«Die Nacht ist so schön, Weinstein hat sie in sein Hotel gebeten»

Komikern bietet der Weinstein-Skandal hervorragendes Material. Doch bei Witzen über Vergewaltigungen ist die Fallhöhe gross.

Er eignet sich auch als Witzfigur: Produzent Harvey Weinstein. Foto: Gareth Cattermole (Getty Images)

Er eignet sich auch als Witzfigur: Produzent Harvey Weinstein. Foto: Gareth Cattermole (Getty Images)

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Es gibt nur etwas, was für einen Komiker schlimmer ist, als einen schlechten Witz zu machen: viele schlechte Witze zu machen. Das musste am Wochenende James Corden erfahren. Man kennt den Briten von seiner Show «Carpool Karaoke», in der er Prominente herumchauffiert und mit ihnen singt.

Am Sonntag moderierte er die jährliche Spendengala der Anti-Aids-Organisation Amfar in Los Angeles. Und versuchte sich dort am Thema der Stunde: den sich jahrzehntelang wiederholenden sexuellen Attacken des Hollywood-Produzenten Harvey Weinstein auf junge Schauspielerinnen. Corden sagte: «Die Nacht ist so schön, Harvey Weinstein hat sie schon in sein Hotel gebeten, um ihr eine Massage zu geben.» Oder: «Harvey Weinstein wollte kommen heute Abend, aber er gibt sich stattdessen mit jeder Topfpflanze zufrieden.»

«Die Anschuldigungen an die Adresse von Weinstein sind so abscheulich – selbst der Hurrikan Harvey meinte: Dude, du wirfst ein schlechtes Licht auf meinen Namen. Fakt ist, sein Verhalten liess nur Raum für zwei Möglichkeiten: ihn von seiner eigenen Firma feuern. Oder ihn zum Präsidenten der Vereinigten Staaten wählen.»James Corden, «Late Late Show»

Es gab ein bisschen Lachen und viel Raunen im Saal. Schliesslich meldeten sich per Twitter die Schauspielerinnen Asia Argento und Rose McGowen zu Wort – beide werfen Weinstein vor, sie vor Jahren vergewaltigt zu haben. Corden sei ein Schwein, schrieben sie, und seine Witze seien unangebracht. Der moralische Backlash, den Schauspielerinnen recht gebend, folgte in Form einer geballten Ladung empörter Tweets. Und alle mit demselben Tenor: Wie konnte es Corden nur wagen, Witze über eine so ernste Angelegenheit zu machen? Und erst noch so geschmacklos?

Am Montag entschuldigte sich Corden per Twitter: «Dies zur Klärung: Sexuelle Übergriffe sind nicht lustig. Ich wollte Harveys unentschuldbares Verhalten nicht verharmlosen. Ich wollte den Täter beschämen, nicht seine Opfer.» Die Empörten reagierten ungnädig auf Cordens Rechtfertigungsversuch. Er sei ohnehin ein beschämend schlechter Komiker. Und beim Thema Vergewaltigung höre der Spass auf. Dafür seien die Wunden zu frisch.

Andere dürfen sich mehr erlauben

Das scheint nicht für alle Komiker zu gelten. Tatsächlich ist die Sachlage mit den Vergewaltigungswitzen komplizierter, als Twitter, dieser moralische Schwarz-Weiss-Baukasten, vermuten lässt. Die traditionsreiche Comedysendung «Saturday Night Live» (SNL) etwa verzichtete in ihrer ersten Ausgabe nach dem Skandal auf einen entsprechenden Sketch – und geriet gerade deswegen in die Kritik: Man wolle den Hollywood-Mogul offensichtlich schonen, hiess es. Anders lasse sich nicht erklären, warum ausgerechnet die grösste News-Story der vergangenen Woche in der Show keinen Niederschlag gefunden habe. Vermutlich steckten die Produzenten mit Weinstein unter einer Decke.

Erst in der Sendung vom letzten Samstag gab es bei SNL dann einen Sketch mit einem fiktiven Schauspielerinnen-Panel.

«Es war nicht nur Weinsteins eigenes Verhalten. Es geht auch darum, wie Leute um ihn herum es entschuldigten. Schauspielerinnen erzählten, er sei in Cannes in ihr Zimmer gekommen und habe vor ihnen masturbiert. Und alle sagten: Ach so, Harvey wird in dein Zimmer kommen und vor dir masturbieren, so ist er eben, der Harvey. What the fuck?»John Oliver, «Last Week Tonight»

Als Erster hatte eine Woche zuvor John Oliver den Skandal in seiner Show «Last Week Tonight» aufgegriffen und damit gezeigt, dass es durchaus nicht zu früh ist, über Weinstein Witze zu reissen. Vorvergangenen Donnerstag mokierte er sich über den beschämenden Rechtfertigungsversuch des Produzenten, er sei eben in den Sechziger- und Siebzigerjahren aufgewachsen, in dieser Zeit sei solches Verhalten noch akzeptiert worden.

John Oliver dazu: «Aha! Niemand wusste damals, dass Frauen nicht dazu gezwungen werden wollen, sich einen Penis anschauen zu müssen. Das haben Wissenschaftler erst 1989 entdeckt.»

