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Wieder zu denken anfangen

Vor 20 Jahren wurde die erste Folge der «Sopranos» ausgestrahlt. Wie eine Mafiaserie die Zuschauer vor der Verblödung rettete und den Netflix-Alltag erfand, in dem wir heute leben.

David Steinitz
Tony Soprano wird von James Gandolfini gespielt – einem Typen, von dem kaum ein Zuschauer zuvor je gehört hatte. Foto: Moviestore Collection
Tony Soprano wird von James Gandolfini gespielt – einem Typen, von dem kaum ein Zuschauer zuvor je gehört hatte. Foto: Moviestore Collection

Anfang der 90er-Jahre sass der US-Filmemacher David Chase im Flugzeug. Auf den Bildschirmen lief «Pretty Woman» mit Julia Roberts – und Chase war entsetzt. Die Prostituierte ist das Aschenputtel und der Freier ein Märchenprinz? «Alle lachten», erzählte er über das Erlebnis, «aber ich fand das weder witzig noch spannend, sondern dachte mir, wenn es das ist, was ihr wollt, kann ich mich gleich aus dem Flugzeug stürzen.»

Chase hatte zu diesem Zeitpunkt schon ein paar Jahrzehnte bei TV-Serien wie «Detektiv Rockford» künstlichen Figuren künstliche Dialoge auf ihre künstlichen Fitnessstudiokörper geschrieben. Die Diskrepanz zwischen der Realität der Menschen und der Zuckerwattewelt der Film- und TV-Studios klaffte seiner Meinung nach in keinem Land so krass auseinander wie in den USA.

Dazu musste man nur mal fünf Minuten «Baywatch» und «Beverly Hills 90210» einschalten – oder eben «Pretty Woman». Chase war damals schon Anfang 50 und rechnete nicht mehr damit, in seinem Job glücklich zu werden. Aber zu seinem eigenen Erstaunen fragte ihn kurz nach dem «Pretty Woman»-Erlebnis ein Produzent, ob er sich nicht eine komplett andere Serie für ihn ausdenken wolle.

Eine Kulturrevolution angezettelt

Als vor 20 Jahren – am 10. Januar 1999 – die erste Folge der «Sopranos» beim US-Sender HBO ausgestrahlt wurde, konnte noch niemand ahnen, was für eine Kulturrevolution er damit anzetteln sollte. Der etwas blasse, luxusverwahrloste Serienjunkie, der dringend mal wieder joggen gehen sollte, ist auf jeden Fall ein Produkt jenes süchtig machenden Serienstoffs, den David Chase mit der Mafiaserie erstmals in völlig ungestreckter Form unter die Leute brachte.

Die Tragikomödie des Mafiabosses Tony Soprano, der von intriganten Gangstern, seinen pubertierenden Kindern und seiner hysterischen Mutter wegen Panikattacken zur Psychiaterin getrieben wird, kam damals schon gut an. Aber erst mit dem Abstand von zwei Jahrzehnten lässt sich sagen: Hätte Chase nicht den Mut gehabt, diese Serie zu drehen, würde unsere Unterhaltungsindustrie und unser Netflix-Alltag heute anders aussehen. Der Erfolg von Serienspektakeln wie «Game of Thrones» und «Babylon Berlin», aber auch der Erfolg von Streamingdiensten wie Netflix und Amazon Prime wäre ohne «Sopranos» undenkbar.

Schon am Vorspann zeigte sich das. Man sieht den Paten Tony Soprano im Auto durch den Lincoln Tunnel fahren, New York verschwindet im Rückspiegel, vor ihm liegen die Suburbs von New Jersey. Das galt in der TV-Welt des Jahres 1999 als irre Provokation, weil es die falsche Richtung war, in die der Mann da fuhr. Die meisten TV-Produzenten waren der Meinung, dass der durchschnittliche Zuschauertrottel ja sowieso schon in der Vorstadt lebte. Weshalb man ihm abends etwas zeigen müsse, wohin er es wegen all der Ratenkredite für Autos und Stereoanlagen, die man ihm in den Werbepausen verkaufte, niemals selbst schaffen würde: in die glitzernden Hochhausschluchten von Manhattan. Stattdessen das dreckige New Jersey als Schauplatz zu nehmen, mit seinen Malls und Stripclubs entlang der Autobahn – das klang nach künstlerischem wie kommerziellem Selbstmord für eine Serie.

Statt strahlender Helden gab es einen Haufen kaputter Typen, die nicht schlafen konnten.

Genauso wie der Mann, der da im Vorspann hinterm Steuer sass und an seiner Zigarre zog: Tony Soprano war ein übergewichtiger Kerl mit Halbglatze, der von einem Typen gespielt wurde, von dem zuvor kaum ein Zuschauer gehört hatte. In der Logik des alten TV-Systems hätte es für die Hauptrolle nicht den unbekannten, schwabbeligen James Gandolfini gebraucht, sondern einen italoamerikanischen George Clooney.

Das alte TV-System verlangte Skripts, in denen die Figuren ankündigten, was sie gleich tun würden, es dann auch taten und hinterher noch mal erklärten, was genau sie getan hatten. Die Geschichten wurden der Dramaturgie der Werbepausen angepasst, und falls es jemand nicht rechtzeitig vom Kühlschrank zurück zur Couch schaffte, wurde ihm trotzdem noch mal erklärt, was passiert war. Zudem erzählte jede Folge eine in sich geschlossene Geschichte mit leicht verdaulicher Kalenderspruchmoral, damit die Zuschauer beruhigt ins Bett gehen und von den Produkten aus den Werbeunterbrechungen träumen konnten. Die «Sopranos» waren in dieser Logik formal wie inhaltlich eine Zumutung.

