Zum Hauptinhalt springen

Grüsse von den Todgeweihten

Das Antikenmuseum Basel erzählt die Geschichte der römischen Gladiatoren. Eine spektakuläre Ausstellung.

Stephan Reuter
Der tödliche Schlag: Szene aus dem Gladiatoren-Mosaik aus Kaiseraugst. Foto: Augusta Raurica, H. Grauwiler
Der tödliche Schlag: Szene aus dem Gladiatoren-Mosaik aus Kaiseraugst. Foto: Augusta Raurica, H. Grauwiler

Der Netzkämpfer sollte sich vorsehen. So ein Schwerthieb von einem Secutor hat hässliche Folgen. Zumal der Netzkämpfer, mit Ausnahme eines Schulterpanzers, reichlich ungeschützt in die Arena tritt. So wollen es die Regeln, die Kaiser Augustus den Gladiatoren auferlegt hat.

Fünf Minuten muss er standhalten, der Netzkämpfer. Tapfer und todesmutig, so wie es der Ehrenkodex verlangt, aber möglichst ohne ernste Verwundung. Nach fünf Minuten, das lehrt die Erfahrung, ist er gegen den Secutor im Vorteil. Denn der trägt einen Helm, der lediglich über zwei kleine Augenschlitze verfügt. Nach fünf Minuten ringt so ein Secutor in den Glutöfen der römischen Amphitheater eher nach Atem als mit seinem Kontrahenten. Ganz schön raffiniert, oder besser: ganz schön hinterhältig, die Spielregeln für Gladiatoren aus dem Hause Augustus.

Szenen wie diese kann man sich nun im Antikenmuseum Basel vor Augen führen. Drei Jahre Projektarbeit liegen hinter den Beteiligten. Drei Jahre, in denen herausragende Leihgaben und neue Forschungsresultate aufbereitet wurden, um ein möglichst verständliches, möglichst komplettes Bild von dieser sagenumwobenen Kämpferkaste zu malen. Um es gleich zu sagen: Die Ambitionen (und die Kosten von zwei Millionen Franken) haben sich gelohnt. Vollumfänglich.

Sie waren Sklaven – und manchmal Stars

Während Hollywood-Filmer wie Ridley Scott den Gladiator als Kriegsmaschine missverstehen und eimerweise Kunstblut im Kolosseum verspritzen, erzählen die Kuratoren und Szenografen in Basel, wie sich die Gladiatoren im sozialen Spannungsfeld zwischen Sklaverei und Starkult behaupteten.

«Sie wurden verehrt für das, was sie taten, und verachtet für das, was sie waren», umreisst Esaù Dozio, Projektleiter des Antikenmuseums, das menschliche Dilemma in dieser antiken Unterhaltungsindustrie. «Gladiator. Die wahre Geschichte» heisst die Ausstellung. Das ist nicht zu viel versprochen. Vergessen wir Hollywood. Vertrauen wir den Archäologen. Was sie zu bieten haben, ist spektakulär genug.

Ohne zwei eng beteiligte Partner, einen lokalen und einen internationalen, wäre diese Ausstellung freilich kaum die Hälfte wert. Da ist die Augusta Raurica, die, wie Direktor Dani Suter anmerkt, erstmals einen seiner schönsten Schätze vollständig zeigt: ein kolossales Gladiatoren-Mosaik, 1961 unter widrigen Umständen geborgen und eher notdürftig konserviert, jetzt aber frisch und glanzvoll restauriert. Es lag im Speisezimmer einer Villa, und Lilian Raselli, Museumsleiterin in Augst, gefällt die Vorstellung, dass die Rauriker sich «wie um einen sehr wertvollen Teppichboden» gruppierten und die jüngsten Heldentaten ihrer Kampfidole besprachen.

Szenen aus dem römischen Leben, Gladiatorenspiele inbegriffen: Grabmal aus Lukanien. Foto: Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig
Szenen aus dem römischen Leben, Gladiatorenspiele inbegriffen: Grabmal aus Lukanien. Foto: Antikenmuseum Basel und Sammlung Ludwig

Andererseits ist da das Museo Archeologico Nazionale in Neapel. Im April zügelt die Ausstellung dorthin, zuvor schickt es 99 Prozent seiner Gladiatoren-Waffen nach Basel, dazu eindrückliche Fundstücke aus Pompeji und aus Kampanien, jener Provinz auf der italienischen Halbinsel, wo Gladiatoren im vierten Jahrhundert v. Chr. Fuss fassten.

