«Ich schaue. Ich begreife. Ich empfinde. Ich frage.»

Nobelpreisträger Peter Handke ist einer der bedeutendsten und umstrittensten Schriftsteller seit dem Zweiten Weltkrieg.

Peter Handke in seinem Haus in Chaville (Frankreich). Foto: Augustin Le Gall (Haytham-Rea)

Peter Handke in seinem Haus in Chaville (Frankreich). Foto: Augustin Le Gall (Haytham-Rea)

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Als er noch jung und sprachkritisch gewesen sei, scherzte Peter Handke gern, habe er so viele Leser besessen, dass sie das Stade de France hätten füllen können, die Arena im Norden von Paris, die der Fussballmannschaft PSG als Heimat dient. Heute, sagte Peter Handke dann, reiche ihm vermutlich die Tribüne auf dem Fussballplatz seiner Heimatstadt Chaville, eines kleinen Vororts der französischen Hauptstadt. Wenn auf deren Bänken vierhundert Leute sitzen könnten, wäre das viel, möglicherweise mehr als seine gesamte Leserschaft.

Peter Handke untertreibt aber gern, und so war es auch in solchen Fällen: In den Siebzigern, ja auch noch in den Achtzigern hatte er mit Büchern wie «Die Angst des Tormanns beim Elfmeter» (1971), «Die linkshändige Frau» (1978) oder «Die Lehre der Sainte-Victoire» (1982) deutlich mehr Leser als in jene Arena passten, und zwar in der ganzen westlichen Welt. «Andere Autoren haben treue Leser», meinte er schliesslich. «Ich kann sie nicht binden.»

«Ich bin kein Dichter, ich bin Schriftsteller»

Gewiss, das vermochte er nicht. Aber vielleicht werden jetzt, infolge des Nobelpreises für Literatur, einige seiner früheren Leser merken, was sie in der Zwischenzeit versäumten. Und vielleicht werden andere, neue Leser ihn entdecken, aus gutem Grund. Denn Peter Handke ist einer der bedeutendsten Schriftsteller seit dem Zweiten Weltkrieg.

«Ich bin kein Dichter, ich bin Schriftsteller», pflegt Peter Handke zu sagen. Unter Dichtern, erklärt er daraufhin, verstehe man Schriftsteller, die eine Geschichte erfinden. Am besten eine spannende. Das höchste Ziel eines Schriftstellers habe es hingegen zu sein, die Welt in Sprache zu verwandeln, ihren «krummen Pfaden» zu folgen und zu bedenken, was Sprache mit Erfahrung macht.

Handke misstraut allem, was man Erfahrung nennt

Eine lange Reihe seiner Bücher, so zuletzt der Band «Vor der Baumschattenwand nachts» (2016), besteht aus täglichen Notizen. Peter Handke misstraut allem, was man Erfahrung nennt. Stets ist er bereit, das bereits Vorgegebene, Fertige und von Vorurteilen Belastete in allem zu finden, was man eigentlich für echt und wahr halten möchte. Aus diesem Begehren entsteht bei ihm nicht nur das dauernde Wechselspiel zwischen konventionellen und experimentellen Formen, nicht nur das Hin und Her zwischen Provisorischem und beinahe denkmalhaft Gesetztem, sondern auch die ständige Beschäftigung mit anderen Werken und Autoren (sowie mit der Popmusik der frühen Jahre, dem Film, den Fundstücken aus dem Wald und von anderswo): Peter Handkes Werk ist eine endlose Auseinandersetzung mit der Literatur, mit dem Leser wie mit sich selbst.

Es gibt wenige Schriftsteller seiner Generation, die einen grösseren Einfluss auf andere, nachkommende Autoren ausübten.

In den ersten Jahrzehnten waren Peter Handkes Bücher dünn. Dann wurden sie dick, in Gestalt der drei Romane «Mein Jahr in der Niemandsbucht» (1994), «Der Bildverlust» (2002) und «Die morawische Nacht» (2008). Dann wurden sie wieder dünner. Er drehte Filme, er schrieb Gedichte und viele Theaterstücke (Letztere setzen weniger auf den Dialog als auf die Geste). Dennoch blieb er stets erkennbar er selbst, unverwechselbar als Figur (er ist so schmal und beweglich wie in seiner Jugend) wie in Form seiner Sprache, die oft aus Fragen und nur vorläufigen Antworten besteht, die den Charakter ändern, wenn sich die Sichtweise ändert.

Zugleich aber gibt es wenige Schriftsteller seiner Generation, die einen grösseren Einfluss auf andere, nachkommende Autoren ausübten, vor allem seiner Art wegen, sich selbst zu prüfen, ohne aus diesem Grund zu einem Psychologen zu werden. Was zählt, ist die Beobachtung, nicht das Seelenleben oder, noch zweifelhafter, die Empathie.

«Messerscharfe Klarheit»

Als John Updike den Roman «Die langsame Heimkehr» (1979) rezensierte, lobte er die «messerscharfe Klarheit», die Handke bei der Beschreibung von Gefühlen an den Tag lege. Die Bücher W. G. Sebalds sind ohne die Sprachschule von Peter Handke nicht vorstellbar. Und Karl Ove Knausgård bewundert Peter Handke so sehr, dass er nicht nur dessen Verleger in Norwegen wurde, sondern auch die Laudatio hielt, als Peter Handke 2014 den Ibsenpreis zugesprochen bekam. In einer Welt, die voller Gewissheiten sei, sagte Karl Ove Knausgård bei dieser Gelegenheit, erinnere Peter Handke uns daran, dass nichts offensichtlich sei: «Er besteht auf den Details, auf den kleinen Ereignissen, die unbedeutend erscheinen, die aber alles ändern, was man bereits zu wissen meint.» Aus dieser Perspektive wird dann auch Thukydides zu einem modernen Autor.

