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«Werther-Effekt» bei Netflix-Serie

Nach dem Start der Serie «Tote Mädchen lügen nicht» haben Suizide unter US-Teenagern laut einer Studie stark zugenommen.

Als Netflix Ende März 2017 die erste Staffel der Serie «Tote Mädchen lügen nicht» online stellte, meldeten sich weltweit Psychologen zu Wort. Einhellig warnten sie vor «13 Reasons Why», so der Originaltitel der Produktion, die vom Suizid einer Highschool-Schülerin erzählt. Die Experten befürchteten Nachahmungstaten. Die Macher reagierten, indem sie ihr Werk zum wichtigen Diskussionsbeitrag erklären. Schauspielerin Kate Walsh, die in der Serie die Mutter des toten Mädchens spielt, forderte gar, die Serie in Schulen zum Pflichtprogramm zu machen.

Doch nun legen Studien den Schluss nahe, dass die Warnungen keinesfalls unangemessen waren. Forscher des Ohio State University College of Medicine haben im Zusammenhang mit der Serie ein Phänomen beobachtet, das als «Werther-Effekt» bezeichnet wird – benannt nach Goethes Roman «Die Leiden des jungen Werther», dessen Veröffentlichung seinerzeit zu einer Welle von Selbsttötungen junger Menschen geführt haben soll.

Während dieses berühmte historische Phänomen kaum belegt ist, gibt es unzählige Studien zu dem Effekt in der modernen Zeit. Sie alle gelangen zum gleichen Ergebnis: Wird gross über das Thema Suizid berichtet, etwa weil sich ein Prominenter das Leben genommen hat, steigt die Suizidrate. Noch stärker kommt der Effekt zum Tragen, wenn Ort und Methode genannt werden oder die Selbsttötung legitim erscheint.

Betroffen waren vor allem 10- bis 17-jährige Jungen

In «Tote Mädchen lügen nicht» geschieht genau das: Die Serie spielt nach dem Tod der Schülerin. Sie hat ihren Mitschülern selbst eingesprochene Audiokassetten hinterlassen - Geständnis und Anklage in Hörspielform. Auf 13 Kassettenseiten in 13 Serienfolgen berichtet sie von Mobbing und sexueller Gewalt. Schon der englische Titel «13 Reasons Why» benennt all das als Grund ihres Suizids, der dann als dramatischer Höhepunkt bildlich explizit vorgeführt wird. Für Psychologen ist das ein No-go.

Die Forschungsergebnisse bestätigen ihre Sorge. Im April 2017, also dem Monat nach der Veröffentlichung der Serie, stieg die Suizidrate in den USA um 28,9 Prozent auf den höchsten Stand in fünf Jahren. Bis zum Ende des Jahres nahmen sich 195 mehr Menschen das Leben, als die Forscher aufgrund von historischen Daten prognostiziert hatten. Betroffen war vor allem die Gruppe der 10- bis 17-Jährigen, also Teenager wie die Protagonisten der Serie; Ältere seien nicht betroffen.

Entgegen der Annahme der Forscher stieg die Rate allerdings vor allem unter Jungen, obwohl sich in der Serie ein Mädchen das Leben nimmt. Sie erklären das damit, dass Mädchen zwar häufiger Suizidversuche unternehmen, diese aber seltener tödlich enden und somit nicht in der Statistik verzeichnet werden.

Auch in der Schweiz kamen Dutzende Jugendliche in Kliniken, weil sie durch die Serie auf Suizidgedanken gebracht worden waren. Dies war vor einigen Monaten publik geworden. Dagmar Pauli, Chefin der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uni Zürich, sprach damals gegenüber «10 vor 10» von «haarsträubenden Fällen». Ein Mädchen habe gesagt, sie habe sich noch nie so gut verstanden gefühlt wie als Zuschauerin der Serie; unmittelbar danach habe sie versucht, sich das Leben zu nehmen.

Die Ergebnisse in den USA bestätigt auch Thomas Niederkrotenthaler, der die Gruppe Suizidforschung an der Medizinischen Universität Wien leitet. Ende Mai will er eine eigene Studie zum Thema veröffentlichen. Diese komme mit einer anderen Methode grundsätzlich zum gleichen Ergebnis: einem deutlichen Anstieg der Teenagersuizide in den USA nach der Veröffentlichung der Serie. Anders als die amerikanischen Kollegen hat er aber sehr wohl eine signifikante Zunahme der Suizidrate auch bei Mädchen beobachten können.

Kausaler Zusammenhang nicht beweisbar, aber wahrscheinlich

Die Hypothese: Psychisch beeinträchtigte Teenager ahmen nach, was sie bei Netflix sehen. Thomas Niederkrotenthaler kritisiert in diesem Zusammenhang die Art der Erzählung: «Höchst problematisch ist, dass alle möglichen Probleme, die Jugendliche haben, in der Serie zwingend mit dem Suizid verknüpft werden. Das Hilfesuchen wird als komplett sinnlos dargestellt.» Auch die Erwachsenen wollen in der Serie dem suizidalen Mädchen nicht helfen oder sind dazu nicht in der Lage. Im schlechtesten Fall könne so bei Jugendlichen der Eindruck entstehen, es gebe für sie im realen Leben keine Hilfe bei Problemen - mit der fatalen Folge, dass sie gar nicht erst nach Hilfe suchen, die sie durchaus finden könnten.

Die Autoren der amerikanischen Studie vermeiden die Schuldfrage allerdings – weil sie diese nicht zweifelsfrei klären können. Sie fragen nicht nach den individuellen Gründen für die Selbsttötungen, sondern stellen nur den statistischen Anstieg infolge der Netflix-Serie fest. Dennoch drängt sich die Frage nach der Verantwortung für die 195 zusätzlichen Suizide geradezu auf. «Wir können nicht beweisen, dass sich die Todesfälle kausal auf die Serie beziehen», sagt Niederkrotenthaler: «Aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass sie in einem Zusammenhang stehen. Das sollte Netflix nachdenklich stimmen.»

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