Das Grab eines Lukaners aus Paestum etwa ist mit Wettkampfszenen geschmückt: mit Wagenrennen, Boxern. Und einem Waffenduell. Und genau das sind die Gladiatoren ursprünglich: rituelle Schaukämpfer, die sich Mann gegen Mann messen, bis das Blut fliesst, um mit diesem Opferblut die Geister der Toten zu versöhnen.

Der Erste, der solche Leichenspiele veranstaltete, soll – zumindest legt das die «Ilias» von Homer nahe – der Held Achill gewesen sein. Die Gladiatoren, die Todgeweihten, die am Grab seines Freundes Patroklos sterben, sind Trojaner. Kriegsgefangene also. Versklavte, Rechtlose.

Damit ist das Schicksal der Gladiatoren als sozialer Schicht vorgespurt. Wer bei den Griechen und später bei den Römern die Bedeutung eines Verstorbenen hervorheben will, kauft Gladiatorenduelle. Als sie immer populärer werden, lösen sie sich vom Bestattungsritual, verselbstständigen sich.

Im Amphitheater Kampf nach Regeln, ausserhalb toben die Hooligans: Wandbild aus Pompei. Bild: Antikenmuseum Basel, Ruedi Habegger
Im Amphitheater Kampf nach Regeln, ausserhalb toben die Hooligans: Wandbild aus Pompei. Bild: Antikenmuseum Basel, Ruedi Habegger

Ein Wandbild aus Pompeji dokumentiert, dass die Entwicklung unliebsame Nebenwirkungen hat. Auf dem Bild ist das Amphitheater zu sehen, drinnen kämpfen Gladiatoren, draussen antike Hooligans. Eine Nichtigkeit, berichten die Historiker, hat zu den Ausschreitungen geführt. Tacitus berichtet, dass Rom das Theater Pompeji zur Strafe für zehn Jahre sperren liess. Das ist drastisch. Aber der Skandal ist eben auch eine Schande für römische Tugenden, wie sie der Gladiator verkörpert.

Dem Siegeszug der Gladiatoren schadet das keineswegs. Dichter wie Seneca sehen in den Todgeweihten moralische Vorbilder: «Wir treten ins Leben ohne jedes Anrecht auf Begnadigung.» Sponsoren geben Unsummen aus. Mit Kalkül. Julius Cäsar veranstaltet 65 v. Chr. ein Spektakel mit 320 Kampfpaaren, offiziell zu Ehren seines Vaters. Aber der ist seit 20 Jahren tot. Es geht wohl auch eher um Ehre und Karriere des Veranstalters. Die Pracht seiner Gladiatoren, denen er Silberwaffen aushändigen lässt, vervielfachen seine Popularität – und seine Schulden. Aber die Rechnung geht auf. Nach den Spielen überspringt Cäsar entscheidende Stufen in der Staatshierarchie.

Die Überlebenschance betrug 90 Prozent

Und die Gladiatoren? Was denken sie über sich? Die Ausstellungsmacher geben sich alle Mühe, unter die Helmmasken zu linsen. Grabstelen erfolgreicher Gladiatoren geben Auskunft – wobei dort auffällig häufig das Schicksal oder die Schiedsrichter schuld sind, wenn der Held doch einmal unterlegen ist.

Die Chance, die Arena lebend zu verlassen, lag übrigens bei 90 Prozent, schätzt Kurator Dozio. Nur wer unwürdig kämpfte, musste damit rechnen, dass der Veranstalter den Befehl zum Todesstoss erteilte. Den anderen winkten Preisgelder, gute Ernährung, gute Ärzte. Kein Wunder, waren im Römischen Reich ein Drittel der Gladiatoren freie Männer, meist aus der Unterschicht. Der Ruhm im Kolosseum war ja auch verheissungsvoller als die tödliche Schufterei auf dem Feld oder in den Minen.

Antikenmuseum Basel, bis 22.3. 2020.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch