Zürich-Hommage oder Zürich-Demontage?

Gestern war die Stadt Schauplatz des ARD-Krimis – das haben die Deutschen daraus gemacht.

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Zürich hoch 2: Gleich im Doppelpack führt die international angelegte Reihe «Der Donnerstags-Krimi» der ARD jetzt in die Limmatmetropole – nach zwei Jahren Pause. Profitabel investierte Zeit! Denn besonders die erste der beiden neuen Zürich-Folgen, «Borchert und die letzte Hoffnung», die gestern lief, hat alles, was ein Fernsehkrimi braucht.

Noch bevor der Vorspann durchgelaufen ist, hat eine junge Frau Blut gespuckt, gezuckt, ihren letzten Atemzug getan. Und die Rettungssanitäter im rüttelnden Krankenwagen, der da durch Zürich prescht, pressen vergeblich auf ihren Brustkorb. Exitus – diffuses Licht. Schnitt auf einen grau gelockten Herrn, der seine Augen zusammenkneift. Er richtet den Blick auf den Fiebermesser: 38,5 Grad. Es klopft, er quält sich hoch, tritt aus dem silbrigen Airstream-Wohnmobil und vor sein Elternhaus an der Susenbergstrasse 10: Tusch für (den gebürtigen Basler) Christian Kohlund als vorderhand unpässlicher, stets abgedrehter und zudem nicht lizenzierter Rechtsanwalt. Borchert eben.

Und zügig wendet sich der Film einer dritten Krankenszene zu: Ein Mann in der Mitte des Lebens liegt erschöpft im Bett. Seine Frau nähert sich mit morgenfrischem Lächeln, und der Zuschauer ahnt nichts vom emotionalen Sturm, der gleich vor ihm und in ihm selbst losbrechen wird. Schmerzverzerrt bittet der Todkranke um Verzeihung – und um «das Mittel». Wie Jenny Schily (eine Tochter des gleichnamigen Politikers) als seine verzweifelte Partnerin mit sich ringt, wie sie das Leid durch den ganzen Film mitnimmt, ohne es hinzuschmieren, ist tolles TV-Drama. Und Regisseur Roland Suso Richter («Der Tunnel», «Mogadiscio») ist ein Erzähler, der zwar in grossen Bögen denkt, aber auch gern mal auf die Stopptaste drückt.

Bis in die Limmat verfolgt

Da darf die Kamera ruhig eine Weile lang ein Mienenspiel liebkosen – dann wieder rappelts in der Kiste. Borchert sucht nach dem Big Picture hinter dem Freitod des Mannes in der Lebensmitte und wird dabei selbst vom Jäger zum Gejagten. Natürlich landet er am Schluss einer Verfolgungsjagd in der Limmat.

Er hats in sich, der dritte Zürich-Krimi der österreichischen Graf Film GmbH, die diese Neunzigminüter produziert: Emotion, Spannung, Lokalkolorit, gekonnt austariert. Die bissigen Pointen werden teils in piekfeinem Hochdeutsch herausgehauen: Da holpert – anders als in «Borchert und die Macht der Gewohnheit» (Sendetermin: 15. 2.) – keiner mit einem pseudo-dialektalen Mundtraktor herum.

Plot kommt vor Postkarte

Überhaupt: Eine in der Wolle gefärbte Zürich-Hommage oder auch Zürich-Demontage ist «Borchert und die letzte Hoffnung» nicht. Doch, doch, sie kommen vor, die obligaten Ansichten des unkaputtbar hinreissenden Sees, der halb neuen Highrise-Architektur mit dem coolen Metropolen-Chic, des romantischen Dächermeers der Altstadt und der nächtlich beleuchteten Grossmünstertürme; auch der ländlichen Idyllen um die Stadt herum. Aber es bleibt bei Schnappschüssen: Nie dominiert die Postkarte den Plot. Gut so.

Gestartet war man 2016, in den ersten Borchert-Filmen, mit Fällen über internationale Business- und Bankenverbrechen, in welche der Rechtsanwalt teils selbst verwickelt war. Nun geht es um einen anderen helvetischen Krimi-Evergreen: Die Story bewegt sich zwischen Sterbehilfe und Big-Pharma-Sauereien. Da haben Ärzte sich für Experimente einspannen lassen, und eine Pharmafirma macht mit der Not Unheilbarer Geschäfte: ein durchaus aktuelles Thema. Genauso wie die Frage, wann Hilfe zum Freitod in Mord kippt. Dass der Anwalt des suspekten Arztes zugleich der Vater von Borcherts Kanzleichefin ist, ermöglicht ausserdem süffige Konflikte: hier Robert Hunger-Bühler mit unerschütterlicher Härte, da die leidenschaftlichidealistische, jedoch nicht unpragmatische Tochter (Ina Paule Klink), die auch Borchert bisweilen die Leviten liest.

Nächste Woche, in «Die Macht der Gewohnheit», wird der Faktor Gefühl etwas herunter-, der Faktor Folklore etwas hinaufgefahren. Der Film rund um einen Einbruch in der Villa eines ästhetisch hochsensiblen Bauimperiums-Erben schrammt mehr an simpler Krimi-Konfektion entlang. Aber auch hier punktet das Buch von Wolf Jakoby mit überraschenden Drehs und Richters Regie mit raffinierten optischen Rückbezügen und klarer Bildsprache.

Zweiter Zürich-Krimi am 15. Februar, 20.15 Uhr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2018, 10:23 Uhr

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