«Greta Thunberg ist ein Kind ohne Kindheit»

Adolf Muschg wählt grün. Der Schriftsteller über die Klimabewegung, Lampenfieber im Alter – und warum er kein Hypochonder mehr ist.

Vom Zürichsee in die Welt hinaus und wieder zurück: Adolf Muschg in seinem Garten in Männedorf. Foto: Sabine Rock

Vom Zürichsee in die Welt hinaus und wieder zurück: Adolf Muschg in seinem Garten in Männedorf. Foto: Sabine Rock

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Sie sind im Mai 85 Jahre alt geworden. Wie geht es Ihnen?
Ich kann noch laufen, mit Ihnen sprechen, Bücher lesen und reisen. Es ist eindeutig, dass der Bewegungsradius kleiner wird. Aber ich vermisse das, was ich hatte oder mir einbildete zu haben, immer weniger. Zwar kann ich mir nicht vorstellen, dass ich einmal allein mit einem Bett zufrieden sein werde. Aber eigentlich wäre das Menschsein dazu gedacht, dass man in jeder Phase schätzt und mag, was diese zu bieten hat.

Lange Zeit litten Sie an einer starken Form von Hypochondrie. Ist sie noch ein Thema?
In meinem Alter leistet man sich keine Hypochondrie mehr. Das ist Zeitverschwendung. Ausserdem lebe ich seit 2003 mit einem Krebsbefund. In jeder Biografie gibt es Defizite, die man kompensiert. Das Kompensieren ist vermutlich die menschlichste Kulturtechnik, die es gibt. Hypochondrie ist eine Variante davon. Fast alle Romantiker waren Hypochonder, auch die meisten Aufklärer. Leute, die sich selber beobachten, finden immer etwas, das nicht stimmt. Das Fehlen von etwas ist, etwas zugespitzt gesagt, auch der Grund für die Religion.

Sie sind wieder in die Kirche eingetreten. War das ein Schritt zurück zu Ihren Wurzeln?
Das ist auch drin. Ich bin in einem für heutige Verhältnisse abenteuerlich frommen Haushalt aufgewachsen. Mein Vater war Pietist, ein Bauernsohn aus dem Zürcher Oberland. Ich bin inzwischen älter, als er werden durfte, und muss nicht mehr gegen ihn demonstrieren.

«Ich musste ein Leben erfinden, das zur Angst meiner Mutter passte.»

Wie hat sich seine Frömmigkeit in der Erziehung gezeigt?
In Form von Druck. Es gab ein klares Korsett für das, was man tut und nicht tut. Nicht mein, sondern dein Wille geschehe. Er war sich noch sicher, Gottes Willen zu kennen.

Ihr Vater war 62, als Sie auf die Welt gekommen sind.
Die Situation in meinem Elternhaus war speziell. Mein Vater ist 1948 gestorben, früher, als andere Väter normalerweise sterben. Bevor er starb, war er krank gewesen. Zur gleichen Zeit hatte meine Mutter eine schwere Depression. Sie verbrachte zwei Jahre in Kliniken. Das war die Zeit meiner Heimatlosigkeit. Ich hatte Pech – und Glück. Denn der damalige ETH-Präsident, Hans Pallmann, mit dessen Söhnen ich zur Schule ging, sorgte dafür, dass ich vorübergehend nach Schiers in ein Internat kam, das auch meinem frommen Vater gepasst hätte. Die Matura habe ich dann wieder in Zürich abgelegt.

Die Pfeife war schon immer sein Markenzeichen: Adolf Muschg im Jahr 1975. Bild: Keystone

Wie war es, als Ihre Mutter wieder nach Hause kam?
Mir war bewusst, dass es entscheidend sein würde, meine Mutter zu schonen. Aber das kann ein junger Mensch in der Pubertät gar nicht. Er will ja expandieren. Ich habe also lügen müssen. Ich musste ein Leben erfinden, das zur Angst meiner Mutter passte. Wenn ich mich verliebt habe, hat sie das nicht wissen dürfen. Erst viel später erfuhr ich, dass sie als Kind vermutlich missbraucht worden war. Aber darüber hat man natürlich nicht gesprochen.

