Wenn das Leben der Lieben zu teuer ist

Fast ein Super-Dokfilm: Der neue Bremer «Tatort» guckt, was der rasende Kapitalismus im toten Winkel seines Rückspiegels nicht sieht.

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Nein, ein Krimi ist das eigentlich kaum. Auch wenn wir nach zweieinhalb Minuten Zeuge einer grässlichen, langsamen Tötung werden, gegen die sich das Opfer – eine alte Frau – mit aller Kraft (aber vergeblich) zur Wehr setzt. Bis zu diesem Moment kommt der neue Bremer «Tatort» mit dem Titel «Im toten Winkel» wie eine poetisch kolorierte Sozialreportage daher: Erst geht Blick auf ein Hochhaus am Stadtrand; Schnitt, die Kamera bewegt sich in einer Wohnung. Einziges Geräusch: das laute, unheildräuende Ticken einer Uhr. Schwenk auf einen Rollstuhl, ein Tischchen voller Medikamente; Altmännerhände. Langsam kriecht der Blick nach oben, zum Gesicht: Ein Greis mit eingefallenen Zügen, er atmet schwer. Steht mühsam auf. Geht den Gang hinunter zu einer Zimmertür. Betritt den Raum, in seinen Augen spiegelt sich – Erschöpfung? Grauen? Überdruss? Trauer? Wir beobachten ihn, wie er auf etwas schaut, das wir nicht sehen: Philip Kochs Regie lässt sich nicht drängen.

Der alte Mann – grossartig: der 91-jährige Dieter Schaad – wird seine demente Frau mit einem Kissen ersticken, Tabletten schlucken und die Polizei rufen, damit sie mit zwei Särgen zum Aufräumen kommt. Sie kommt zu früh, der halb tote Rentner landet im Spital, sein Sohn ist sprachlos. Während Kommissarin Lürsen (Sabine Postel) die Sache unter «versuchter gemeinschaftlicher Suizid» verbuchen will, spricht ihre eigene Tochter und Vorgesetzte (Camilla Renschke) erbarmungslos von Mord. So wird erst mal ergebnisoffen und weitläufig ermittelt; Stedefreund (Oliver Mommsen) bleibt dabei der Sidekick.

Pflegemisere, Altersarmut

Und allmählich entfaltet sich so ein todtrauriges Bild von Deutschlands Pflegemisere und Altersarmut. Von den 2,9 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden über zwei Drittel daheim versorgt – von Angehörigen, die daran oft fast zerbrechen, Frauen und Männern, wie der Film klarmacht. Die Unterstützung durch ambulante Pflegedienste ist da nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Zur Qual, den geliebten Menschen leiden zu sehen, gesellen sich die dauernde, auch körperliche Überforderung, schlaflose Nächte, die Aufgabe von Freiheit und häufig des Jobs – und damit schliesslich auch die Geldnot. Das Leben der Lieben ist zu teuer. Pflegegelder werden meist weit unter dem realen Bedarf gesprochen, und findige Pflegedienste machen mit schlecht ausgebildeten, schwer ausgebeuteten Arbeitskräften Kasse.

Die versierte Drehbuchautorin Katrin Bühlig macht dieses Elend im toten Winkel der Leistungsgesellschaft in eindringlichen Einzelschicksalen anschaulich. Da ist eine junge Mutter, die als Velofahrerin zu Mus gekarrt wurde und nun vor sich hindämmert, derweil ihr Mann sich zwischen Pflege, Arbeit und Söhnchen aufreibt: ein sehenswerter Jan Krauter. Auch die Frau, die sich um ihre alzheimerkranke, zwischen Aggression und Hilflosigkeit taumelnde Mutter kümmert, ist am Rand ihrer Kräfte. Der Krimi hält also ein ganzes Bündel an Verdächtigen parat, als der verhasste Gutachter der Pflegeversicherung ermordet aufgefunden wird. Und obwohl der Spannungsfaktor eher spärlich bedient wird, die Story, dem Thema entsprechend, etwas Statisches hat, bleibt man dran. Auch obwohl – oder besser: weil – sich der Regisseur für einen fast sachlichen Erzählstil entschieden hat.

Zum Mitfühlen

Der unaufdringliche Human Touch der Figuren funktioniert, selbst der Mutter-Tochter-Konflikt der Kommissarin nervt nicht, sondern wurde stimmig ins Gesamtkonzept eingebunden. Die Lürsen, seit 1997 im Dienst, wirkt irgendwie turbogealtert. Und der Gefühlsmix der Verdächtigen, ein Gebräu aus Abstiegsangst, Wut, Schmerz und totaler Hoffnungslosigkeit, geht ihr nah. Uns auch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.03.2018, 21:43 Uhr

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