Giacobbo & Müller hätten das nicht gemacht

Heute Abend geht Dominic Deville mit seiner Late-Night-Show wieder auf Sendung. Wie entsteht Humor im kreativen Kollektiv? Und was darf man, was traut man sich?

Nüchtern am Sonntagmorgen in Wipkingen: Dominic Deville (l.) und seine Autoren bei der Humorarbeit. Foto: Dominique Meienberg

Nüchtern am Sonntagmorgen in Wipkingen: Dominic Deville (l.) und seine Autoren bei der Humorarbeit. Foto: Dominique Meienberg

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Am Sechseläutenplatz gibt es zurzeit den Teppich, die Stars, die Filme und das zugehörige Festival. Auf der anderen Strassenseite, wo wir gerade stehen, hat sich eine Schlange mit jüngeren Menschen gebildet, die zum Produzenten eines Hits anderer Art gelangen will: ins Mascotte, wo an diesem Abend die Sendung «Deville» fürs Schweizer Fernsehen aufgezeichnet wird.

Vor einigen Monaten lief das Late-Night-Format noch weitgehend unter dem Radar der allgemeinen Aufmerksamkeit durch. Bis dieses Video erschien, das sich mit der Bitte an Trump wendet, nach «America First» der Schweiz den zweiten Platz in der Weltordnung einzuräumen. Wegen der Sterbehilfeorganisation Exit, die Obamacare ersetzen könnte, oder des Schweizer Kreuzes, das Trumps Freunde vom Ku-Klux-Klan ja schon übernommen hätten. 12 Millionen Mal wurde das Video inzwischen auf Youtube angeklickt.

«Es sind insgesamt 17 Millionen, wenn man Facebook und die anderen Plattformen dazuzählt», korrigiert Dominic Deville, als wir uns drei Tage vor der Aufzeichnung erstmals treffen. Ich will von ihm wissen, wie man einen Klickhit produziert – und wie man es schafft, sich aus dem Schatten von Viktor Giacobbo und Mike Müller herauszubewegen. Noch heute haben die beiden die Kraft, mit ihrer Late-Night-Show jedes Nachfolgeformat hinwegzufegen, mit der Wiederholung der alten Folgen – und wohl auch mit dem Bühnenprogramm, mit dem sie demnächst auf Tour gehen, wie sie an diesem Abend erzählen: in der Sendung von Deville.

Der hat die beiden eingeladen, als Zugpferde der neuen Staffel seiner Sendung einen Schub zu geben. «Die Jungen machen die Sache gut», mümmelt Giacobbo auf dem Sofa von «Deville», womit er natürlich die Lacher für sich abholt. Schwierig, dem Schlagschatten von Giacobbo und Müller zu entkommen. Zumindest an diesem Abend.

Den eigenen Humor entwickeln

Der Klickhit von Deville ist hingegen rasch erklärt: Es war Jan Böhmermann, der an einem Montag im Februar eine Einladung an die europäischen Late-Night-Formate verschickte, ihr eigenes Land in einem Video satirisch zu pushen. «Wir haben die Chance sofort erkannt, wussten aber auch, dass wir schnell sein mussten, wenn wir mit den ersten Videos zusammen auf der Website sein wollten, die Böhmermanns Team eingerichtet hatte.» Deshalb hätten sie damals alle ihre Kräfte ins Trump-Video investiert – und es gelang. Im kommenden Jahr wollen die Schweizer wieder etwas mit Böhmermann machen.

«Hast du es dir so vorgestellt?», fragt Deville, als ich die Sitzung mit seinen Autoren einige Zeit verfolgt habe. Nun ja, wie stellt man sich Humorarbeit vor? Ein paar Freaks, die durch ein Zimmer tollen, Alkohol trinken, Crack rauchen und irgendwann völlig umnachtet, mit heftigem Kater und umgeben von Pizzaschachteln, noch ein paar böse Witze in die Tastatur hauen? Kaum.

Die Arbeit an der jüngsten «Deville»-Ausgabe beginnt denn auch nüchtern an einem Sonntagmorgen in Zürich Wipkingen: In einem schmucken Altbauwohnzimmer über dem Restaurant Nordbrücke sitzen die Autoren – zwei Männer, zwei Frauen und Dominic Deville – um einen Tisch herum. Etwas abgerückt nimmt der Produzent Peter Luisi Platz, der die Aussenwahrnehmung eines Zuschauers simulieren soll, an diesem Sonntag aber auch kräftig Inputs für die Sendung liefert.

«Meine Autoren riechen alle wahnsinnig gut, und wir haben wilden Sex miteinander», sagt Deville, als er bei der Aufzeichnung der Sendung sein Team vorstellt, was ein Witz ist. Wahr ist aber, dass Deville und seine Autoren miteinander befreundet sind und dass sie es als ihr Ziel ansehen, gemeinsam einen eigenen Humor zu entwickeln, weshalb sie lieber im überschaubaren Kollektiv arbeiten. Das unterscheidet «Deville» denn auch von Giacobbo und Müller, die zeitweilig mit einem Heer freier Autoren zusammenarbeiteten. «Wenn man eine Late-Night-Sendung machen will, muss man extrem schnell reagieren. Das geht meiner Meinung nach nur, wenn man zusammensitzt», sagt Deville.

