In kühner Harmonie

Der Schweizer Fotoreporter Werner Bischof reiste als Mitglied der Agentur Magnum um die Welt. Jetzt zeigt das Musée de l’Elysée in Lausanne eine begeisternd vielseitige Werkschau.

Mit dem Gespür für den perfekten Ausschnitt: Der Hafen von Kowloon, Hongkong, fotografiert 1952 von Werner Bischof. Foto: Werner Bischof (Magnum Photos, Pro Litteris)

Mit dem Gespür für den perfekten Ausschnitt: Der Hafen von Kowloon, Hongkong, fotografiert 1952 von Werner Bischof. Foto: Werner Bischof (Magnum Photos, Pro Litteris)

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Für Werner Bischof ist die Reise existenziell: Von Nordamerika will er bis Feuerland fahren, dann mit dem Schiff nach Kapstadt übersetzen und vor der Rückkehr nach Zürich, seiner Heimatstadt, den afrikanischen Kontinent durchqueren. Neue Perspektiven erhofft er sich vom Trip: Bischof, Mitglied der Agentur Magnum und einer der renommiertesten Fotoreporter seiner Zeit, stellt, noch keine 38 Jahre alt, seine Arbeit infrage. Er hat genug von den Vorgaben der Magazine, von den Texten, die zu seinen Fotografien gestellt werden, und immer weniger erträgt er die Widersprüche, die seine Arbeit bei ihm auslöst, wenn er Armut, Elend, Hunger fotografiert.

Die Reise endet im Mai 1954 in einer Schlucht in den Anden. Das Auto ist von der Strasse abgekommen. Bischof, der Fahrer und ein Geologe sterben.

Kaum bekannte Bilder

Rund 60'000 Negative sowie unzählige Briefe und Dokumente umfasst sein Nachlass. Ein Schatz, der auch mehr als 60 Jahre nach Bischofs Tod noch nicht ganz gehoben ist. Zwar hat sein Sohn und Nachlassverwalter, der Dokumentarfilmer Marco Bischof, weite Teile des Archivs erschlossen und zugänglich gemacht, doch restlos für die Öffentlichkeit ausgeleuchtet ist es nicht. Eine ganze Reihe kaum bekannter Highlights aus Bischofs Dunkelkammer wurden aber nun für die grosse Ausstellung zu seinem hundertsten Geburtstag im Fotomuseum Elysée ans Licht gebracht.

Der Sohn ist denn auch massgeblich an der überwältigenden Retrospektive in Lausanne beteiligt, die einen neuen, direkten Zugang zu Bischofs Werk ermöglicht. Zusammen mit dem Elysée-Kurator Daniel Girardin hat er keine ­simple Jubiläumsschau mit einer Parade von Bischofs Ikonen inszeniert. Mit vielen unveröffentlichten Aufnahmen macht die Ausstellung vielmehr nachvollziehbar, wie früh Bischof zu seinem eigenen Stil gefunden hat – einem Stil, der unnachahmlich überraschende Perspektiven mit Unmittelbarkeit mengt. Sie fehlen zwar nicht, die bekannten, zeitlosen Meisterwerke wie der Flötenspieler aus den Anden. Doch nicht in Weltformat hängt er in der Ausstellung, gezeigt wird der kaum A4-grosse Originalabzug. Er wird zum Puzzlestück einer Story, die in nie dagewesener Vollständigkeit erzählt wird. An der Fotoklasse von Hans Finsler nahm sie ihren Anfang, führte um die halbe Welt und tief hinein in existenzielle Fragen – ins Dilemma des engagierten Fotoreporters.

Wie hartnäckig und erfolgreich der junge Bischof nach neuen Formen und Perspektiven suchte, demonstrieren bereits seine frühen Arbeiten. In der Ausstellung werden erstmals die originalen Kontaktabzüge gezeigt, Serien quadratischer Bildchen, die alle das Gespür des jungen Fotografen für den perfekten Ausschnitt verraten. Ob Berge, Gewässer, Bäume – da paart sich Kühnheit ganz selbstverständlich mit Harmonie.

