«Ich fürchte, Europa wird die Türkei verlieren»

Der Journalist Can Dündar sieht schwarz für sein Heimatland. Der türkische Präsident profitiere von jeder Krise.

Can Dündar bei seinem Zwischenstopp in Zürich. Den Auftritt in Bonn hat er wegen wütender Proteste abgesagt. Foto: Urs Jaudas

Can Dündar bei seinem Zwischenstopp in Zürich. Den Auftritt in Bonn hat er wegen wütender Proteste abgesagt. Foto: Urs Jaudas

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Wo genau er im Exil lebt, hängt er lieber nicht an die grosse Glocke, der ehemalige Chefredaktor der türkischen Tageszeitung «Cumhuriyet». Can Dündar wird als Staatsfeind gejagt und derart verunglimpft, dass er am Donnerstag einen öffentlichen Auftritt in der Bonner Kreuzkirche kurzfristig absagte und erst mal abgetaucht ist. Er hätte am Samstag in Bonn die Laudatio für seinen engen Freund Fazil Say halten sollen, der den Internationalen Beethovenpreis für Menschenrechte erhält. Es habe aber so heftige Reaktionen gegeben – besonders auch auf Facebook – dass Dündar sich zurückzog: Die Proteste gegen ihn sollten nicht die Feier verderben.

Umso lauter engagiert sich der Journalist für seine bedrohten Kollegen und die Rettung freiheitlicher Werte in seinem Land und hält auf der ganzen Welt Vorträge. Wie just in Zürich, wo der von Erschöpfung gezeichnete Botschafter der Freiheit Zeit für ein Interview fand.

Der Friedensprozess mit den Kurden liegt darnieder, der Tourismus auch, die Freiheit ist schwer eingeschränkt und der EU-Beitritt in weite Ferne gerückt. Wieso stehen dennoch so viele Türken hinter Präsident Erdogan?
Im Moment bringt jede Krise Recep Tayyip Erdogan mehr Unterstützung. Das hat er 2015 gelernt: Damals im Juni sah es noch hoffnungsvoll aus für den Friedensprozess – und Erdogans AKP verlor nach über zwölf Jahren Herrschaft die absolute Mehrheit. Also wurden die Friedensverhandlungen mit den Kurden abgebrochen und Neuwahlen ausgerufen. Prompt gewann die Partei die Mehrheit zurück; der Konflikt holte Wählerstimmen. Ähnlich bewirtschaftet die AKP jetzt die Tourismuskrise als bösen Boykott des Westens. Erdogan operiert gern mit dem Schlachtruf «wir gegen die». Kritische Journalisten gelten als «Feinde» und «Verräter». Das ist eine orwellsche «1984»-Psycho­logie: Man kreiert ein ressentimentgeladenes Klima der Angst. Sie alle machen damit derzeit Stimmung – Trump und Le Pen, Orban und Putin. Überall werden die liberalen Kräfte schwächer. Aber es gibt sie noch! Auch in der Türkei. Bei den Neuwahlen stimmten immerhin 50 Prozent nicht für die AKP.

Denken Sie an die Demonstranten im Gezi-Park 2013?
Ja, und es kam auch seither immer wieder zu Demonstrationen. Einige Erdogan-kritische Köpfe haben das Land verlassen – aber viele sind noch da, im Verborgenen. Das zeigt etwa das Wahlverhalten. Erdogan weiss, dass es schwierig für ihn werden wird, das Referendum für sich zu entscheiden, das ihm als Präsident eine gefährlich grosse Machtfülle gibt. Sogar manche seiner Parteifreunde sehen die Verfassungsänderung kritisch. Doch die Opposition ist schwach und unterdrückt. Ich glaube zwar nicht, dass Erdogan ein Referendum unter den Bedin­gungen des Ausnahmezustandes wagt: Das wäre ein zu offensichtlicher Bruch mit jeder Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Wie aber soll die Opposition erstarken? Wo wir gerade den Weltrekord halten, was inhaftierte Journalisten und Autoren angeht: 150 an der Zahl. Allein von «Cumhuriyet» sind noch zehn in Haft. Um davon abzulenken, zieht Erdo­gan die Terrorismus-Karte und befeuert das antiwestliche Ressentiment.

Wieso ist dieses so ausgeprägt?
Der Westen hat sich mit seiner verlogenen Doppelmoral sehr geschadet. Die Antiterrorgesetze etwa haben überall zivil­gesellschaftliche Freiheiten und Rechte reduziert. Auch die Pressefreiheit wurde geringer. Und lange Zeit hat der Westen die demokratischen Kräfte in der Türkei nicht unbedingt unterstützt. Eine «stabile» Türkei war und ist, auch geostrategisch, offenbar wichtiger als eine demokratische. Der gnadenlose Globalismus tat das Seine: Da blieben viele auf der Strecke. So entstand weltweit eine antielitäre, antiglobalistische Agenda; die Leute schossen sich dabei auf die ­Falschen ein, auf die Linksintellektuellen statt auf die konservativen Hardliner.

Ist es falsch, wenn die EU sich nun kritisch über die Türkei äussert?
Der EU-Zug ist sowieso abgefahren. Das Angebot der vollen EU-Mitgliedschaft für die Türkei war eine tolle Idee, um dort die Demokratie und Wirtschaft zu fördern. Nur hätte die EU viel stärkere Anreize setzen müssen. Im Lauf der Zeit wurde das EU-Projekt ausgebremst; es ist bereits jetzt quasi eingefroren. Und inzwischen, nach dem Brexit, in der Hausse des neuen Nationalismus und der Europaskepsis allerorten, sind auch die Türken weniger enthusiastisch als früher: Wieso sollen wir rein, wenn alle rauswollen?, fragen sie sich. Darum ist die Akzeptanz durch Europa für Erdogan im Grunde gar kein Thema mehr. So kann er sich auch für die Einführung der Todesstrafe einsetzen. Ich fürchte, Europa wird die Türkei verlieren. Und das wird gerade auch für Europa ein grosser Verlust sein.