1962 waren Sie das erste Mal länger in Japan. Diesen Aufenthalt haben Sie in Ihrem ersten Prosatext «Im Sommer des Hasen» verarbeitet. Wie kam es dazu?
Ich habe früh Gedichte geschrieben, aber zur Prosa musste ich über Umwege kommen. Sie fiel mir viel schwerer. In Japan begann ich, Aufsätze zu schreiben, über den Zen-Buddhismus, das No-Theater, Hiroshima. Ich habe sie der NZZ geschickt, die sie veröffentlichte. Dann hat mich ein Verleger gefragt, ob ich daraus nicht ein Buch machen könne; ich müsse dazu ja nur einen Rahmen schreiben. Dieser Kommentar wurde dann mein Erstling, während die Aufsätze verschwanden. Weil ich damit gut angekommen bin, habe ich gemerkt: Es geht doch! Das Lampenfieber konnte ich etwas abbauen. Aber es ist immer noch da.

«Man muss den Leser auf eine gute Art täuschen.»

Sie haben inzwischen 35 Bücher veröffentlicht und haben immer noch Lampenfieber?
Schreiben wird für mich nie zur Routine. Der Anfang ist das Allerschwierigste, schwierig ist auch der Schluss. Schreiben ist Erfahren. Ich entdecke mein eigentliches Thema erst durch das Schreiben. Es geht darum herauszufinden, wo der Text bockt. Die Entscheidungen, die man im Einzelnen trifft, haben immer mit dem Kunstcharakter des Ganzen zu tun. Man muss den Leser auf eine gute Art täuschen. Das, was er meint zu lesen, ist noch nicht das, was er am Schluss wissen kann. Und das ist natürlich eine Zumutung.

Kürzlich sind Sie mit dem Gottfried-Keller-Preis ausgezeichnet worden. Demnächst tritt Lukas Bärfuss in Ihre Fussstapfen, wenn er im November den Büchnerpreis erhält. Was bedeuten Ihnen solche Preise?
Ich freue mich für Lukas Bärfuss. Es ist gut, dass ich jetzt nicht mehr der einzige lebende Schweizer Büchnerpreisträger bin. Das war unverhältnismässig. Ich bin froh, wenn jemand anders geniesst oder gut findet, was ich mache, aber ich weiss auch, was ich nicht kann. Auf die eigenen Grenzen stösst man in jedem Satz, aber diese Grenzen begründen auch die eigene Form.

«Wir selbst müssen wachsen, nicht die Wirtschaft, und schon gar nicht um jeden Preis.»

Wo liegen für Sie diese Grenzen?
Ich kann es nicht generalisieren. Goethe sagt: «Was ist das Allgemeine? Der einzelne Fall». Es ist ein Satz, der in einer statistischen und digital orientierten Zeit durch alle Maschen fällt. Aber es stimmt. Es ist auch die Grundlage der Menschenrechte, die allgemein schön und recht sind, aber die ihre Probe erst im Einzelfall erleben. In der Literatur macht ein Wort zu viel, ein Komma zu wenig einen Satz oder Gedanken kaputt oder trivial.

Bedeutet das Schreiben für Sie auch ein wenig Leiden?
Nicht nur ein wenig. Es ist eine Viecherei, wie eine Sucht, die man nicht lassen kann.

In Ihrem letzten Buch «Rückkehr nach Fukushima» setzen Sie dem Atomunfall das Leben und eine Liebesgeschichte entgegen. Warum?
Der Impuls ist: Was für ein Wahnsinn, ein solches Werk ans Meer zu bauen und anzunehmen, dass der nächste Tsunami sich nach der Höhe der Schutzmauer richten werde. Es ist auch kein Ende in Sicht. Selbst die Roboter, die bei den Räumungsarbeiten eingesetzt werden, gehen zugrunde. Eigentlich ist es ein Elend ohne Ende. Aber so kann man nicht leben. Zudem sah ich plötzlich nicht mehr die böse Atomenergie allein, sondern die Hybris des Menschen, der das, was ihm fehlt, nicht nur kompensiert, sondern überkompensiert. Es kann gar nicht schnell, bequem und leicht genug sein. Dort liegt die Krankheit. Sie ist leider nicht zu trennen von der Errungenschaft.

