«In den USA leidet jeder Sechste Hunger»

Der amerikanische Rechtsphilosoph John Mikhail spricht den Menschen einen angeborenen Sinn für Gerechtigkeit zu. Dieser werde nur manchmal verschüttet.

«Die globale Ungleichheit ist schockierend», sagt John Mikhail. Im Bild ein Obdachloser in Brooklyn, New York. Foto: Spencer Platt (Getty Images)

«Die globale Ungleichheit ist schockierend», sagt John Mikhail. Im Bild ein Obdachloser in Brooklyn, New York. Foto: Spencer Platt (Getty Images)

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US-Präsident Donald Trump betrachtet seine Steuerreform als «Weihnachtsgeschenk».
Was für eine Verkehrung der alten republikanischen Tugend des zivilgesellschaftlichen Engagements! Steuern sind doch Teil des Gesellschaftsvertrags: Du kümmerst dich zum Beispiel nicht nur darum, dass dein Kind eine gute Bildung erhält, sondern alle Kinder. Die Gesellschaft muss nach dem Prinzip der all­gemeinen Wohlfahrt organisiert sein. Steuern sollten etwa ins öffentliche Bildungssystem, in Bibliotheken, Parks und Kultur fliessen. In hyperkapitalistischen Gesellschaften wie unserer gerät all dies in Schieflage. Man vergisst das Wichtigste: dass als Prüfstein fürs gute Wirtschaften nicht irgendwelche Ideologien herangezogen werden dürfen – Kapitalismus, Sozialismus, Liberalismus. Sondern dass zählt, ob die Menschenrechte respektiert werden, die Würde des Menschen gewahrt bleibt, die Gesetze zum allgemeinen Wohl beitragen.

Gehen Ihre Kinder in eine öffentliche Schule?
Gute Frage, nein, tun sie nicht. Als es an der Zeit war, sie einzuschulen – die Tochter ist heute 15, der Sohn 13 Jahre alt – lebten wir in Washington D.C., und die Privatschulen dort waren besser als die öffentlichen. Aber ich will keineswegs Steuergelder vom öffentlichen System abziehen, wie das etwa Bildungsministerin Betsy DeVos derzeit betreibt. Im Gegenteil: Ich würde sogar gern mehr Steuern zahlen, wenn ich so die öffentliche Schule stützen könnte. Unter dem brutalen Druck von Shareholder-Value und Profit erpressen die Firmen die Regierungen lokal wie national: Entweder wir erhalten Steuererleichterungen oder wir gehen. Da können sich die Verwaltungen kaum widersetzen, und so ist in den USA diese Art öffentlicher Subvention privater Profite Courant normal. Und nein: Ich glaube nicht an eine reine Lehre des Etatismus oder Sozialismus.

Sondern woran?
Daran, dass das Gemeinwesen der Gemeinschaft nützen sollte. Die globale Ungleichheit ist schockierend. Und in den USA, dem Land mit dem höchsten Bruttoinlandprodukt und irrem technologischem Fortschritt, leidet einer von sechs Menschen Hunger! Ein Promille der Bevölkerung verfügt über fast so viel Besitz wie die unteren 90 Prozent zusammen. Die Politiker richten alles nach den Bedürfnissen der Wirtschaft aus: Das ist das Kernproblem. Jetzt wird auch noch dereguliert, was das Zeug hält, statt Regulierungen für alle durchzusetzen. Genau dies ist eine der grossen Debatten im amerikanischen Verfassungsrecht: Soll man dem Nationalstaat oder den Bundesstaaten mehr Macht einräumen? Schon Teddy Roosevelt wusste: Das einzige echte Gegengewicht zur Privatwirtschaft ist die Zentralregierung, die allen gleich lange Spiesse gibt.

In der Ära Trump ist das vorbei?
Schon seit drei bis vier Jahrzehnten vertritt die Republikanische Partei, und teils auch die Demokratische Partei, die Deregulierung. Daher stagnieren die kleinen Löhne, während die Superreichen ständig reicher werden. Darum konnte sich überhaupt erst so ein Geist entwickeln, in dem ein Trump an die Spitze kommt und selbst noch den geringen vorhandenen Umwelt- und Konsumentenschutz abwickelt; oder die Krankenversicherung. Man muss die nationalen Institutionen stärken. Sonst werden der Imperativ der Privatwirtschaft und die Logik des Kapitalismus die Menschen zermahlen. Sie tun es bereits.

