«Wuaaau! Wuaaau!»

Statt Heidi Klum sucht nun die Aargauerin Manuela Frey nach dem nächsten Topmodel – erstmals in der Schweiz. Wer gewinnt die Challenge?

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Der erste Gedanke vorab: Hoffentlich wird die Schweizer Topmodel-Kopie nicht allzu peinlich. Der zweite Gedanke: Ist Manuela Frey als Model-Mama tatsächlich die Richtige? Die Aargauerin aus Brugg ist ja selber erst 22-jährig und damit jünger als viele der Teilnehmenden. Wie Modeln geht, weiss sie zwar: 2012 gewann sie den «Elite Model Look Switzerland», am Finale in Shanghai schaffte sie es auf Rang 3.

Seither hält sie sich erfolgreich im internationalen Mode-Business und lebt hauptsächlich in New York. Aber Moderationserfahrung im Fernsehen? Null. Aber durch diese «Challenge» muss sie jetzt durch. Denn nur eine kann die beste Topmodel-Sendung werden. Germany's oder Switzerland's, Team Klum oder Team Frey – wer macht das Rennen? Ein Shootout (wir entschuldigen uns für all die Anglizismen, aber die reden halt so bei Topmodel) in neun Punkten.

Die Chefjurorin alias der «Host»

Ohne Ton und mit ein paar Metern Abstand vom Fernseher ginge Manuela Frey beinahe durch als Heidi Klum. Ähnliche, feine Erscheinung, ähnliche Haarfarbe, ähnlicher Style. Mit Ton hingegen sah die Sache anders aus: Frey verhedderte sich zwar zwischendurch in einem Mix aus Schweizerdeutsch, Englisch und Hochdeutsch. Aber egal. Klum hat es dafür nicht so mit den Zeitformen (im Zweifel immer für den Plusquamperfekt).

Abgesehen davon kam die Schweizerin viel natürlicher herüber als die Deutsche, die sich das Lachen nach zwölf Staffeln Germany's Next Topmodel meist regelrecht rauspressen muss. Frey wirkte in Folge 1 ehrlich begeistert. Sie quietschte vor Freude, als ein Kandidat einen Rückwärtssalto vorführte, war ganz angetan, als ein anderer mit ihr flirtete, was sie sofort schlagfertig kommentierte. Sie staunte über die Laufstegqualitäten des italienischen Kandidaten und sagte immer wieder «Wuaaau!». In ihrer Rolle als Chefjurorin wirkte sie komplett unverkrampft. Einzig bei den Moderationen verfiel sie in diesen unangenehmen Singsang, den man von Nachrichtensprecherinnen im Schweizer Privatfernsehen und -Radio kennt. Oder auch von Heidi Klum, wenn sie Sätzlein aufsagen muss. Punkt für Switzerland.

Die Juroren

Nicht nur zwei, sondern gleich drei Jury-Mitglieder hat Manuela Frey: links die zwei deutschen Modeblogger von «Dandy Diary», rechts das «erfolgreichste farbige Männer-Model» Papis Loveday. So richtig in Szene setzen konnten sich die drei in Folge 1 aber noch nicht, vor allem die Modeblogger blieben blass, erst recht neben dem Paradiesvogel Loveday. Da wollen wir in der nächsten Runde eindeutig mehr sehen. Punkt für Germany.

Die erste Folge

Erfahrene Topmodel-Zuschauerinnen wissen, dass die Folge 1 immer wahnsinnig langweilig ist, weil rein gar nichts Spannendes passiert. Da muss man sich Dutzende, ach was, Hunderte Anwärterinnen im Casting-Schnelldurchlauf antun, die mit wenigen Ausnahmen alle irgendwie gleich aussehen, bis endlich eine überschaubare Auswahl feststeht.

Die Schweizer Ausgabe hingegen hat schon mal was vorbereitet und aus über 1000 Bewerberinnen und Bewerbern nur deren 24 ins Zürcher Kaufleuten bestellt. Dort mussten sie zwei Laufstegrunden überstehen – Bikini und «High-Fashion». Und da warens nur noch dreizehn. Speditiv, so mögen wir das. Zudem musste bereits in der ersten Runde eine Kandidatin zum Umstyling antraben. Erfahrene Zuschauerinnen wissen: Die Haar-Dramen zählen jeweils zu den allerbesten Momenten der Show. Punkt für Switzerland.

