«Frauen sind Fussvolk, die Generäle immer noch männlich»

Das Literaturhaus Zürich wird 20. Leiterin Gesa Schneider über den Geschlechterkrieg in der Branche und den Schweizer Hang zum Unpolitischen.

«Wir haben mehr Freiraum und mehr Freiheit»: Gesa Schneider auf dem Dach des Literaturhauses. Foto: Andrea Zahler

«Wir haben mehr Freiraum und mehr Freiheit»: Gesa Schneider auf dem Dach des Literaturhauses. Foto: Andrea Zahler

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Statistiken sagen, dass weniger gelesen wird. Dafür boomen Lesungen. Verstehen Sie das?
Ja. Wer einer Lesung beiwohnt, hört etwas, das über das Gelesene hinausgeht, das er/sie selbst so noch nicht gedacht hat. Man kann miterleben, mitverfolgen, wie Gedanken entstehen – wie im Kleistschen Aufsatz über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden.

Schreiben ist ein einsames Geschäft, Lesen auch. Was passiert, wenn Leser zum Publikum werden?
Das Publikum erlebt ja nicht bloss den Text in gesprochener Form, sondern auch den Autor oder die Autorin als Vermittler. Und es erlebt sich als Gemeinschaft: Es hört etwas, worüber man hinterher gemeinsam sprechen kann. Das ist immer wieder ein Faszinosum: in der Gemeinschaft über sich selbst hinauszuwachsen. Hier eben mit der Literatur.

Die klassische Lesung wurde längst aufgewertet zu Lesung plus Moderation. Führt das Gespräch nicht weg vom Eigentlichen und hin zum Privatleben?
Eine gute Moderation tut das gerade nicht. Sie bringt zwei intelligente Menschen in ein Gespräch über Sprache und Welt. Sie zeigt, wie man mit Literatur eine Welt erschliessen kann. Reine Lesungen sind auch für mich persönlich etwas unbefriedigend. Im Gespräch sehe ich einen klaren Mehrwert, und das wird übrigens auch immer mehr erwartet.

«Wir haben die Verantwortung, Kunst sichtbar zu machen, die nicht von vorneherein erfolgversprechend ist.»

Die Lesung boomt. In Zürich soll es 500 im Jahr geben, im Literaturhaus rund 130. Ist das nicht zu viel?
Ein bisschen zu viel ist es höchstens, weil wir ein kleines Team sind mit Hang zur Selbstausbeutung. Aber für das Publikum ist es offenbar nicht zu viel. Die meisten Lesungen sind ja sehr gut besucht. Deswegen können Kaufleuten, Kosmos, Literaturhaus und viele weitere Veranstalter auch gut miteinander leben. Man darf auch nicht vergessen, dass nicht wenige Autorinnen und Autoren von den Honoraren der Lesungen leben, nicht von den Buchverkäufen.

Was kann ein Literaturhaus mehr sein als eine Abspielstation für Lesungen?
Es kann einen Raum öffnen für das gemeinsame Denken. Das klingt hochtrabend, passiert aber immer wieder – auch bei unerwarteten Gelegenheiten. Wenn eine Autorin aus Indien oder Mexiko ihre Sicht der Welt und ihr Verhältnis zum Schreiben darlegt, entstehen ganz neue Sinnzusammenhänge.

Wieso ist es so schwer, neue Formen zu finden, Literatur auch öffentlich zu präsentieren – jenseits von Lesung und Gespräch über Literatur?
Wir versuchen es immer wieder. Wir arbeiten gerade mit der ZHDK an einer performativen Sachbuchlesung mit Schauspielern. Allerdings sind solche Experimente sehr aufwendig, wir kommen da schnell an unsere Grenzen. Wir sind halt kein Theater und ziemlich minimalistisch aufgestellt. Ich finde aber auch, dass man die Dinge nicht immer neu verpacken muss. Es geht halt meist doch um ein Buch und einen Menschen. Da braucht es nicht immer neue Effekte.

Was unterscheidet das Literaturhaus von anderen Literaturveranstaltern in Zürich?
Wir haben mehr Freiraum und mehr Freiheit. Wir sind subventioniert, haben also die Verantwortung, Kunst sichtbar zu machen, die nicht von vorneherein erfolgversprechend ist.

