«Da widerspreche ich ABSOLUT»

Darf eine Feministin keine Kinder haben? Diese Frage versetzt Liv Strömquist in Rage. #MeToo überzeugt die Künstlerin auch nicht ganz.

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Frau Strömquist, man nennt Sie eine Radikalfeministin. Zurzeit argumentieren manche, dass echte Feministinnen keine Kinder haben dürfen.
Da widerspreche ich ABSOLUT, und bitte schreiben Sie das in Grossbuchstaben! Das Glück der Mutterschaft und die Gefühle mütterlicher Liebe zählen zu den grössten Lebensfreuden überhaupt. Sie sind eine sehr tiefe, existenzielle, weibliche Erfahrung. Wenn Sie spüren, dass Sie Kinder haben wollen, sollten Sie auf keinen Fall aus politischen, rationalen oder ideologischen Gründen auf diese Freude und Liebe verzichten. Die Sehnsucht nach Kindern sitzt viel tiefer als jede oberflächliche Rationalität; genauso wie die Liebe. Aus so einem Blickwinkel würden Sie sich der heiligen Bedeutung des Lebens berauben, die jenseits der Vernunft liegt.

Aber in Ihrem jüngsten Band «I’m Every Woman» dreht sich ein Kapitel um Kinder – darum, dass sie rechtskonservativ sind und Hausfrauenfans. Sie warnen witzig vor diesen rechten Minipopulisten.
Meine eigenen Kinder sind 1, 7 und 10 Jahre alt. Und meine Bücher werden ja grossteils von eigenen Erfahrungen und Fragen angestossen; in der Recherche entwickle ich die Themen dann weiter. Dass Kinder von konventionellen Mustern geprägt sind, heisst aber keineswegs, dass man keine haben soll.

Wie sehen Sie dabei die romantische Liebe?
Ich hatte in den letzten Jahrzehnten verschiedene Beziehungen. Mir scheint, dass das Konzept der romantischen Liebe zur Unterdrückung von Frauen genutzt werden kann. Filme oder Bücher mit weiblichem Zielpublikum suggerieren immer noch oft, die romantische Liebe rette die Frau. Frauen müssen um jeden Preis in einer Beziehung sein, sonst gelten sie als Versagerinnen. Männer dagegen werden ermutigt, persönlichen Träumen zu folgen. Mein Band «Der Ursprung der Liebe» verfolgt den Wandel von Liebesidealen und zeigt deren konkrete Funktion in der jeweiligen Gesellschaft auf.

Woher kommt die Scham? Solche Dinge herauszufinden, ist befreiend.Liv Strömquist

Ist die Gesellschaft heute, besonders in Schweden, nicht schon längst viel weiter?
Obwohl in Schweden progressiv diskutiert wird – auch meine Wahlheimat, die Stadt Malmö, ist sehr liberal –, spürt man den konservativen Backlash. So gibt es Gruppen, die die Abtreibungsgesetze verschärfen wollen. Zudem habe ich es selbst durchlitten, dieses Gefühl der Scham, das auch heute noch viele Frauen kennen. In «Der Ursprung der Welt» erforsche ich, wieso ich mich als Teenager permanent für meinen Körper schämte, vor allem für die Menstruation; welche Strukturen und Klischees da spielten. Einmal in der Schule hatte ich extrem schlimme Bauchkrämpfe, doch es war mir zu peinlich, dies zu sagen und mir Schmerzmittel geben zu lassen. Als ich endlich vom Pult aufstand, fiel ich in Ohnmacht. Woher kommt diese Scham? Solche Dinge herauszufinden, ist befreiend.

In den Comics gehen Sie die Wissenschaftsgeschichte durch, erinnern etwa daran, dass in den USA die letzte Klitorisentfernung 1948 an einer 5-jährigen wegen Onanie vollzogen und dass erst 1998 die tatsächliche Grösse der Klitoris entdeckt wurde.
Von einer australischen Urologin. Ich gebe in den Comics stets die Quellen an. Bei der Auswahl des Materials verlasse ich mich jeweils auf mein Bauchgefühl: Ich arbeite ja aus persönlichem Erkenntnisinteresse. Und ich will meine Recherchen witzig und unterhaltsam gestalten.

Manche fanden es nicht witzig: Als die U-Bahn in Stockholm 2017 Ihre Zeichnungen von menstruierenden Eisläuferinnen ausstellte, gab es Beschwerden und Attacken auf die Bilder. Und die Rechte befeuerte die Empörungsdebatte.
Die Bilder wurden immer wieder mit Farbe beworfen, zerstört – und ersetzt. Als Künstlerin beurteile ich die Reaktion auf meine Kunst nicht. Und persönlich wurde ich nicht bedroht, ich habe auch keine Angst. Aber nachvollziehen kann ich die Reaktionen nicht immer.

Wie wird sich die feministische Bewegung entwickeln?
Ich sehe das mit einem optimistischen und einem pessimistischen Auge. Derzeit will jeder Feminist sein, legt sich ein feministisches Män­telchen um: Politiker, grosse Firmen, die Werbung. So verliert die Sache ihr sozialkritisches Potenzial. Verschlungen zu werden und dadurch sinnentleert – das betrachte ich als grosse Gefahr für den Feminismus. Ein Beispiel sind Kleiderfirmen, die Powerfrauen-Preise vergeben oder «feministische» Werbespots einsetzen. Ihr Ziel ist es, Kleider zu verkaufen – nicht, die Welt in feministischem Sinn zu verändern. Und die Kleider für all diese Firmen werden von Frauen in der Dritten Welt unter furchtbaren Bedingungen hergestellt.