Was folgt daraus?
Wenn ich ein totaler Pessimist wäre, würde ich sagen, von den Geschöpfen, die es gibt, ist der Mensch das am wenigsten zum Überleben programmierte. Wir wissen nicht, wann wir übertreiben oder wann wir etwas bagatellisieren. Wir müssen es herausfinden – mit unberechenbaren Folgen. Ich gehöre zur Generation, die als Schweizer geradezu unverschämtes Glück gehabt hat. Aber ich war fühlender Zeitzeuge des Zweiten Weltkriegs, und der war im Grunde genommen eine Annullierung der Zivilisation. Sogar der Holocaust wurde nicht von Monstern ausgeführt, sondern von Menschen wie du und ich. Rudolf Höss wird von seiner Tochter als liebevoller Vater geschildert. So etwas muss man sich merken, um seine Urteilskraft zu entwickeln.

War auch in der Politik aktiv: 1975 kandidierte Adolf Muschg als SP-Kandidat für den Ständerat. Foto: Keystone

Was halten Sie von Greta Thunberg?
Sie ist ein Kind ohne Kindheit. Man kann sie bedauern. Und man muss gleichzeitig sehen, dass sie einen historisch wichtigen Beruf hat: Zeichensetzung, wie Jeanne d’Arc. Dass sie ein eingeschränkter Mensch ist, dispensiert niemanden von ihrer Botschaft.

Wie nahe sind Sie heute einem politischen Programm?
Ausnahmsweise bekenne ich mich als Terrible Simplificateur. Grün, was sonst? Wenn ich vor einem tiefen Graben stehe, ist ein halber Sprung kein guter Kompromiss. Man kann auch nicht nur «ein bisschen schwanger» sein. Hören wir doch auf, von «Umwelt» zu reden, als wäre Ökologie ein Zuschauersport. «Umwelt» heisst Welt, Punktum! Wir reden von der Lebenschance des Menschen auf diesem einzigen Planeten. Es bleibt uns nur, «Wachstum» neu zu definieren: Wir selbst müssen wachsen, nicht die Wirtschaft, und schon gar nicht um jeden Preis.

Das bedeutet in dieser Radikalität schmerzliche Einbussen für die meisten von uns.
Ja, und genau hier fehlt uns die Religion, oder auch die Kunst, die da sagt: Weniger ist mehr! Oder: Welche Freude, eine Sucht los zu sein, welche Freiheit, etwas auch lassen zu können. Diese Not macht erfinderisch. Nur geht es diesmal nicht um Patente, sondern um Lebenskunst.

«Früher hat Me Too eine Art Habgier bezeichnet: Ich auch, ich auch!»

Zu einem ganz anderen Thema: In Ihrem letzten Roman irritiert das Verhalten der Protagonistin: Sie wird sexuell missbraucht und tut so, als ob nichts gewesen wäre. Ist das Ihre Antwort auf die #MeToo-Debatte?
Die Figur weigert sich, sich darauf fixieren zu lassen. Es gibt nicht nur den sexuellen Missbrauch, er ist zugleich ein Kapitel sozialen Missbrauchs, und gegen den ist mit Wehleidigkeit nichts auszurichten. Sie macht klein, auch vor den eigenen Massstäben. Früher hat Me Too eine Art Habgier bezeichnet: Ich auch, ich auch! Diese Nuance werde ich nicht ganz los in der gegenwärtigen Debatte, deren Berechtigung ich keinen Augenblick bestreite. Aber Menschenrechte verteidigt man nicht mit Plakaten, und Liebe zur Diversität ist noch kein Sexismus.

