SRF schadet mit seiner Jöö-Reporterin der Politik

Das Schweizer Fernsehen hat mit einer Kinderreporterin den Wahlherbst eröffnet. Das widerspricht dem Service public.

Würde auch gerne abstimmen: Die SRF-Kinderreporterin Marie-Lotta. Foto: Oscar Alessio (SRF)

Würde auch gerne abstimmen: Die SRF-Kinderreporterin Marie-Lotta. Foto: Oscar Alessio (SRF)

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Haben Sie Marie Lotta gesehen? Diese coole Kinderreporterin, mit der das Schweizer Fernsehen den Wahlherbst eröffnet hat? Am Ende der letzten «Arena» wurde die Zehnjährige zum dritten Mal von Moderator Sandro Brotz hinzugeholt – mit der Ankündigung, die «Kollegin» werde im Anschluss an die Sendung den Politikern fürs Kinderprogramm «Zambo» noch einige Fragen stellen.

Herzig und lustig ist Marie Lotta. Und sie stellte frische Fragen, könnte man sagen. Ausserdem: Kann irgendetwas falsch daran sein, wenn Kinder dank gleichaltrigen Reporterinnen schon früh mit politischen Exponenten vertraut gemacht werden, wenn so viel von Politikverdrossenheit die Rede ist?

Ein auflockerndes Element

Nichts gegen die Person Marie Lotta. Die ist smart und sympathisch, wie eine Zehnjährige nur sein kann. Aber sehr wohl etwas dagegen, wie SRF die Viertklässlerin vorschob. Denn offensichtlich hatte man sich von der Kinderreporterin vor allem eines erhofft: dass man sie als auflockerndes Element einsetzen und damit einen Zuwachs in Sachen Sympathie erzielen kann. Auch für Moderator Brotz, der schon mal die Hoffnung äusserte, er wirke etwas «charmanter», seit er die «Arena» übernommen habe. Insofern ist Marie Lotta bei SRF nichts anderes als eine kindliche Christa Rigozzi.

Aber seit wann muss Politjournalismus eigentlich charmant sein? Und für wen? Für die Acht- bis Zwölfjährigen, die mit «Zambo» angesprochen werden sollen? Primarschüler müssten schon längst im Bett sein, wenn die «Arena» läuft. Und sie werden wohl auch nicht erreicht, wenn die Clips mit Marie Lotta von SRF auf dem Ü-40-Netzwerk-Facebook und dem digitalen Journalistentreff Twitter ausgespielt werden.

«Wieso dürfen Kinder nicht wählen?» – Kinderreporterin Marie Lotta fragt nach. Video: Schweizer Fernsehen

Das SRF-Kinderprogramm werde bei Erwachsenen geschätzt, weil es komplexe Inhalte einfach erklärt, hiess es 2016, als bekannt wurde, der Altersdurchschnitt des «Zambo»-Publikums liege bei 53 Jahren. Falls Komplexität ein Problem der SRF-Politberichterstattung ist (was wir nicht glauben wollen), sollte es direkt angegangen werden – und nicht mit einer Kinderreporterin gelöst werden.

Privatleben der Politiker ist irrelevant

Ein Problem waren aber auch die Fragen, die Marie Lotta zu stellen hatte: welches Haustier die Politiker halten, ob sie beliebt in der Schule waren, einen Witz erzählen können. Und ob sie früh aufstehen müssen. Alle diese Fragen, für welche SRF die Verantwortung zu übernehmen hat, unterliegen dem Missverständnis, wir müssten wissen, wie Politikerinnen und Politiker privat ticken. Nein, müssen wir nicht. Massgebend ist allein, für welche Ideen sie einstehen. Welche Entscheidungen sie treffen. Alles andere ist für den Service public irrelevant. Und zwar komplett, solange es nicht justiziabel ist.

Die einzige Politfrage, die Marie Lotta stellen durfte, war jene, warum Kinder nicht wählen dürfen. Das ist relevant, da die 16-jährige Greta gerade den Klimawandel auf die Agenda der Weltpolitik gehievt hat und eine Absenkung des Wahlalters wieder diskutiert wird. Aber wenn eine Zehnjährige die Frage nach dem Wahlalter stellt und dazu sagt, sie würde eigentlich auch gerne mal abstimmen, dann wirkt das weit weg von dem, was in der Schweiz jemals Wirklichkeit werden kann, als müsste man den Anspruch auf politische Teilhabe von Jugendlichen nicht ernst nehmen. Und damit schadet SRF einem berechtigten Anliegen. Auch deshalb sage ich Nein zu Kinderreporterinnen in der Politberichterstattung des Schweizer Fernsehens.

Erstellt: 18.09.2019, 18:16 Uhr

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