Infografik: Die Reaktion auf den Putsch in Zahlen Grafik vergrössern

Wo sehen Sie die Gefahren?
Die Türkei ist das einzige säkulare Land mit einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung – gewesen! Mittlerweile gibt es eine gewisse religiöse Radikali­sierung, Gesetze zur Geschlechtertrennung und Unterstützung für radikale Lehrpläne an Schulen. Die nächste ­Generation in der Türkei wird sicherlich fanatischer sein. Das schadet nicht nur dem Land, sondern auch der internationalen Zusammenarbeit. Und wendet sich Erdogan – wegen des Machtpokers mit Europa – Russland und China zu, ist das für den Westen gleichfalls kein Segen. Dann ist da der schmutzige Flüchtlingsdeal, den ich zynisch finde: Man kann doch nicht ein Land dafür bezahlen, dass es Flüchtlinge sozusagen gefangen hält! Aber wenn der Deal platzt, weil die Türkei weder die Visumsfreiheit noch die versprochenen drei Milliarden komplett bekommt und überhaupt die Beziehungen bachab gehen, wird es für Europa nicht einfacher. Zusätzlich werden zahlreiche türkische politische Flüchtlinge in Europa Asyl suchen.

Droht in der Türkei ein Islamismus?
Wir haben seit Atatürk eine ausgereifte säkulare Tradition. Ich denke, dass nicht alle AKP-Wähler streng religiös sind, sondern dass sie Erdogan teilweise aus anderen Gründen wählten. Langfristig mache ich mir da nicht so grosse Sorgen. Aber die Jungen von heute erleben schon eine andere, klar weniger säkulare Türkei als ich seinerzeit.

Wie sehen Sie Ihre Zukunft?
Es ist schwer für mich, fern von meiner Frau zu sein, die ich seit fünf Monaten nicht mehr gesehen habe; fern von Kollegen, meiner Zeitung. Doch ich versuche, von draussen alles zu tun, was menschenmöglich ist. Der Präsident der «Cumhuriyet»-Stiftung war wie ich im Ausland, als in der Türkei der Notstand ausgerufen wurde, und wir haben damals viel übers richtige Handeln diskutiert: heimkehren, vom Gefängnis aus wirken oder aus dem Exil? Er ging heim, wurde inhaftiert. Allerdings kann man selbst hinter Gittern einiges tun und für die Sache streiten. Das habe ich ja selbst erlebt. Und nein, wie ich meine Texte dort herausgeschmuggelt habe, verrate ich Ihnen nicht! Erdogan wird den Ausnahmezustand nicht ewig verlängern können, irgendwann muss doch halbwegs Recht und Ordnung Einzug halten. Aber das kann dauern. Zeichen wie der Right Livelihood Award – der Alternative Nobelpreis – sind da wahnsinnig wichtig. Alle demokratischen Bewegungen auf der Welt sollten sich solidarisieren.

Was können Europäer tun?
Sich erst mal gut informieren, ich empfehle die BBC oder die Deutsche Welle. Dann Briefe an politische Gefangene schreiben und die eigene Regierung zum kritischen Hinschauen auffordern. So hätte Deutschland besser um den Besuch in einem türkischen Gefängnis gebeten statt um den auf einer Militärbasis – Letzterer wäre dann bestimmt ganz rasch genehmigt worden. (lacht)

Can Dündar: Lebenslang für die Wahrheit. Aufzeichnungen aus dem Gefängnis. Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe. Hoffmann und Campe, Hamburg 2016. 305 S., ca. 32 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.12.2016, 19:47 Uhr

Streiter für die Freiheit

Can Dündar

Der 55-jährige türkische Publizist, Dokfilmer und Verfasser von über 20 Büchern hat sich stets für die kritische Berichterstattung im Geist der liberalen Werte eingesetzt. 2013 entliess ihn die Zeitung «Milliyet», weil er «zu scharf» über die Gezi-Park-Proteste geschrieben hatte. Als Chefredaktor von «Cumhuriyet» (seit 2015) wurde er mit dem «Press Freedom Prize» der Organisation Reporter ohne Grenzen geehrt.

Dündar ging für seine couragierte Berichterstattung auch ins Gefängnis: Er hatte unter dem Titel «Hier sind die Waffen, die Erdogan leugnet» über türkische Waffenlieferungen an den IS berichtet, war deshalb für knapp 100 Tage in Untersuchungshaft und wurde im letzten Frühling wegen «Geheimnisverrats» zu fast sechs Jahren Haft verurteilt, zudem kam es zu einer Busse wegen «Beleidigung des Staatspräsidenten»; Dündar legte Berufung ein.

Am Tag der Urteilsverkündung schoss ein Attentäter auf ihn. Dieser ist wieder auf freiem Fuss, für Dündar aber ist ein Haft­befehl ausgestellt, und es wird derzeit ein Prozess in absentia geführt. Im August 2016 nämlich kehrte Dündar von einer Auslandsreise nicht in seine Heimat zurück und gab die Leitung der Zeitung ab, die im Oktober mit dem «Alternativen Nobelpreis» geehrt wurde. Seiner Frau wurde der Reisepass entzogen, sie kann die Türkei nicht verlassen; sein Sohn lebt in London. (ked)

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