Die Models

«Meeedschen» heissen die Kandidatinnen bei Heidi Klum, bei Manuela Frey heissen sie Girls. Und Boys. Bei der Schweizer Ausgabe dürfen nämlich auch Männer mitmachen. Im Vergleich zu den top vorbereiteten Modelanwärterinnen wirkten die meisten von ihnen ziemlich unbeholfen, es war ein einziges Über-den-Laufsteg-Geschlurfe. Einer der Kandidaten beteuerte zwar, er habe zuvor extra einen Laufkurs gemacht. Aber das sei schon eine Weile her. Ja, das sah man. Also Letzteres. Nach dem zweiten Durchlauf flog er bereits raus. Schade! Wir sind nämlich pro Unbeholfenheit. Zwecks Entwicklungspotential. Aber das haben zum Glück noch ein paar andere. Punkt für Switzerland.

Drama-Potential

Was die Unterhaltung angeht, und damit meinen wir «Drama, Baby», dürften die Boys den Girls den Rang ablaufen. Besonders hohe Erwartungen haben wir in den High-Heels-tragenden Italiener Lorenzo und den schlaksigen Saviour aus Biel. Abgesehen davon: alle anständig, alle brav, also alle ein bisschen langweilig. Da hatten die deutschen Kandidatinnen jeweils mehr zu bieten. Punkt für Germany.

Die Kulisse

Der Backstage-Bereich, die Bademäntel, der Laufsteg, das Jury-Podest – alles sah ganz genau gleich aus wie in der deutschen Ausgabe. Sogar der Mann von der Crew, also der Handlanger mit dem Funk im Ohr, der die Models jeweils zum Auftritt begleitet, war derselbe wie bei Germany's Next Topmodel. Einziger Unterschied: Statt in einer Model-Villa in L.A. «müssen» die Kandidatinnen und Kandidaten im historischen Schloss Sihlberg in Zürich logieren, Designermöbel und begehbarer Schuhschrank inklusive. Weil bei den Frauen Überzahl herrscht, müssen sich drei Kandidatinnen ein Bett teilen. Aber das ist ja im richtigen Modelleben vermutlich ähnlich. Wir sind schon gespannt, ob es die Schweizer Shooting-Locations mit jenen von L.A. aufnehmen können. Punkt für beide.

Product Placement

Den Einblender «Diese Sendung enthielt Produkteplatzierungen» hätten sich die Macher getrost sparen können, so aufdringlich wurden die Haarsprays, Getränke, Pflegeprodukte, Schuhe und Elektrogeräte in Szene gesetzt. Im Zweifelsfall wurde sogar lieber eine Kandidatin zu drei Vierteln aus dem Bild gedrängt, um dafür die Produkte schön im Fokus zu haben. Zudem gab es ständig irgendwelche Werbe-Einblender. Und unsäglich lange Werbepausen. Doppelter Punktabzug für beide.

Die Tränendrüsenstory

Kurz vor Ende der Sendung war sie draussen, die erste Schweizer Schicksalsgeschichte: «Ich hatte eine schwere Kindheit, ich wurde wegen meiner Dumbo-Ohren und meiner Zahnlücke gemobbt», erzählte eine der Kandidatinnen – inzwischen erschlankt, operiert und selbstbewusst. Es wird nicht die letzte Schicksalsgeschichte sein. Gehört offenbar zum Topmodel-Franchise-Kriterienkatalog. Keine Punkte.

Diversity

Germany's Next Topmodel setzte in den vergangenen Jahren bewusst auf Vielseitigkeit, pardon, Diversity. Die Schweiz ganz offensichtlich auch. «Wir haben hier sehr viele Mischlinge», stellte eine dieser Mischlingsgirls fest. Im Unterschied zur letztjährigen deutschen Ausgabe waren hingegen keine fülligen Modelanwärterinnen dabei, oder allerhöchstens eine mit drei Kilogramm mehr auf der Hüfte als die anderen. Die flog jedoch gleich in der ersten Runde raus. Aber kaum wegen ihres Gewichts, sondern weil sie zu wenig Pepp hatte. Genau wie die dünnste Kandidatin in der Runde, die mit ihrem pinkfarbenen Koffer ebenfalls nach Hause geschickt wurde. Das finden wir nur konsequent. Punkt für Switzerland.

Fazit

Wer Germany's Next Topmodel doof findet, wird sich auch für Switzerland's Next Topmodel nicht erwärmen können. Objektiv kann es die Schweizer Staffel bislang problemlos mit der deutschen aufnehmen, vor allem die erfrischende Manuela Frey ist eine Entdeckung und ein mehr als würdiger Ersatz für Heidi Klum. In der nächsten Folge steht bereits das Umstyling auf dem Programm. Topmodel-Fans wissen, was das bedeutet: Drama, Baby!

Erstellt: 20.10.2018, 09:53 Uhr

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