Gipfelsturm im Oberland

Der Alpinismus-Kult blüht. Wir lassen uns anstecken.

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Ich stehe in der Wand. Es geht nicht voran, es geht nicht zurück. Mit den Fingerkuppen kralle ich ins Gestein, die Zehen balancieren auf einem schmalen Felsvorsprung. Totale Konzentration. Ich habe Respekt, aber keine Angst. Keiner der grossen Kletterer hat diesen Giganten je bestiegen, weder Edmund Hillary noch Reinhold Messner. Vor mir liegt die letzte Herausforderung des Spitzen-Alpinismus. Bevor Ueli Steck im Mai über die Everest-Lhotse-Linie joggt, mache ich hier Geschichte. Über mir türmt sich der Traum jedes Bergsteigers, der Bachtel.

Ich stehe in der Wand und denke: Das ist wahres Leben, weit weg von städtischer Dekadenz. Bevor ich mich den Launen der Natur ausgesetzt habe, besorgte ich mir in der Bahnhofstrasse Top-Equipment: Red-Chili-Chalkbag, Red-Chili-Kletterschuhe. Ich stehe in der Wand, zehn Zentimeter unter mir verläuft der schmale Spazierweg hinauf zum Gipfel. Falle ich jetzt herunter, könnte ich mir den Knöchel verstauchen. Anspannung, aber auch Demut. Ich betrachte eingehend das Stück Stein vor meiner Nase. Welche Geheimnisse es wohl birgt? Ich versuche, den Kopf zu drehen. Ich sehe den Gletscher. Was für ein Anblick. Der Gletscher, der popelweisse Gletscher, der Hodensack-verkrampfende Gletscher. Gefühl der Erhabenheit.

Die Wirkung des Energy-Oat­snack-Banane-Schoko-Riegels lässt nach.

Ich merke, wie die Wirkung des Energy-Oat­snack-Banane-Schoko-Riegels nachlässt. Ist das Ende nah? Nachfassen am harten, unerbittlichen Gestein. Die Sonne glänzt im Gletscher. Toller Effekt. Ich erinnere mich an den Amerikaner, der im 19. Jahrhundert mit einem Sonnenschirm über den Gornergrat schweben wollte. Mir wird schwindlig. Ich blicke nach oben. Wo bleibt der Sherpa mit der Sauerstoffflasche?

Ich muss halluzinieren: Der Sherpa hat sich in einen dicken Mann mit Hornbrille verwandelt, der auf einem Bänkchen sitzt und Wurst schält. Mich erfasst das Grauen: Das ist sie also, die gefürchtete Höhenkrankheit. Dann trifft mich der Schlag – wahrscheinlich ein schmaler, eckiger Stein. Als ich die Augen wieder öffne, hat sich der Stein in ein Buch verwandelt. Auf dem Titel steht in grossen Lettern: «Lesen statt klettern».


Hugo Loetscher: «Lesen statt klettern. Aufsätze zur literarischen Schweiz». Zürich, 2013.

Erstellt: 07.04.2017, 23:40 Uhr

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