«Manche fragen sich gewiss: Wollen wir uns nicht lieber ducken?»

Erdogans Kalkül in der Böhmermann-Affäre könnte aufgehen, befürchtet Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen.

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Was erwarten Sie, wenn Jan Böhmermann am Donnerstag wieder auf Sendung geht?
Eher ein Scheitern, denn er kann unmöglich allen Ansprüchen gerecht werden. Für die einen soll er nun endlich angemessener, vorsichtiger formulieren, für die anderen muss er in seiner Kritik konsequent bleiben, wieder andere erwarten neue Zoten, und manche empfehlen, dass er die Position des Dauer-Ironikers endlich mal verlässt und ernsthafte Moralbekenntnisse liefert, und so weiter. Böhmermann tritt mit maximaler kommunikativer Last an.

Inwiefern wirkt der Skandal über die Person Böhmermann hinaus nach?
Er ist ein Präzedenzfall in Sachen Einschüchterung. Leider muss man tatsächlich befürchten, dass Erdogans Übergriffe wirken könnten. Mittlerweile diskutieren wir ja auch darüber, ob in Genf ein Bild abgehängt werden oder ein Orchester in Dresden sein Programm umbauen soll, weil man hier vom Völkermord an den Armeniern spricht. Manche fragen sich gewiss: Wollen wir uns nicht lieber wegducken? Auch die Bundeskanzlerin, dies sagt sie ja selbst, hat nicht immer klar genug agiert. Auch wenn man in der Rückschau immer klüger ist: Die Sprache der diplomatischen Beschwichtigung, die viel zu lange seitens der Bundesregierung beherrschend war, hätte unbedingt durch die Sprache der klärenden Konfrontation ergänzt werden müssen, die sehr deutlich macht: Die Satire- und Meinungsfreiheit ist in Deutschland nicht verhandelbar.

Die Böhmermann-Affäre ist an Dramatik kaum zu überbieten. Wann entglitt dem Satiriker die Inszenierung?
Nach meinem Eindruck war seine Ur-Sendung ein eher spontaner Versuch, den Anti-Erdogan-Song des NDR zu toppen, also im Aufmerksamkeitspoker noch einmal zu punkten. Spätestens als Böhmermann den Chef des Bundeskanzleramts per Twitter um Hilfe bat und sich erklären wollte, wurde klar, dass er nicht mehr Herr der Lage war.

Dennoch sind Sie der Meinung, Böhmermann habe mit dem Schmähgedicht die deutsche Satire bereichert.
Er hat eine Zwitterform geschaffen, die ich als «Schmähsatire» bezeichne. Auf der Metaebene liefert Böhmermann die ironisch-didaktische Selbsteinordnung: So, nun erkläre ich mal den Unterschied zwischen Satire (erlaubt) und Schmähkritik (verboten). Was dann auf der Inhaltsebene folgt, ist eine Ballung schlimmer Beleidigungen, lupenreine Schmähkritik, wie auch Böhmermann nicht müde wird zu betonen. Beide Ebenen widersprechen einander. Eben die Radikalität des Widerspruchs – die Gleichzeitigkeit von metakommunikativer Entschärfung und wüster inhaltlicher Attacke – macht den Kompositionserfolg des Ganzen erst aus. Nun lautet die Frage: Was zählt? Der Rahmen oder das Bild?

Sie haben den von Ihnen in den letzten Wochen etablierten Begriff der «Schmähsatire» erwähnt. Ist die verwinkelte Angelegenheit ein Fest für Medienwissenschaftler?
Nein, dazu ist der eigentliche Skandal – die Übergriffigkeit des türkischen Präsidenten, der im eigenen Land die Pressefreiheit mit Füssen tritt und nun offenkundig seine autokratische Vorstellung von Meinungsfreiheit zu exportieren versucht – viel zu ernst. Aber natürlich ist es faszinierend, wie Böhmermann mit seinem unmöglichen Gedicht im Kontext einer Satiresendung eine Debatte angestossen hat – das gibt ihm zumindest nachträglich recht: Wir streiten nun über die Freiheit und die Grenzen der Satire.

Medienwissenschaftler wie Sie loben die Turnerei zwischen den Meta- und Inhaltsebenen. Viele Durchschnittsbürger denken derweil: «Was für grässlich grobe Beleidigungen!»
Es gilt: «Sag mir, was du von Böhmermann und seiner Schmähsatire hältst, und ich sage dir, wer du bist.» Es ist eine Qualität seines Ansatzes, dass sie unsere Urteile und Denkweisen spiegelt – und eines zeigt: Ungewissheit, Unschärfe, das aggressiv und zweideutig Schillernde scheint in unserer Mediengesellschaft ziemlich inakzeptabel, nahezu unerträglich. Man will sofort plakativ wissen, was richtig oder falsch, was gut oder böse ist, was erlaubte Satire und was nur diffamierende Schmähkritik. Wie wenig Ungewissheit aushaltbar erscheint, hat Böhmermann bereits letztes Jahr bewiesen, als er mit einer vermeintlichen Fälschung der Mittelfingergeste des griechischen Finanzminister Varoufakis sämtliche Medien Deutschlands zum Narren hielt – und auf allen Seiten für hysterische Reaktionen sorgte.