Wieso gibt es dann immer noch überzeugte Trump-Unterstützer?
Fragte man Amerikaner vor der Präsidentschaftswahl 2016 und auch danach nach ihrer grössten Angst, lautete die Antwort nicht Terrorismus, Atomkrieg oder Wirtschaftskrise, sondern stets: die Korruption der Staatsdiener. Es steht sehr schlecht um eine Gesellschaft, wenn die Regierung ihre grösste Angst ist. Trump hat da ironischerweise quasi als Drachentöter gewonnen. Den Demokraten gelang es nicht, das Image der abgehobenen Elite und der Minderheitentröster abzustreifen. Ich sah das in Ohio, wo ich herkomme: Da standen schon im August 2016 eine Menge Trump-Schilder; in der Vorstadt in Maryland hingegen, wo ich heute lebe, fast keine.

«Schon bei halbjährigen Säuglingen kann man einen gewissen Gerechtigkeitssinn ausmachen.»

Worauf hoffte Ohio?
Es war nicht der Rassismus oder Sexismus, der die Leute ansprach: Ich wuchs dort als Kind ägyptischer Kopten in einer wunderbar heterogenen Gemeinde auf und wurde nie diskriminiert. Die Leute sind da ebenso anständig wie anderswo, aber sie fürchten um die Zukunft ihrer Kinder. Sie haben das Gefühl, vergessenes Flyover-Land zu sein, uninteressant für die käuflichen Berufspolitiker, dem Untergang anheimgegeben. Es ist ein Unding, dass ein paar Swing States wie Ohio über den Wahlausgang entscheiden. Hält Trump dort seine Basis, kann er noch mal siegen.

Das Wahlsystem hat Fehler?
Abgesehen vom Wahlmännersystem und vom Wahlbezirke-Biegen sind da die Dominanz der zwei Parteien und, besonders, die Wahlkampffinanzierung. Es gibt keine öffentlichen Zahlungen, die einen robusten, diskursiven Umgang mit heiklen Themen erlauben würden: Geldgeber mit Privatinteressen sagen, wo es langgeht. Und einen Faktor haben wir noch ganz ausgeblendet.

Welchen?
Die Medien. Sie sind «Attention Merchants», verkaufen die Aufmerksamkeit ihres Publikums an die Werbewirtschaft. Trump war für sie sehr profitabel, auch wenn er sie beschimpft. Die Quoten gingen bei ihm stets nach oben, jeder wollte erleben, was er wieder Krasses von sich gibt. Es war und ist ein Setting des Sensationalismus, wo die Grösse von Trumps Händen und seine Beleidigungen für nationalen Gesprächsstoff sorgen. Trump ist ein Medienfuchs und bespielt dieses Setting extrem effektiv. Er ist ein Demagoge. Mit geschickt platzierten Grenzüberschreitungen erspielte er sich viel Gratisberichterstattung. Er und die professionellen Aufmerksamkeitshändler bilden ein Team mit schlimmer Dynamik. Solange das so bleibt, blicke ich pessimistisch in unsere Zukunft.

Und die Verfahren gegen ihn?
Aus dem Impeachment, der Anklage zur Amtsenthebung, wird wohl nichts. Diverse Versuche, ihn wegen unzulässiger Bereicherung dranzukriegen – über die «Emoluments»-Klausel –, laufen. Ich selbst habe dafür ein wenig recherchiert. Aber selbst falls die Gerichte darauf eingehen sollten: Das dauert. Und käme es zum Entscheid gegen ihn, weiss keiner, ob nicht eine Verfassungskrise folgen würde. Trump ist ein grosser Fan von Präsident Andrew Jackson, der 1832 den Richterspruch des obersten Richters zum Schutz der Cherokees zumindest zeitweilig schlicht ignorierte.