Aber ein Übergriff ist doch ein Übergriff!
Die Rechnung zwischen den Geschlechtern ist keine kleine Buchhaltung, sie muss für die Beteiligten im Ganzen aufgehen. Dabei spielen immer Elemente mit, die, für sich betrachtet, tabu sind. Filtert man sie ganz weg, würde das ganze Spiel witz- und lustlos. Das Verhältnis zwischen den Geschlechtern verträgt mehr Humor, als wir uns heute erlauben. Es ist kein Gegenstand heiliger Inquisition.

Ist gerne im Grünen: Adolf Muschg im Garten seines Domizils. Bild: Keystone

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu den Gemeinden am See beschreiben?
Sie sind ein wunderbares Sammelbecken meiner Komplexe. Der positiven und der anderen. Heute wirkt es komisch, dass Zollikon während des Krieges auf Dorfgemeinschaft machte. Damals war es ernst. Alle hatten Rationierungsmarken, nur der Arzt ein Auto. Auf der Strasse spielten wir Völkerball, und am 1. August reiste niemand in die Karibik, sondern sang am lodernden Feuer: «Stehn wir den Felsen gleich, nie vor Gefahren bleich, froh noch im Todesstreich, Schmerz uns ein Spott». Alles von Herzen wahr und so verlogen wie damals unsere Neutralitätspolitik. So ist der Mensch!

Männedorf hat Ihnen 2014 die Ehrenbürgerschaft verliehen.
Mal sehen, ob ich mein Grab trotzdem bezahlen muss. (lacht) Ich bin froh, dass ich heute haarscharf neben der Goldküste lebe. Kilchberg war mir zu viel Zollikon. In Männedorf ist das Dörfliche noch nicht ganz ausgestorben, es gibt auch noch einen Hauch von «Jerusalem am Pfannenstiel», wie es mein Vater genannt hat, dessen Schulweg von Oetwil über den Berg an meinem Haus vorbei zur Sekundarschule führte. Das stimmt für mich.

Sie sind selbst Vater von drei Söhnen. Wie ist Ihr Verhältnis zu ihnen?
Gut, aber wir sind keine sehr aktive Patchworkfamilie geworden. Ich habe mich mit meiner dritten Ehe auch etwas abgesetzt, ohne böse Worte, und doch tut es manchmal weh. Ich hoffe, in meinen letzten Jahren kommen wir wieder leichter zusammen.

Erstellt: 18.10.2019, 19:18 Uhr

Germanist und Philosoph

Adolf Muschg (*1934) erhielt denselben Taufnamen wie sein Vater. Er wuchs in Zollikon als Einzelkind in einem religiös geprägten Elternhaus auf. Sein Vater war Primarschullehrer, seine Mutter Krankenschwester. Er selbst hatte sich von der Religion abgewandt, ist aber vor einigen Jahren wieder der reformierten Kirche beigetreten.

Zwei seiner älteren Halbgeschwister waren für ihn wichtige Wegbereiter: Walter Muschg, Germanistikprofessor in Basel, und Elsa Muschg, Kinderbuchautorin. Adolf Muschg studierte in Zürich Germanistik, Anglistik und Philosophie und promovierte über Ernst Barlach.

Nach Studienabschluss arbeitete Muschg als Gymnasiallehrer und war als Hochschullehrer in Deutschland, den USA und in Japan tätig. Von 1970 bis 1999 war er Professor für Deutsche Sprache und Literatur an der ETH Zürich. Er hat über 35 Bücher veröffentlicht, darunter Romane, Erzählungen, Dramen und Essays. Eines seiner bekanntesten Werke ist «Der Rote Ritter», eine moderne Version des «Parzival»-Stoffs. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise, 1993 den Büchnerpreis. Von 2003 bis 2006 war er Präsident der Akademie der Künste in Berlin.

Muschg ist seit 1991 in dritter Ehe mit der Japanerin Atsuko Kanto verheiratet und lebt mit ihr in Männedorf. Aus seinen früheren Ehen hat er drei Söhne. Er ist zweifacher Grossvater. Derzeit wird ein Film über sein Leben gedreht.

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