Von Wohnungs- und Partnerwechseln

Die Münchner Kommissare untersuchen den Mord an einer jungen Frau. Haupthandlung ist jedoch die Liebe, mit all ihren Verstrickungen.

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Batic hat eine, Kalli auch. Dieser möchte Leitmayr eine aufdrängen, und Jacobi hat sogar deren fünf, und eine sechste bahnt sich an. Die Rede ist von Liebschaften – wie es der Titel des 1022. «Tatorts», «Die Liebe, ein seltsames Spiel», schon ankündigt. Gibt es anfangs nur den Mordfall an Verena Schneider aufzuklären, geraten die Münchner Ermittler Batic und Leitmayr mit ihrem etwas ungelenken Kriminalassistenten Kalli Hammermann auf der Suche nach dem Täter in ein Netz von Romanzen und Intrigen.

Der Verdächtige ist schnell gefunden, befindet sich im Telefonverzeichnis des Opfers unter «Schatzi» und ist der 49-jährige geschiedene Stararchitekt Thomas Jacobi. Dieser hat in der Person von Dr. Andrea Slowinski jedoch ein Alibi, da er mit ihr liiert ist und sie die Nacht zusammen verbracht haben. Und so geht es auch über die gesamten 90 Minuten weiter. (Fast) jede Frau, die mit Jacobi in Kontakt tritt, stellt sich früher oder später als eine seiner Geliebten heraus.

Die Kirsche auf der Intrigentorte

Heikel ist, dass bis auf die offen polyamore Psychologin Jacobis – Dr. Julia Stephan, die ebenfalls zu seiner Geliebtschaft gehört – die Frauen nicht von der Existenz der anderen wissen. So wird das Netz an Liebschaften eigentlich nur noch von der breiten Auswahl an Ausreden von Jacobi übertrumpft, die vom behinderten Sohn bis zur Arbeit am Architekturprojekt reichen. Und die Kirsche auf die Intrigentorte setzt schliesslich das Motiv zum Mord an Verena Schneider.

Der Mord an sich ist im Münchner «Tatort» jedoch nur Nebensache. Von der frischen Liebe Kallis, der mit seiner Freundin zusammenzieht, über den durch seine Affäre mit der jungen Josie aufblühenden Batic bis zur Überforderung Leitmayrs durch die Annäherungsversuche von Kallis Mutter und den teils offenen, teils versteckten polyamoren Verhältnissen Jacobis wird den Begriffen Liebe und Treue auf den Grund gegangen.

Der 76. «Tatort» des Ermittlerduos Batic/Leitmayr weiss trotz des komplexen Themas durch seine Leichtigkeit zu trumpfen. Natürlich ist vor allem ein Mordfall an sich keine leichte Kost; der Erzählstrang, der den eigentlichen Fall in den Hintergrund drängt, bringt jedoch eine – für den «Tatort» ziemlich unübliche – Nonchalance zum Vorschein. Nicht, dass das Thema der Polyamorie einfach wäre, dafür sind die Liebeskonstellationen und die Verstrickung der Lügen und Ausreden Jacobis zur Aufrechterhaltung all seiner Liebschaften zu dicht und komplex. Und doch weichen sowohl Thema als auch Erzählstrang von der üblichen Kriminalgeschichte ab und bringen so frischen Wind in die alten Kulissen des «Tatorts».

Die gesellschaftlich nicht akzeptierte Polyamorie wird zu keinem Zeitpunkt gewertet.

Zudem wird die doch aussergewöhnliche und gesellschaftlich noch nicht ganz akzeptierte Polyamorie – also die Praxis, mehrere Menschen im Einverständnis aller Beteiligten zur gleichen Zeit zu lieben – zu keinem Zeitpunkt gewertet. Es werden Fragen gestellt zur emotionalen Bindung an einzelne Partnerinnen («Wen bedauerst du eigentlich mehr, Verena oder dich?»), über Trennungen mit einhergehenden Selbstfindungsphasen mit sexuellen Ausschweifungen und über die einseitige Treue mancher Beziehungen («Dass Ihre Freundin verheiratet war, das hat Sie nicht sonderlich gestört?» – «Nein, das war ihre Geschichte.»). Trotz allem wird der Tatverdächtige fairerweise niemals als Sittenstrolch dargestellt – auch wenn ihm nicht immer mit Verständnis begegnet wird –, sondern einfach als Mensch mit Bedürfnissen, die von der Gesellschaft teilweise noch nicht vollständig akzeptiert werden.

Das Schlusswort kommt vom wieder alleine lebenden Batic. Auf die Frage des jungen und naiven Kriminalassistenten Kalli, ob die Liebe mit dem Alter schwieriger werde, antwortet der von der Trennung seiner Affäre sichtlich desillusionierte Batic trocken: «Nein, normalerweise gibt es für jeden von uns da draussen jemanden. Aber irgendwie klappt es nicht immer mit der Verteilung.»

Erstellt: 21.05.2017, 21:46 Uhr

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