Gestohlene Momente

Die Bilder von Vivian Maier, dem «fotografierenden Kindermädchen», sind in der Zürcher Photobastei zu sehen.

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Die Geschichte ist zu gut, um sie nicht nochmals zu erzählen. 2007 ists, als der amerikanische Hobbyhistoriker John Maloof an einer Zwangsversteigerung einen Karton mit Fotonegativen ergattert. Für 380 Dollar. Von der Urheberin der ersteigerten Bilder, einer gewissen Vivian Maier, hat er noch nie gehört; das Internet ergibt auch keinen Treffer. Aber die Bilder – Stadtansichten, Schnappschüsse von Leuten auf der Strasse, urbane alltägliche Kuriositäten – gefallen ihm, also stellt er sie ins Netz. Das wird sein Leben verändern.

Das www-Völkchen überschlägt sich vor Begeisterung, will immer mehr sehen von dieser Vivian Maier. Also scannt Maloof fleissig weiter ein. Und macht es sich gleichzeitig zur Aufgabe, herauszufinden, wer diese Vivian Maier eigentlich war. Über eine auf ein Couvert aufgedruckte Adresse in dem ersteigerten Karton findet er ihren ehemaligen Arbeitgeber, besucht ihn – und erfährt: Vivian Maier war ein Kindermädchen. Einerseits. Andererseits, in ihren freien Stunden, streifte sie mit der Fotokamera um den Hals durch Chicago. Fast täglich füllte sie dabei ein Filmröllchen; insgesamt waren so weit über 100'000 Bilder entstanden. Und nicht etwa nette Versuche eines begeisterten Laien. Sondern Werke eines Profis mit sicherem Auge und Gespür für den viel beschworenen «entscheidenden Moment».

Am Ende verarmt und einsam

Vor einem bitterem Ende – verarmt, einsam und verwahrlost – hat sie das freilich nicht bewahrt. Vivian Maier starb 2009, wenige Monate bevor ihre Bilder im Internet viral gingen. Seither hat sie eine Karriere hingelegt, wie sie wohl nur im Zeitalter der Social Media möglich ist. Die Bilder der fotografierenden Nanny wurden millionenfach ­geshared, die Originalabzüge dutzendfach in Europa und den USA ausgestellt; Howard Greenberg, einer von New Yorks Top-Fotogaleristen, vertritt sie exklusiv, ein Dokumentarfilm kam ins Kino. Und jetzt gibts die Bilder endlich auch in der Schweiz zu sehen: Romano Zerbini, kreativer Kopf der Photobastei, hat zusammen mit dem Kurator Daniel Blochwitz die bisher grösste Vivian-Maier-Schau überhaupt gestemmt.

Fast 150 Bilder aus den 50er-, 60er-, 70er-Jahren reihen sich in den schlichten Ausstellungsräumen am Sihlquai aneinander, so arrangiert, dass man meint, Vivian bei ihren Spaziergängen über die Schulter zu schauen: hier ein paar spielende Kinder; da ein Bettler beim Sandwichessen; dort zwei herrliche alte Schachteln, für den nachmittäglichen Citybummel aufgebrezelt und über das unerhoffte Abgelichtetwerden offenbar wenig erfreut. Vivian fotografierte, ohne um Erlaubnis zu bitten. Die Strassen waren ihr Jagdrevier; was ihr vor die Linse kam und visuell appetitlich schien, wurde geschossen. Gnadenlos und ungeschminkt. Und manchmal scheint es, als hätte sie auch etwas von dem abbilden können, was für das Auge eigentlich unsichtbar ist: Kinder sehen bei ihr aus wie die geschrumpfte Version der Erwachsenen, die sie mal sein werden. Einer Braut ist die Beschwerlichkeit ihrer Ehe bereits ins Gesicht geschrieben.

Belege für das Böse

Und immer wieder taucht Vivian Maier selbst auf den Fotos auf, als Schattenwurf am Bildrand oder als Reflexion in einem Spiegel; eine etwas grobschlächtige Gestalt in weit geschnittenem Mantel, die kurzen Haare mädchenhaft mit einer Klammer aus dem Gesicht gehalten. Der Blick: meist ernst, konzentriert, bisweilen belustigt. Vivian ging voll auf in diesem Doppelleben, diesem Sammeln von Momenten im Leben der andern, in das sie sich kurz einschlich, abdrückte – und etwas davon mitnahm.

Wozu? Das Gros ihrer Werke entwickelte sie nicht (auch aus Zeit-, Geld- und Platzmangel, wie man mittlerweile weiss). Vor ihren Arbeitgebern, bei denen sie jeweils auch wohnte, hielt sie dieses obsessive Bildersammeln geheim; ihr Zimmer schloss sie ab und regte sich furchtbar auf, wenn man in ihr Reich eindrang. Wer es dennoch tat, erzählt vom Zimmer eines Messies: Meterhoch stapelten sich die Zeitungsberge. Oft waren Ausrisse von Berichten zu Verbrechen darunter, als habe Vivian Belege für das Böse gesammelt. Manche ihrer Schützlinge erinnern sich, sie habe vor Männern gewarnt; wenn man sie überraschend berührte, konnte sie handgreiflich werden.

Wer diesen düsteren Unterton in der Photobastei sucht, muss schon sehr genau hinschauen. Ganz sicher nicht zu sehen indes, weil noch nicht aufgearbeitet: Vivians Fotos von ihrer Weltreise, die sie unternahm, nachdem sie in den 50ern eine kleine Erbschaft gemacht hatte. Stichproben aus diesem Teil ihres Œuvres machen klar, dass sie locker mit den bekannten Werken mithalten können. Und man kann sich vorstellen, welche Furore dieses Konvolut machen wird, sobald es veröffentlicht wird.

Ein wenig graut einem vor dem Gedanken, wie viel Profit daraus geschlagen werden wird. Das Geschäft mit Vivian Maier läuft, auch in der Zürcher Ausstellung sind die meisten Bilder für 3000 bis 8000 Franken zu kaufen. Die Fotografin, die konstant am Existenzminimum lebte, hätte das Geld gut gebrauchen können. Nun kriegen es die, die ihre Hinterlassenschaft zu verwalten wissen.

Bis 3. April. www.photobastei.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.03.2016, 18:14 Uhr

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