«Ich wollte auf keinen Fall voyeuristisch wirken»

Als erster Comic wurde «Sabrina» 2018 für den Man Booker Prize nominiert. Autor Nick Drnaso sagt, was sein Buch mit Fake News und Donald Trump zu tun hat.

Nick Drnaso: «Ich zweifle immer an meinen Entscheidungen.» Foto: Kevin Penczak

Nick Drnaso: «Ich zweifle immer an meinen Entscheidungen.» Foto: Kevin Penczak

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Ist Ihr Comic «Sabrina» ein Kommentar auf die Trump-Ära?
Ich habe lange vor Trump damit begonnen. Mir gingen ein paar Themen im Kopf herum. Ein verschwundenes Mädchen. Ihr Freund, der Trost bei seinem Kumpel sucht und mit ihm in einem seltsamen Haus wohnt. Es sollte auch ein Buch über Terrorismus und die Medien werden. Und über Trauer. Ich war ein wenig erschrocken, als mir klar wurde, wie sehr mich diese Dinge faszinieren. Sie befeuern die Kreativität. Aber sie können auf Dauer auch ungesund werden.

Das klingt nach einer eher intuitiven Arbeit.
Zunächst dachte ich nicht, dass daraus eine Graphic Novel wird. Ich wollte sehen, was passiert. Es brauchte vierzig, fünfzig Seiten, bis klar war, dass die Ideen tragen. Und dann befindet man sich am Point of no Return und hofft, dass es schon irgendwie wird. Ich hatte keinen Plan, sondern zeichnete einfach drauflos.

Wie muss man sich die konkrete Arbeit vorstellen?
Ich brauchte etwa zweieinhalb Jahre und schaffte zwei Seiten pro Woche. Zunächst ist da immer ein Skript. Wie ein Theaterstück. Ich fühle mich dabei immer noch sehr unsicher, weil ich zwar auf der Kunstakademie war, aber nie Unterricht im Schreiben hatte. Dann zähle ich die Zeilen und überlege, wie viele Bilder ich brauche und wie sie aussehen könnten. Für einen Aussenstehenden wirkt das wahrscheinlich, als sässe ich untätig da. Ich starre auf ein weisses Blatt und beginne erst zu zeichnen, wenn ich alles im Kopf fertig habe. Dann arbeite ich ziemlich mechanisch. Beim Reinzeichnen und Kolorieren von «Sabrina» habe ich Comedyshows gehört.

Teddy, der Freund der ermordeten Titelfigur Sabrina, lauscht am Radio einem Verschwörungstheoretiker. Foto: Aufbau-Verlag

Besonders eindrucksvoll sind die Passagen, in denen Sie die rechten Verschwörungstheorien eines fiktiven Radiomoderators wiedergeben.
Wenn irgendwo auf der Welt etwas passierte, wusste ich immer schon, wie die Verschwörungstheorien dazu lauten würden. Ab einem gewissen Punkt ist es vorhersehbar. Alles bedeutet etwas für Verschwörungsfanatiker. Ich wollte den Trost zeigen, den diese Theorien für die bedeuten, die Angst davor haben, bei der Arbeit oder in der Schule getötet zu werden.

Frappierend ist der Realismus, mit dem die ungewöhnlichen Schauplätze des Comics gezeichnet sind: Eine der Hauptfiguren arbeitet in einem fensterlosen Schachtelbüro in einer Air-Force-Base.
Ich habe einen Freund in Colorado, der dort bei der Air Force arbeitet und das Vorbild dafür war. Ich besuchte ihn zur Recherche und fotografierte viel. Ich arbeite immer so. Ich sammle Fotos. Und dann ist die Frage, wie sehr man sie reduzieren will, damit die Geschichte noch einen Flow hat. Das hat eigentlich nichts mit Kunst, sondern mit Logik zu tun. Aber ich zweifle immer an meinen Entscheidungen.

«Während der Zeit von ‹Sabrina› arbeitete ich als Hausmeister in einem Museum und am Fliessband.»Comicautor Nick Drnaso

Es heisst, Sie wollten das Buch nicht veröffentlichen, als es fertig war.
Als ich im April 2017 damit fertig wurde, war Trump Präsident geworden, alles war auf einmal negativ, und ich dachte: Braucht es jetzt wirklich auch noch einen Comic, der so unerfreulich ist? Ich hatte ausserdem das Gefühl, unehrlich gewesen zu sein. Mein Buch ist Fiktion. Trotzdem erkennt man die Anspielungen auf all die Massaker in den USA. Ich wollte auf keinen Fall voyeuristisch wirken. Mein Verlag verstand mich und akzeptierte meine Entscheidung. Dann beschloss ich, das Geld der ersten Auflage zu spenden. Das nahm mir etwas von meinen Schuldgefühlen.

Das Buch erhielt nicht zuletzt durch die Nominierung für den Man Booker Prize sehr viel Aufmerksamkeit. Hat sich Ihre Situation dadurch geändert? Man hört ja immer, wie hart es ist, als Comickünstler zu überleben.
Am Ende war diese Nominierung nur die Entscheidung von fünf Leuten. Meine ambivalenten Gefühle gegenüber dem Buch haben sich dadurch nicht geändert. Während der Zeit von «Sabrina» arbeitete ich als Hausmeister in einem Museum und am Fliessband. Durch den Erfolg kann ich nun Vollzeit an meinem neuen Buch arbeiten.

Lesen Sie jetzt mehr darüber, wie Nick Drnaso in «Sabrina» die USA als psychotisches Land zeichnet.

Erstellt: 18.11.2019, 13:48 Uhr

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Zum Comic «Sabrina»

Es beginnt als vermeintlich harmloses Geplauder zwischen zwei Schwestern. Aber dann fällt Sabrina, die Titelfigur in Nick Drnasos Comic, einem Mord zum Opfer. Ihr Freund Teddy flüchtet zu seinem früheren Schulkameraden Calvin, einem Überwachungstechniker bei der Armee. Und dann fängt der Alptraum erst richtig an: Ein Video, das den Mord an Sabrina zeigt (den wir als Leser aber nicht zu sehen bekommen), wird zum Internetphänomen. Der in Apathie verfallene Teddy, meist nur noch in Unterhosen auf dem Bett liegend, lauscht am Radio einem Verschwörungstheoretiker. Und sein Beherberger Calvin wird mit Drohmails eines ebenfalls völlig paranoiden Fake-News-Verbreiters eingedeckt.

Was der 30-jährige Nick Drnaso mit «Sabrina» aufs Papier gebracht hat, ist ein schockierendes Zeitbild der USA. Die Sprachlosigkeit der Figuren ist auf jeder Seite zu spüren, manchmal herrscht einfach nur lähmende Stille. Zeichnerisch ist das insofern präzise umgesetzt, als die Figuren in ihrer Sackförmigkeit ebenso geschlechtslos wie verloren wirken, während die Szenerie aus fensterlosen, kahlen Räumen besteht. Lebensfeindlichkeit pur.

«Sabrina» wurde 2018 als erster Comic überhaupt für den englischen Man Booker Prize nominiert, Autoren wie Zadie Smith oder Chris Ware überschlugen sich vor Begeisterung. Mit gutem Grund: Die beklemmende Intensität dieses Werks ist kaum auszuhalten. (zas)



Nick Drnaso: «Sabrina». Blumenbar, Berlin 2019, 204 S., ca. 42 Fr.

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