Peter Handke ist nicht nur ein Leser mit einem nahezu enzyklopädischen Wissen über die Literatur und deren Geschichte. Er ist auch ein Vermittler der Weltliteratur. Er übersetzte Aischylos, Julien Green und Marguerite Duras, Euripides und Jean Genet. Am meisten liegt ihm jedoch an unbekannten Autoren, die seiner Meinung nach mehr Aufmerksamkeit erhalten sollten – am österreichischen Schriftsteller Florjan Lipuš zum Beispiel, der auf Slowenisch schreibt, oder an dem im Jahr 1945 gestorbenen Emmanuel Bove.

Den Nobelpreis hätte Peter Handke daher schon längst erhalten sollen. «Selbstverständlich denke ich manchmal an den Nobelpreis», sagt er einmal, «aber es ist nicht ernst. Es ist wie ein Spiel, wie ein dummes Spiel, wie wenn man in jungen Jahren an den Tod denkt, wenn die Möglichkeit zu sterben völlig abgelegen zu sein scheint.»

Sympathie für serbischen Nationalismus

Tatsächlich aber erschien ein Nobelpreis für Peter Handke über viele Jahre hinweg als literaturpolitische Unmöglichkeit, aufgrund einer Reihe von Ereignissen, die ihn die Sympathie des grossen Publikums kosteten und zu einem Aussenseiter des literarischen Betriebs machten: In mehreren Aufsätzen und in einem Theaterstück, die er zwischen den Jahren 1996 und 2000 veröffentlichte, berichtete er von seinen Reisen durch die Kriegslandschaften des ehemaligen Jugoslawien. Dabei verheimlichte er sein Mitgefühl für die serbische Seite nicht.

Und mehr noch: Er liess es zu – aus Gründen der Polemik oder aus Trotz –, dass sich seine Anteilnahme am Schicksal der Serben mit einer Haltung mischt, die man als Sympathie für einen serbischen Nationalismus verstehen konnte. Die Texte lösten einen Skandal aus, insbesondere in den Ländern, die am Militärbündnis gegen Serbien teilgenommen hatten.

Peter Handke trat auch auf, als Slobodan Milosevic 2006 nach fünfjähriger Haftstrafe beerdigt wurde. Aber man muss genau hinhören, was Peter Handke bei dieser Zeremonie sagte: «Die Welt, die vermeintliche Welt, weiss alles über Slobodan Milosevic. Die vermeintliche Welt kennt die Wahrheit. Eben deshalb ist die vermeintliche Welt heute nicht anwesend, und nicht nur heute und hier. Ich kenne die Wahrheit auch nicht. Aber ich schaue. Ich begreife. Ich empfinde. Ich erinnere mich. Ich frage.»

In solchen Sätzen spricht ein Schriftsteller, der nicht willens und vielleicht auch nicht in der Lage ist, in politischen Kategorien und moralischen Gewissheiten zu denken, ein Autor, der die Aufteilung der Welt in gute und böse Mächte grundsätzlich bezweifelt. Es spricht aber auch der Kärntner Peter Handke, der die Jugoslawen als Opfer der Deutschen erlebt hatte.

«Man sollte sich nicht täuschen lassen, es waren alles Schurken»Peter Handke

Dennoch muss Peter Handke seitdem mit dem Vorwurf leben, ein faschistisches Regime und einen mörderischen Diktator unterstützt zu haben, ungeachtet der Tatsache, dass es in den Neunzigern, auch in der deutschen Politik, zu vielen Irrtümern kam, den Balkan betreffend. «Man sollte sich nicht täuschen lassen, es waren alles Schurken», antwortete er später auf die Frage, ob er seine damaligen Äusserungen heute nicht in einem anderen Licht sehe.

Immerhin hatte Gerhard Schröder, zu jener Zeit deutscher Bundeskanzler, im Jahr 2014 erklärt, es sei ein Fehler gewissen, ein Land ohne Unterstützung der Vereinten Nationen zu bombardieren. Peter Handke fand sich deswegen nicht rehabilitiert. Und es wird auch dieses Mal, bei der Verleihung des Nobelpreises und auch schon zuvor, zu hässlichen Protesten kommen, ähnlich denen, die ihn empfingen, als er in Oslo den Ibsenpreis entgegennahm.

Im Jahr 2004 veröffentlichte Peter Handke ein kleines Buch mit dem Titel «Don Juan. Von ihm selbst erzählt». Die Geschichte trägt sich in der Ruine der Abtei von Port-Royal des Champs zu, zwanzig Kilometer südlich von Paris und in Reichweite der Wanderungen Peter Handkes gelegen. In Port-Royal lebten seit dem Mittelalter Mönche. Der Philosoph Blaise Pascal wurde hier ausgebildet, und dieser Mann, als Einzelgänger so radikal wie als Gelehrter und Skeptiker, fungiert gleichsam als Pate für einen Verführer ohne Botschaft und Lehre. Er ist ein freundlicher, kluger, vorsichtiger Mann, sonst nichts.

«Man sollte nicht über einen Dialog zwischen den Völkern sprechen, nicht über eine Freundschaft zwischen den Nationen», erklärte Peter Handke dazu. «Wenn es so etwas gibt, geht es durch den Einzelnen. Wenn Blaise Pascal auf Deutsch weiterlebt oder wenn Goethe auf Französisch oder Schwedisch weiterlebt, dann glaube ich an einen Konsens, aber nicht anders.» Es ehrt die Schwedische Akademie, einen solchen Schriftsteller mit dem höchsten Preis auszuzeichnen, den es für ein literarisches Werk gibt.

Erstellt: 10.10.2019, 18:07 Uhr

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