So wird an diesem Morgen in Wipkingen zusammengetragen. Und man lässt gemeinsam die Assoziationen galoppieren: Jonas Fricker hat gerade sein Nationalratsmandat abgegeben, nachdem sein Holocaust-Vergleich empörte. Vielleicht könnte man eine Nummer machen, was Fricker sonst noch an Vergleichen einfällt? «Jonas Fricker, Filmkritiker» kommt an die Wand, wo mit Post-its und Umgruppierungen der Ablauf der Sendung geplant wird. Der Zettel mit Filmkritiker Fricker wird aber bald nach links verschoben, wo die Ideen hängen, die vielleicht in einer späteren Sendung noch vorkommen könnten.

Inzwischen haben alle Autoren ihre Laptops aufgeklappt; die Newsseiten werden nach Themen abgegrast: «20 Minuten», «Blick», «Tages-Anzeiger», «New York Times». Immer ran an die Aktualität, scheint die Devise zu sein. «Das ist unsre Daseinsberechtigung», sagt Deville. «Auch beim Schweizer Fernsehen, wo es sonst kein Satireprogramm gibt, das auf die Aktualität eingeht.»

Am Dienstag, als man erneut zu den Late-Night-Machern stösst, dominieren das Katalonien-Referendum und das Massaker in Las Vegas. Der Mann vom SRF, mit dem das Deville-Team in Kontakt steht, hat davon abgeraten, das Ereignis in den USA zum Thema zu machen. Was aber nicht bedeutet, dass man sich im Team von Deville auch daran hält. Und dies, obwohl über ihm ein Zettel mit der Aufschrift «Zensiert vom Ombudsmann» hängt. «Der Ombudsmann interessiert uns nicht», sagt Deville. «Und auch unser Verbindungsmann zum SRF wird uns nicht daran hindern, dass wir ein Thema machen. Bloss wenn es in die Hose geht, wird er sagen: ‹Schaut, ich habe es euch doch gesagt.›»

Blaues Sofa: Carte blanche

«Dreissigtausend Cowboys, und keiner schiesst zurück», schiebt Deville als mögliche Pointe zu Las Vegas in den Raum. Seine Autoren quittieren sie aber zunächst nur mit einem hohlen «Hoho». «Hey, was denn? Ich sitze auf dem blauen Sofa!» Das hellblaue Ikea-Ding ist so etwas wie die Carte blanche: Hier ist alles erlaubt, hier darf man alles sagen, egal wie grenzwertig oder böse es ist. So die Abmachung. «Das ist verdammt wichtig», sagt Deville. «Wenn man ein aktuelles Thema aufgreift, muss man es von allen Seiten angehen, andere, vielleicht auch irre Zugänge ausprobieren. Und damit man merkt, ob etwas zu viel ist, muss man es auch mal aussprechen.» Davon ist Deville überzeugt. Und so probiert er vor seinem Kleinstpublikum einige Ideen aus, bis er beschliesst, für die Nummer mit den dreissigtausend Cowboys die Rolle eines Waffenhändlers anzunehmen. Am Ende fällt sie dem Schnitt der Sendung zum Opfer. Wegen eines technischen Problems, weil sie vor dem Live-Publikum nicht so richtig funktionierte und anderes lustiger war.

Die Lust am Unfertigen

Deville begann seine Bühnenkarriere als Punk. Ist seine Late-Night-Sendung die Fortsetzung mit anderen Mitteln? «Das nicht. Aber ohne Punk wäre wohl kaum möglich, was wir heute machen.» Gemeint ist die kollektive Arbeit, die Lust am Rohen, Unfertigen und der Grenzüberschreitung, wobei er diese als Horizontöffnung versteht.

«Es ist nicht so, dass wir uns überlegen, wie wir nun Krawall und Skandal machen können», sagt Deville. Aber die Öffnung ist wichtig, wenn es um die harte Wirklichkeit geht: «Das ist doch das Spannende, wie gehen die Late-Night-Hosts mit so etwas um? Gehen sie darüber hinweg?» Für Deville ist es das Mutigste, wenn man auch auf ein Ereignis wie das in Las Vegas reagiert. «Deshalb gibt es uns: dass wir zur Aktualität Stellung nehmen.»

Einige sagen, Punk sei tot. Das Fernsehen und mit ihm das Late-Night-Format erst recht – im Zeitalter von Youtube, Netflix, Streams und On-Demand, wo jeder sich zu seiner Zeit das anschaut, was ihm mutmasslich gefällt. «Wir arbeiten mit unseren Möglichkeiten», sagt Deville. In einer anderen Zeit als «Giacobbo & Müller», ohne deren Figuren, dafür mit eigenen Haltungen – und mit Einspielfilmen, die durch ihren hochwertigen Look überzeugen. Darauf legt Devilles Team, das mehrheitlich aus Absolventen von Filmschulen besteht, grossen Wert.

«Prozess wegen aktiver Roger-Federer-Missachtung» – Die Macher von «Deville» legen grossen Wert auf den hochwertigen Look ihrer Einspieler. Lustig sind sie selbstverständlich auch.

«Dafür haben sie dann wieder Geld!», sagt Giacobbo einmal, als er während der «Deville»-Aufzeichnung einen No-Billag-Anhänger mimt. Was ein ziemlich böser Witz ist, wenn man weiss, dass eine «Deville»-Sendung nur halb so viel kosten darf wie eine Folge von «Giacobbo & Müller». Insgesamt werden auch nur 20 Folgen von «Deville» pro Jahr produziert, weshalb das Format nun fast sieben Monate vom Sender war. Was nochmals die Schwierigkeit erhöht, als eigenständiges Late-Night-Format wahrgenommen zu werden. «Wir beginnen wieder bei null», sagt Deville. Aber der Anfang ist ihm auch diesmal gelungen.

«Deville» läuft am Freitag um 23.40 Uhr auf SRF 1. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.10.2017, 19:28 Uhr

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