Stephen Colbert doppelte ein paar Tage später nach und witzelte über den spezifischen Vorwurf einer Schauspielerin, Weinstein habe sich vor ihr entblösst, masturbiert und dann in eine Pflanze ejakuliert. Colberts Kommentar: «Pro-Tipp: Falls Sie je bei Weinsteins zum Essen sind, verzichten Sie auf das frische Basilikum. Und wenn Harvey mit der Pfeffermühle um den Tisch kommt, Achtung! Das ist keine Pfeffermühle, die er da in der Hand hält. Hauen Sie besser ab.»

«Weinsteins Anwälte beschrieben Weinstein als ‹alten Dinosaurier, der neue Wege lernen muss›. Das ist doch keine Entschuldigung! Ausserdem konnten sich Dinosaurier vor ihren Angestellten gar nicht unsittlich berühren. Dafür waren ihre Arme viel zu kurz.»Stephen Colbet, «Late Show»

Auch Komikerin Samantha Bee hatte in ihrer Show einen Pro-Tipp für Weinstein: «Jungs, ich habe einen Rat: Ich bin ein grosser Comedystar und eine Hollywood-Produzentin. Und ich fand es bisher gar nicht schwierig, nicht vor Angestellten zu masturbieren. Ich stehe einfach morgens auf, nehme die U-Bahn zur Arbeit und masturbiere nicht. Darum rate ich Ihnen für das nächste Mal, wenn Sie den Drang zum Masturbieren spüren, sich einfach zu fragen: Stehe ich vor einem Kollegen oder Angestellten? Wenn ja, masturbieren Sie nicht.»

Weder Oliver, Colbert noch Bee bekamen dermassen aufs Dach wie Corden.

«Wenn wir schon dabei sind: Männer, es tut mir leid, euch das eröffnen zu müssen, aber euer Penis ist hässlich. Niemand will ihn sehen, egal in welchem Zusammenhang. Sogar die heterosexuellste, geilste Frau, die euch liebt, hofft, dass ihr ihn reinschiebt, bevor sie ihn anschauen muss. Deshalb: Zeigt ihn nicht Fremden. Schickt anderen Leuten keine Bilder davon und schwenkt ihn nicht an Filmfestivals herum.»Samantha Bee, «Full Frontal»

Es kommt immer wieder vor, dass Komiker und Schauspieler mit Vergewaltigungswitzen Schiffbruch erleiden. Im Jahr 2012 etwa entbrannte eine heftige Kontroverse um den Komiker Daniel Tosh, der in einem seiner Programme einen Vergewaltigungswitz gewagt hatte. Eine Zuschauerin rief ihm zu, Vergewaltigungswitze seien niemals lustig, worauf er sich an sie wandte und sagte: «Wäre es nicht lustig, wenn Sie hier gleich vor Ort von fünf Männern vergewaltigt würden?»

Später wurde er für diesen in keiner Weise lustigen Missgriff von seinem Arbeitgeber Comedy Central freigestellt, und er entschuldigte sich. Tosh sagte, dass er zwar zu weit gegangen sei, doch generell gehe es in seinem Geschäft gerade darum, auch die schwierigsten Themen erträglich zu machen.

Die Frage lautet: Wer macht einen Witz?

Das trifft zu, Witze haben kathartische Funktion. Es gibt ganze Bücher über die Bedeutung des jüdischen Humors angesichts des Holocaust beispielsweise. Dennoch ist Humor ein höchst moralisches Geschäft. Die Frage lautet daher nicht, ob man Witze machen kann oder nicht, auch nicht, ob man Witze machen soll oder nicht. Die Frage ist: Wer macht einen Witz? Gegen wen richtet sich der Witz? Und noch wichtiger: Ist er lustig, oder ist er es nicht?

Das zeigt auch das Beispiel der jüdischen Komikerin Sarah Silverman. Bekannt für ihren Brachialwitz, machte sie vor vier Jahren in einem Comedyprogramm selber einen grenzwertigen Kommentar zu Vergewaltigungswitzen. So abscheulich das Verbrechen sei, sagte sie, für Komiker sei das völlig sicheres Terrain: «Vergewaltigungen gehören ja zu den schlimmsten vorstellbaren Verbrechen. Deshalb sind sie ideales Material für einen Komiker. Es gilt als gefährlich und grenzwertig. Aber das ist Humbug, denn: Wer soll sich über einen Vergewaltigungswitz schon beklagen? Die Opfer etwa? Die bringen ja nicht einmal das Verbrechen selbst zur Anzeige. Das sind Leute, die sich traditionell nicht beklagen.» Autsch.

Dafür wurde Silverman ihrerseits harsch angegriffen. Aber als Frau blieb sie wenigstens vom Verdacht verschont, sie hege heimliche Sympathien für das Verbrechen.

Womit wir wieder bei James Corden wären. Die Empörung über ihn, die etwas Reflexartiges hat, ist stark übertrieben. Cordens Witze zum schwierigen Thema waren harmlos. Sie gingen nicht auf Kosten der Opfer, sondern richteten sich gegen Weinstein. Sie waren auch nicht aggressiver formuliert als die Pointen anderer Komiker. Vielleicht war Corden sogar zu wenig aggressiv. Der grösste Fehler für den Komiker ist nie das Thema, das er wählt. Sondern, wenn seine Witze nicht lustig sind.

Weitere Vorwürfe sexueller Belästigung gegen Hollywood-Filmboss Harvey Weinstein. Video: Tamedia/AFP (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.10.2017, 20:59 Uhr

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