Machen Sie nicht aus der Not eine Tugend? Ihr Saal ist so klein, dass Sie grosse Zugpferde gar nicht präsentieren können.
Wir haben 120 Plätze: ein Vorteil und ein Nachteil. Der Vorteil: Wir können den Saal füllen mit interessanten Autoren, ohne dass es leer wirkt. Wir müssen nicht wie andere Tickets verlosen. Den Nachteil, dass wir grosse Namen nicht ins Haus holen können, gleichen wir aus durch Kooperationen. Da darf man nicht narzisstisch sein.

«Was mir auffällt, ist allerdings eine gewisse Tendenz zum Sich-Verkrümeln.»

Werden Sie nicht neidisch, wenn Sie an die deutschen Literaturhäuser denken – mit Buchhandlung, Café und grossem Eingangsbereich?
Neidisch ist das falsche Wort. Aber die Sehnsucht packt mich schon manchmal. Insbesondere ein attraktiver Eingangsbereich wäre sehr schön. Aber andersherum: Die Museumsgesellschaft, der das Haus gehört, gibt es als Lesegesellschaft schon seit 1834! Man kann also auch sagen: Welches Literaturhaus hat schon eine eigene grosse Bibliothek, welches einen Lesesaal, in dem schon Lenin, Joyce und Tucholsky gesessen haben?

Wieweit fühlen Sie sich der Schweizer Literatur verpflichtet? Sehen Sie gar eine Art Fürsorgepflicht?
Wir versuchen schon, die wichtigsten Schweizer Buchpremieren bei uns zu machen, und wir stellen regelmässig Schweizer Debüts vor. Aber natürlich müssen wir auswählen. Ich sehe tatsächlich eine Verpflichtung und Verantwortung, der ich nach bestem Wissen und Gewissen nachzukommen versuche.

Wo sehen Sie die Schweizer Literatur gerade?
Soweit man das so allgemein sagen kann: Es gibt immer wieder sehr schöne Titel, die Schweiz hat etliche stilistisch hervorragende Autoren, auch junge. Was mir auffällt, ist allerdings eine gewisse Tendenz zum Sich-Verkrümeln. Es gibt so grosse, ja plakative Themen, die die Welt und auch die Schweiz bewegen, vom Klima über die Flüchtlinge bis zum Finanzsystem. Stattdesssen sehe ich viele Bücher, die das Kleine beschreiben, das Private. Das ist keine Wertung, ich nehme es nur mit Erstaunen zur Kenntnis.

Ihr Team ist überwiegend weiblich, und Sie laden gezielt Autorinnen und Moderatorinnen ein.
Natürlich haben wir ein Gleichgewicht der Geschlechter im Blick. Ich freue mich, wenn ich neue Autorinnen lancieren kann, gewissermassen neue Ritterschläge verteilen. Und Themen ansprechen, die aktuell sind. Was den Literaturbetrieb generell betrifft, soweit ich das übersehe: Da habe ich den Eindruck, die Frauen sind öfters das Fussvolk und die Generäle immer noch meist männlich.

Wo wird das Literaturhaus in 20 Jahren stehen?
20 Jahre sind in der Literatur kein Zeitraum, sie hat ganz andere Zeithorizonte. Und die Unkenrufe, was das gedruckte Buch angeht, haben sich ja nicht bewahrheitet. Mag es weniger Leser geben – Bücher gibt es eher mehr. Und die guten veralten nicht. Ich habe kürzlich wieder Montesquieu gelesen, die «Lettres persanes». Das ist 18. Jahrhundert – aber immer noch eine grossartige Lektüre. Ich glaube fest daran, dass es das Literaturhaus, als Spiegel, als Seismograf, als Ort, der Weltliteraturen nach Zürich holt, in 20 Jahren noch gibt.


Am 7./8. September feiert das Literaturhaus sein 20-jähriges Bestehen mit Lesungen, Gesprächen, Führungen, Rückblicken und einer Party. Programm www.literaturhaus.ch

Erstellt: 02.09.2019, 16:48 Uhr

Das Literaturhaus in Zahlen

Jahresbudget: ca. 800'000 Fr.

Subventionen Stadt Zürich: 420'000 Fr.

ZKB: 120'000 Fr.

Eintritte, Stiftungen, Unterstützer Einzelveranstaltungen, Museumsgesellschaft: ca. 260'000 Fr.

Besucher im Schnitt: 12'000 pro Jahr

130 Veranstaltungen

300 Stellenprozente, dazu ein Praktikum und Studenten im Stundenlohn Abenddienst

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