Wie befeuerten Facebook, Twitter und Co. den Konflikt zwischen Böhmermann und Erdogan?
Die gewaltige Resonanz auf die Schmähkritik ist ein Lehrbeispiel für die Erregungsdynamik des digitalen Zeitalters. «Extra 3»und «Neo Magazin Royale» sind ja eigentlich Nischensendungen, aber jeder kann nun einen beliebigen Schnipsel einer solchen Sendung aus dem Kontext reissen, diesen blitzschnell verbreiten, die Erregung mitsteigern. Das heisst, gute und schlechte Witze besitzen heute einen globalen Resonanzraum. Und der Satiriker selbst wird auf die Weltbühne einer Auseinandersetzung geschleudert und findet sich womöglich inmitten eines politischen Skandals wieder.

Sogar für den Social-Media-Profi Böhmermann birgt der heutige Medienkonsum Überraschungen. Zu seinem Leidwesen liessen die meisten Vervielfältiger seine Einleitungsrede zum Schmähgedicht einfach weg.
Man sieht hier: Das digitale Zeitalter ist das Zeitalter der permanenten Kontextkrisen, denn eine Äusserung hat heute keinen fixierbaren Kontext und kein eingrenzbares Publikum mehr. Was online ist, kann von Menschen auf der ganzen Welt betrachtet werden – an einem Ort wird eine Äusserung dann als satirischer Spott empfunden, an einem anderen hingegen als derart beleidigend, dass sie scheinbar nach Rache verlangt. Beispiele sind die «Charlie Hebdo»-Karikaturen, der hetzerische Low-Budget-Film «Innocence of Muslims» aus Los Angeles oder auch die Hollywood-Produktion «The Interview», die sich über den nordkoreanischen Diktator lustig machte. Derartige Kontextkrisen sind heute unvermeidlich.

Mit welchen Konsequenzen?
Zum einen ist die Folge womöglich die weltweite Daueraufregung. Zum anderen entstehen Ängstlichkeit und Verzagtheit. Eine offene, freie Gesellschaft muss tatsächlich aufpassen, dass die weltweite Zirkulation satirischer oder sonstiger Stellungnahmen ihr Freiheitsempfinden nicht verkümmern lässt. Denn wenn Satiriker eine andauernde Vorsicht entwickeln und nur noch rumdrucksen aus Angst davor, irgendwo auf der Welt anzuecken, wäre das fatal. Exemplarisch war die Diskussion, die in Frankreich nach dem «Charlie Hebdo»-Attentat geführt und in der von Karikaturisten ein«verantwortungsvolleres Zeichnen» gefordert worden war. Ein solcher Opportunismus – der Satiriker mit staatspolitischer Gesamtverantwortung – wäre einer freien Gesellschaft nicht würdig. Und doch: Man muss gleichzeitig aufpassen, andere nicht unnötig und sinnlos zu verletzen. Das ist der entscheidende Balanceakt.

Sollen Satiriker nun besser demonstrativ Erdogan-Witze reissen?
Das ist unnötig. Erdogan hat sich in den letzten Wochen selbst demaskiert. Jeder, der die Nachrichten auch nur aus den Augenwinkeln verfolgt, kennt nun seine anti-liberale Weltsicht.

Die Gerichte müssen noch über den Fall Böhmermann entscheiden. Wird der Satiriker hier die Rückendeckung finden, die er in der Politik vermisst hat?
Davon ist auszugehen. Denn die Richter werden auf die Ausgangsfrage der Affäre zurückkommen müssen: Darf ein Autokrat Deutschland diktieren, welche Satire ihm genehm ist und welche nicht? Das war der Auslöser. Ich rechne mit einem Freispruch, der die Satirefreiheit sehr weit auslegt. Aber die schillernde Unklarheit von Böhmermanns radikal geschmacklosen, dann wieder künstlerischen Provokationen kann unmöglich von Juristen abschliessend beurteilt werden. Darüber müssen wir als Gesellschaft debattieren. Und streiten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 10.05.2016, 16:09 Uhr

Bernhard Pörksen (*1969) ist Professor für Medienwissenschaften an der Universität Tübingen. Er forscht zu Medienskandalen und Debattendynamiken. (Bild: zvg)

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