Girls und Grosis

Güzin Kar über die wundersame Versächlichung des Weiblichen.

Kolumnistin Güzin Kar.

Kolumnistin Güzin Kar. Bild: Melek Kaya

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Als weibliches Wesen scheint man nahtlos von Girl zu Grosi überzugehen. Girls sind nicht immer unter zwanzig, Grosis haben nicht unbedingt Enkelkinder, aber beiden ist gemein, dass sie nicht ganz Mensch und doch schon Lebewesen sind. Das Girl. Das Grosi. Sächlich. Als Girl wird alles Junge, Weibliche betitelt, wobei «jung» nicht bei einer fixen Altersbeschränkung endet, sondern beim physischen Zustand des Girls.

Ein richtiges Girl besteht aus einem Körper, der alles hat, ausser einem Hirn. Denn Girls haben sexy zu sein, sexy und verfügbar. Ihr Körper strahlt so viel Frische und Fröhlichkeit aus, dass man versucht ist, auch mal ungefragt ins Haar oder an die Brüste zu fassen, denn im Grunde sind sie die etwas unperfekte Variante einer Sexpuppe. Unperfekt, da sie sprechen. Ariana Grande ist ein typisches Girl. Nach ihrem Auftritt an der Trauerfeier für Aretha Franklin legte ihr der Pastor gönnerhaft den Arm um den schmalen Leib, sodass seine Hand an ihren Brustansatz zu liegen kam, wo er sie genüsslich auf- und abstreifen liess. Alles vor der Kamera. Ist ja nur ein Girl, was da angefasst wird, und kein Mensch.

Grosis sind das pure Gegenteil von Girls und zeichnen sich unter anderem durch die Absenz jeglicher Sexualität aus, da jenseits der Wechseljahre die Vagina irgendwann über Nacht zuwächst und sich alle anderen herausragenden Körperteile zu Schrumpforganen zurückbilden, sodass Grosis nichts anderes übrig bleibt, als lustig oder kauzig zu werden und mithilfe eines Gärtners Mordfälle aufzuklären. Oder Tee zu trinken. Oder ein Schnäpschen.

Im Grosi-Universum kriegt alles potenziell Verderbte ein verniedlichendes -chen angehängt, in der Schweiz das omnipräsente -li. Es Likörli, es Törtli, es Schnäpsli, es Hüngerli. Grosis sitzen gern in Cafés und sondern komische Kalendersprüche und Weltbetrachtungen ab, wenn sie nicht gerade eine Jesus-Freske übermalen. Sie kennen den Fall jener alten Spanierin, die, anstatt die teure Renovation eines bröselnden Bildes in ihrer heimischen Kirche abzuwarten, selber zu Farbe und Pinsel griff und fortan im «Blick» zur «Grosi-Restauratorin» wurde. Eine falsche Bezeichnung, da die Frau ja keine Grossmütter restaurierte, sondern ein Bild.

In der NZZ wiederum ist zu lesen: «Ich kenne Fränzi seit bald zehn Jahren. Sie ist ein bisschen wie ein Grosi, charakterlich eine einfache. Mit zunehmendem Alter ist sie allerdings bequemer und träger geworden.» Fränzi ist eine Bärin im Tierpark Goldau. Aber wir wissen, was der Vergleich mit dem Grosi sagen will: Wenn die alten Damen nicht regelmässig Kreuzworträtsel oder Kriminalfälle lösen, müffeln sie vor sich hin. Immerhin: Wenn man als Frau grosses Talent auf einem Spezialgebiet hat, besteht die Chance, noch knapp vor Grosi die Ausfahrt «Grande Dame» zu nehmen.

Dies ist meine letzte Kolumne an dieser Stelle. Ich werde mich in naher Zukunft ganz der Filmerei widmen und unter anderem die zweite Staffel von «Seitentriebe» drehen. Ihnen allen danke ich von Herzen für die viereinhalb Jahre, die wir zusammen verbrachten. Sie werden mir fehlen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.09.2018, 17:33 Uhr

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