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Wenn Feministinnen Geschichte schreiben

Die Aufregung um die allein mit Männern besetzte SRF-Geschichtsserie «Die Schweizer» ist gross. Das Gute daran: Die feministische Perspektive ist notgedrungen ein Blick auf Unterdrückung und Ausbeutung.

Während Jahrhunderten Menschen zweiter Klasse: Frauen demonstrieren in Bern für das Frauenstimmrecht. (1929)
Während Jahrhunderten Menschen zweiter Klasse: Frauen demonstrieren in Bern für das Frauenstimmrecht. (1929)
Keystone
Aus der Anonymität in die Geschichtsbücher holen: Spatenstich zur schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit. (1957)
Aus der Anonymität in die Geschichtsbücher holen: Spatenstich zur schweizerischen Ausstellung für Frauenarbeit. (1957)
Keystone
Wer sich mit Frauen in der Geschichte beschäftigt, beschäftigt sich notgedrungen mit Herrschaftsformen: Diskussion in der Roten Fabrik in Zürich. (9. März 1977)
Wer sich mit Frauen in der Geschichte beschäftigt, beschäftigt sich notgedrungen mit Herrschaftsformen: Diskussion in der Roten Fabrik in Zürich. (9. März 1977)
Keystone
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Werner Stauffacher, Hans Waldmann, Niklaus von Flüe, Guillaume-Henri Dufour, Alfred Escher und Stefano Franscini: Mit sechs Männern und keiner Frau besetzt das SRF seine millionenteuere Geschichtsserie «Die Schweizer», die nächsten Monat beginnt.

Es ist ein wenig überraschendes Ensemble aus Politikern im engeren und weiteren Sinn, das sich an einem konservativen Geschichtsbild orientiert und die Heldenbildung fortschreibt, die seit der Konstituierung des Bundesstaats im 19. Jahrhundert mal stärker, mal schwächer betrieben wird. Die Verantwortlichen vom Leutschenbach wähnten sich also auf der sicheren Seite – zu Unrecht, wie sich am Wochenende zeigte. Politikerinnen von der SP bis zur CVP legten Protest ein und in den Social-Media-Kanälen pulsierte die Aufregung. Über den Hashtag #Schweizerinnen wurden die Namen von prominenten Frauen gesammelt, die als porträtierungswürdig erachtet wurden.

Doch was bedeutet es, wenn in der Geschichtsschreibung die «Gleichstellung von Mann und Frau» angestrebt werden soll, wie das die frühere CVP-Nationalratspräsidentin Chiara Simoneschi-Cortesi gegenüber der «Schweiz am Sonntag» gefordert hat? Zuallererst bedeutet es eine nachträgliche Ermächtigung der Frau. Weil die Schalthebel der politischen und ökonomischen Macht bis weit ins 20. Jahrhundert hinein tatsächlich fast ausschliesslich von Männern bedient wurden, müssen die Frauen dieser langen Zeit aufgewertet werden. Dazu dient einerseits die Kenntlichmachung der Macht der wenigen Herrscherinnen, die uns überliefert wurden. Dies kann durch die Analyse ihrer Aktivität und ihrer Errungenschaften, aber auch durch die Entlarvung jahrhundertealter Diffamierung und die Aufhebungen von Herabsetzungen geschehen. Eine solche feministische Umdeutung liess sich jüngst an der Figur Kleopatras beobachten (siehe «Tages-Anzeiger» vom 7. August).

Zwangsläufige Beschäftigung mit Unterdrückung

Weil aber keine Schweizerin auch nur annähernd über die Machtfülle der sechs SRF-Helden, geschweige denn einer Kleopatra verfügte, ist die zweite Möglichkeit feministischer Ermächtigung interessanter. Sie besteht darin, unbekannte Frauen zu geschichtlichen Subjekten zu machen. So wie die linke Geschichtsschreibung den Arbeiter vom Anonymus zum historischen Akteur machen wollte, will das die feministische Geschichtsschreibung für die Frau. «Keine Ehefrauen, Mätressen, Nonnen? Keine Schriftstellerinnen, Forscherinnen, barmherzigen Samariterinnen? Keine Mütter, die ihre Söhne dazu erzogen, in den Kampf zu ziehen?», fragt Kollegin Binswanger in der gestrigen Ausgabe des «Tages-Anzeigers».

Es geht also um eine gezielte Hervorhebung von wenig bekannten oder gänzlich unbekannten Frauen, um auch und gerade in männerdominierten Epochen eine feministische Perspektive zu behaupten. Dabei gäbe es natürlich auch tausend Gründe, statt einer talentierten Schriftstellerin einen nicht minder talentierten Schriftsteller zu porträtieren, statt einer Forscherin einen ebenbürtigen Forscher, statt einer Nonne einen Mönch oder statt einer Mutter einen Hauslehrer. Oder, aus linker Perspektive, einen Arbeiter oder einen Bettler.

Und genau weil die feministische Geschichtsschreibung – ob sie nun will oder nicht – diese linke Perspektive mit einbringt, ist sie relevant. Denn die geschichtswissenschaftliche Beschäftigung mit Frauen bedeutet zwangsläufig eine Beschäftigung mit Herrschaftsstrukturen, Unterdrückung und Ausbeutung. Billig und langweilig sind dagegen Heldenstilisierungen, bei Männern wie bei Frauen.

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