Dabei lautet Ihre These, dass jedem der Sinn fürs Richtige und Gerechte innewohnt. Wo ist der abgeblieben?
Keine Sorge: Er ist immer noch da. Heute können wir mithilfe von neurobiologischen, psychologischen, anthropologischen und linguistischen Erkenntnissen sagen: In jedem Menschen steckt der Samen der Gerechtigkeit. Er ist Teil unserer biologischen Grundausstattung. Analog zur sprachlichen Basis nach Chomsky spreche ich gerne von einer moralischen Universalgrammatik.

Was heisst das?
Durch Untersuchungen von Leuten mit Hirnverletzung kann man eingrenzen, wo das sitzt, was man landläufig Gewissen nennt. Man kann buchstäblich mit dem Hammer draufhauen. Es gibt zwar eine beschränkte Diversität der moralischen Normen in den verschiedenen Kulturen. Aber: Die bestimmenden Parameter sind die gleichen, von Konfuzius bis zu den Menschenrechten. Tatsächlich kann man schon bei halbjährigen Säuglingen einen gewissen Gerechtigkeitssinn ausmachen.

Aber wieso verhält sich der Mensch oft ungerecht und unmoralisch?
Zum einen ist da der Unterschied zwischen moralischer Kompetenz und moralischem Verhalten. Ich beherrsche die Grammatik, mache im Alltag aber dennoch unendlich viele Sprechfehler. Zum anderen beeinflussen viele Faktoren unser Verhalten: Gier, Angst, die Wahrung eigener Interessen und so weiter. Vielleicht ist unser Verhalten, wissenschaftlich gesehen, auch komplett determiniert. Aber in unserer Wahrnehmung werden wir vor freie Entscheidungen gestellt – auch moralische. Und ich bin optimistisch: Wenn man die Leute über den moralischen Universalismus informiert, wird es ihnen leichter fallen, auf ihre moralischen Antriebe zu hören.

Warum?
Eins beobachte ich oft bei jüngeren Studierenden: Wird ihnen der Skeptizismus und Relativismus eingebläut, fangen sie an, ihren moralischen Instinkten zu misstrauen. Sie halten sie für eine relative kulturelle Prägung, und das schwächt ihre moralischen Intuitionen. Hier muss man gegensteuern.

Sind es oft nicht gerade rigide moralische Systeme, die Kriege, Gräuel, Grausamkeiten legitimieren?
Das Individuum wird mit einem Sinn für Gerechtigkeit geboren, der sich entfaltet. Die Kultur bettet ihn in ein System ein: Dieses ist die «Folk»-Theorie rund ums Phänomen Gewissen. Oft ist diese Theorie religiös oder durch ein anderes Glaubenssystem aufgeladen. Und das kann dann in gewissen Fällen negative Effekte haben oder manipuliert werden: Religionskriege oder schlicht Intoleranz gibt es bis heute. Aber dass so eine «Folk»-Theorie überhaupt funktioniert, dass jede Propaganda – auch die von undemokratischen Bewegungen, Diktatoren, Terrorgruppen – an den Sinn für Gerechtigkeit andockt, spricht Bände: Sie hat nur Erfolg, wenn sie mit der angeborenen moralischen Denkstruktur operiert. Wir sind die Guten, die andern die Bösen: Bringt man die Leute dazu, das zu glauben, machen sie fast alles mit, sogar Dinge zu ihrem eigenen Schaden wie Selbstmordattentate. Moral ist keine simple Frage von «Nature or Nurture».

Was ist zu tun?
Laden wir die Menschen ein, über die Quellen ihrer Moral nachzudenken! Zeigen wir ihnen, dass manche Norm erworben ist, es aber eine darunterliegende moralische Universalgrammatik gibt: Das könnte einen grossen, befreienden Effekt haben.


«Das waren für mich die Bilder des Jahres»

Bildredaktor Boris Müller über Trumps Fake-Triumph und den berührenden Abschied von toten Rockstars.


Erstellt: 27.12.2017, 17:55 Uhr

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John Mikhail
Der 48-jährige Rechtsprofessor lehrt an der Georgetown-Universität. In Werken wie «Elements of Moral Cognition» verbindet Mikhail Philosophie mit Neurowissenschaft. Kürzlich eröffnete der Familienvater an der Universität Zürich die neuen «Rousseau Lectures» mit Vorträgen über «The Sense of Justice, Private Interest, and Public Duty in the Age of Trump». (ked)

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