Hilft #MeToo?
Auch die #MeToo-Bewegung ist zweischneidig: gut, weil die sexuelle Belästigung als schlimmes soziales Problem endlich aufs Tapet kommt. Und schlecht, weil Gruppen, die sich unter einem Schlagwort zusammenfinden, zu Verallgemeinerung, Undifferenziertheit und sogar blinder Aggression neigen. Da rutscht man leicht ins gefährlich Negative ab, selbst bei guten Absichten.

Was ist die wichtigste Aufgabe für den Feminismus heute?
Die Klimakrise ist das Wichtigste für jeden – Frau, Mann und Kind.

Erstellt: 10.06.2019, 11:58 Uhr

Liv Strömquist, geboren 1978 in Lund, schaffte 2005 ihren Durchbruch als Zeichnerin. Ihre feministischen Doku-Comics im Edutainment-Style werden auf der ganzen Welt gelesen. (Bild: Livia Rostovaniy)

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Liv Strömquist

Sie zeichnet für die Emanzipation

Chaka Khan sang 1978, im Geburtsjahr der schwedischen Künstlerin, Feministin und Soziologin Liv Strömquist, ihren Hit «I’m Every Woman» – und die Schwedin hat sich den Titel für ihr neues Comicalbum zu eigen gemacht. In einem seiner knalligen Kapitel moderiert eine Figur eine Show, in der die «unsäglichsten Lover der Weltgeschichte» benannt werden – und auch das Leid ihrer Frauen.

Strömquist skizziert dort Karl Marx’ Liebesleben, die Lage seiner kranken Frau Jenny, die ihm sieben Kinder gebar, und die von Hausperle Lenchen, die von ihm wohl einen Sohn empfing. Man begleitet Tulla Larsen, die mit Edvard Munch ihre liebe Not hat, und Mary Shelley, die mit ihrem Percy geschlagen ist: Der Brite befürwortet zwar (seine) freie Liebe, aber weder das Frauenwahlrecht noch das allgemeine Wahlrecht. Vor der Gewalt von US-Musikproduzent Phil Spector wiederum floh Ehefrau Ronnie; anders als sie überlebte Lana Clarkson den Streit mit Spector nicht. Strömquist setzt ihr einen Grabstein. Über John Lennon als Klette gibts mit «Oh Yoko» ein ganzes Kapitel.

In flockigen schwarz-weissen und auch farbigen Panels dokumentiert Liv Strömquist die Geschichte aus der Perspektive der Frau. Sie verweist dabei auf die allererste namentlich genannte dichtende Person der Welt: eine Frau namens Enheduanna (ca. 2300 v. Chr.). Die Zeichnerin untersucht, wie und warum die Muttergöttinnen einst abgelöst wurden und wie sexistisch «Barbapapa» eigentlich ist. Spoiler Alert: sehr! In bissigen Karikaturen, etwa einer Art soziologischer Tortengrafik, hält sie fest, dass blosse Gleichstellung von Mann und Frau nicht reicht: Es braucht einen allgemeinen emanzipatorischen, gesellschaftsverändernden Impetus, der Ausbeutungssysteme als solche aus den Angeln hebt. So geht Edutainment!

Wie krass die – politische motivierte – Umdeutung der weiblichen Physis im 18. Jahrhundert war, beschreibt Strömquist im superkomischen, mit hilfreichen Fussnoten alimentierten, vielfach übersetzten Doku-Comic «Der Ursprung der Welt», der auf Deutsch 2018 auch als Doppelband mit «Der Ursprung der Liebe» erschien. Im 17. Jahrhundert hatte man sich intensiv mit der Lust der Frau und der Klitoris beschäftigt; der weibliche Orgasmus galt manchen als Voraussetzung für eine Schwangerschaft.

Doch dann verschwand der als «kleiner Penis» gehandelte Körperteil in der Literatur; der Wert der Frau wurde auf ihre Unschuld reduziert. Die Interpretation der Sexualität von Mann und Frau wurde auf Gegensatz getrimmt statt auf Ähnlichkeit. Strömquist illustriert, zu welchen Quälereien und freudianischen Irrtümern dies führte – bis hin zu Prinzessin Marie Bonapartes freiwilliger operativer Versetzung der Klitoris 1927 mit dem Ziel, einen vaginalen Orgasmus zu erreichen.

Für schamhafte Seelen sind diese Zeichnungen nichts. Aber wer etwa seinen Töchtern einen realistischen Zugang zum Körper der Frau, zu den Mythen um ihn herum geben möchte, könnte sich nichts Besseres aussuchen als «Der Ursprung der Welt»! Marie Bonapartes Operation scheiterte übrigens – wie all die patriar­chalen Beziehungsmodelle, die Strömquist im «Der Ursprung der Liebe» grossartig obduziert. (ked)

Liv Strömquist: I’m every woman. Avant, Berlin 2019. 112 S., 32 Fr.
Der Ursprung der Welt & Der Ursprung der Liebe. 280 S., 62 Fr. Auch in Einzelausgaben erhältlich.

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