Alle Folgen waren unterschiedlich lang. Auch gab es zwischen den einzelnen Folgen und später den insgesamt sechs Staffeln Zeitsprünge, in denen die Figuren ihr Leben weiterlebten. Es passierten Streits und Liebesgeschichten und Todesfälle, die dem Zuschauer nicht ausbuchstabiert wurden. Und statt strahlender Helden gab es einen Haufen kaputter Typen, die an Depressionen litten, zu viel Alkohol tranken und nachts nicht einschlafen konnten.

Psychoanalyseeines Landes

Der Clou an der Sache war, dass die Serie als Mafiageschichte verkauft wurde. Doch in Wahrheit ging es weniger um den Mafiaboss Tony Soprano als um einen Mann, der in der Midlifecrisis steckt und mit seinem Job, seiner Position als Ehemann und Vater und seinem Bild von Männlichkeit hadert. Die «Sopranos» sind das Porträt eines Menschen und letztlich einer ganzen Gesellschaft in der Identitätskrise.

Was Schriftsteller wie J. D. Salinger, John Steinbeck und Richard Yates das 20. Jahrhundert hindurch in Romanen erledigt hatten – die Psychoanalyse eines Landes, dessen amerikanischer Traum zum Albtraum mutierte –, packte Chase in eine neue Form: die Fernsehserie als grosse Erzählung des anbrechenden 21. Jahrhunderts. Im Ergebnis geschah durch die «Sopranos» mit den degenerierten Couch-Wesen vor den TV-Geräten etwas Ungeheuerliches: Sie durften wieder zu denken anfangen.

Wie jede Revolution hatte auch diese ihren Preis. Für den Dreh einer Serienfolge wurden Ende der 90er-Jahre selten mehr als sieben, acht Tage kalkuliert, und die Budgets lagen meist im fünfstelligen Bereich. Aber die Dreharbeiten einer einzelnen «Sopranos»-Folge dauerten manchmal an die 20 Tage und kosteten bis zu 10 Millionen Dollar pro Episode. Ob sich dieser Aufwand wirklich lohnen würde, da war Chase sich zu Beginn aber nicht mal selbst sicher. Während des Drehs der Pilotfolge erkundigte er sich, ob im Schreibteam von «Akte X» vielleicht noch ein Plätzchen frei sei.

Man hat gar nicht genug Zeit, um all die neuen Serien anzuschauen, die jede Woche starten.

Aber der Erfolg stellte sich bald ein, und der Einfluss der vom Sender HBO produzierten Serie ging schnell über ihre insgesamt 86 Episoden, die bis 2007 ausgestrahlt wurden, hinaus. Nicht zuletzt war sie eine Art Bootcamp für eine goldene Serienmachergeneration: Autor Matthew Weiner («Mad Men») war dabei, auch Terence Winter («Boardwalk Empire») oder Alan Taylor, Timothy Van Patten und Jack Bender vom späteren Regieteam von «Game of Thrones».

Bald schon wollte jeder Sender und später jeder Streamingdienst ein eigenes Serienepos, das man nur mit ihm identifizierte. AMC startete «Breaking Bad», Netflix produzierte «House of Cards». Und das war nur die erste kleine Welle des Serien-Tsunamis, der heute auf den Endgeräten tobt.

Für die Zuschauer ist dies einerseits ein Segen, weil die Auswahl heute so gross ist wie nie zuvor. Andererseits ist die Sucht nach wilden Serienstoffen, die die «Sopranos» losgetreten haben, auch ein Fluch: Weil es immer schwerer wird, mit originellen Inhalten hervorzustechen, überschlagen die Macher sich mit haarsträubenden dramaturgischen Volten. Die Anzahl an spektakulären Stunts und Sexszenen, die früher noch eine ganze Staffel «Sopranos» gefüllt hätten, reicht heute gerade noch für eine Folge «Game of Thrones».

Erzählgefühl geht immer öfter verloren

Der Wow-Effekt der grossen Serien der letzten Jahre entstand aber vor allem dadurch, dass die Erfinder sich die Zeit nahmen, ihre Geschichten langsam anzufangen, bis sie sich zu einem dramaturgischen Sturm verdichteten. Dieses epische Erzählgefühl geht leider immer öfter zugunsten schneller Knalleffekte verloren – das künstlerische Hyperventilieren lässt sich derzeit von «Maniac» bis «Dogs of Berlin» beobachten.

Und als Zuschauer stösst man logistisch an Kapazitätsgrenzen. Weil man arbeiten muss, um sein Netflix-Abo zu bezahlen, und weil man zumindest ein bisschen schlafen muss, um arbeiten zu können, bleibt gar nicht mehr genug Zeit, als dass man auch nur ansatzweise all die neuen Serien anschauen könnte, die Woche für Woche starten.

20 Jahre nach den «Sopranos» wäre es fast schon wieder Zeit für eine neue Revolution – wenigstens für eine kleine. David Chase zumindest, mittlerweile 73-jährig, steht bereit. Er will in diesem Jahr «The Many Saints of Newark» produzieren, die Vorgeschichte der «Sopranos», ein Gangsterdrama während der Rassenunruhen der 60er-Jahre. Und nicht als ausufernde Serie – sondern im guten alten Spielfilmformat.

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