante Einblicke hinter die Gefängnismauern – von Häftlingen über Mitarbeiter bis zum Therapeuten kommt die ganze Gefängnispopulation zu Wort. Auch werden Vorurteile abgebaut: Weder sind nur Ausländer kriminell (im Gegenteil, rund zwei Drittel der Inhaftierten sind Schweizer), noch bestätigte sich der oft gehörte Vorwurf der Kuscheljustiz.

Aber ist das die passende Form für eine solche Sendung? Und um welche Art der Berichterstattung handelt es sich überhaupt? Für eine Reportage erhält Mona Vetsch – gerade in einem Gefängnis – zu viele Privilegien, wenn ihr zum Beispiel die Sicherheitsvorkehrungen gezeigt werden. Für einen Dokumentarfilm hingegen ist sie selbst zu präsent vor der Kamera. Eine klare Entscheidung hätte der Sendung nicht geschadet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.10.2017, 13:59 Uhr

Artikel zum Thema

«SRF sagt Sorry»

Glosse Mit dieser Sendung überlebt der Leutschenbach «No Billag». Garantiert. Mehr...

Weder der Anfang noch das Ende

Kritik Der «Coole von der Schule», limitiertes Kiffen und gefühlskalte Mütter: In einem SRF-Dok wurden drei Pubertierende während zwei Jahren begleitet. Mehr...

Fünf Vorschläge für einen besseren Schweizer «Tatort»

Schauplatz, möglicher Fall, Besetzung: So sähe unser Schweizer Krimi aus. SRF, übernehmen Sie! Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Mamablog Männer, seid ihr wirklich die «neuen Väter»?
Sweet Home Farbideen mit Power

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Dreifach bezopftes Pferd: Ein Haflinger wartet auf einer sonnigen Wiese in der Nähe von Döllsädt. (18. Oktober 2017)
(Bild: AP Photo/Jens Meyer) Mehr...