Bereits als 20-Jähriger hatte Bischof sein eigenes Studio, arbeitete als begehrter Werbefotograf unter anderem auch für Bally. Seine Modeaufnahmen sind von umwerfender, distanzierter Eleganz, seine Teichfotografien nehmen den Fotorealismus in der Kunst vorweg. Ja, Künstler wäre er gern geworden, ­Maler, und 1939 wagte er den Ausbruch nach Paris. Doch der Zweite Weltkrieg machte ihm nach drei Monaten einen Strich durch die Rechnung.

Das Grauen in den Kriegsruinen

In den Kriegsjahren, von denen er mehr als 800 Tage im Aktivdienst war, verbrachte er seine freie Zeit im Studio, wo er vor allem mit Licht und Schatten experimentierte. War es eine unbewusste Vorbereitung auf die Herausforderung, die ihn nach Kriegsende erwartete? Kaum waren die Grenzen offen, fuhr ­Bischof nämlich los, mit dem Velo erst, und dokumentierte das Grauen, dem er in den Ruinen begegnete und das ihn zutiefst erschütterte, wie seine Briefe verraten. Den täglichen Überlebenskampf hielt er fest, näherte sich behutsam den Menschen, ihren vor Verzweiflung starren Gesichtern. Mit der Zeit rückten auf seinen Aufnahmen immer mehr Kindergesichter in den Vordergrund – so, als habe er auf ihnen Zeichen gesucht, die verraten, dass eine Zukunft wieder möglich wird.

Wie diese Nachkriegsdokumente damals der Öffentlichkeit präsentiert wurden, ist in der Ausstellung dank einem handlichen «Zauberkasten» erfahrbar. Unter dessen Touchscreen schwimmen die Publikationen mit Bischofs Fotografien vorbei. Ob «Die Woche», «Epoca», «Du» oder «Life» – alle diese Magazine können durchgeblättert werden. Und man spürt sofort die Wucht der Reportagen eines Mannes, der in eine zerstörte Welt hinausgezogen und überwältigt worden ist, dessen Mitgefühl aber nie seinen unbestechlichen Blick vernebelt hat. Eine unsentimentale Komplizenschaft mit den Opfern war da entstanden, und sie überträgt sich auf den Betrachter der Aufnahmen.

Dass in Lausanne nicht einfach der vertraute Bischof gefeiert wird, macht bereits das Plakat der Ausstellung deutlich. Es zeigt eine Farbfotografie aus San Francisco, von einem Arbeiter, der in die gleiche orange Farbe getaucht ist wie die mächtige Röhre, die hinter ihm aufragt. Der farbige Bischof wurde lang ­unter Verschluss gehalten. Zwar experimentierte er bereits 1941 mit Farbe, doch seine Farbfotografien wurden erst 2006 an einer Ausstellung im Zürcher Helmhaus öffentlich gezeigt.

In den Fünfzigerjahren schien ihm, dem Meister der Schwarzweissfotografie, der Einsatz von Farbe ideal, um Amerika zu zeigen, ein Land, das bei ihm zwiespältige Gefühle auslöste. «Nun zu New York and me», schrieb er 1953 seinem Freund, dem Fotografen Robert Capa. «Ich vermisse die Wärme der Leute, es ist eine kalte brutale Stadt und ein verdammt egoistischer Platz, doch eben trotz allem exciting fascinating, wie eine demoralisierende Schönheit.»

Seine Ambivalenz spiegelt sich in den «Americana»-Aufnahmen, die er im Auftrag der Standard Oil Company machte. Strassen sind ihr Thema, und im Geflecht der Highways und Autoschlangen machte Bischof wie in seinen Anfängen wieder Strukturen von irritierender Schönheit aus. Ganz beiläufig schien ihm das zu gelingen, so, als sei sie ihm einfach zugefallen, die verborgene Formvollendung von simplen Bundesordnerregalen, eingewachsenen Treppen, verbrauchten Kabeln.

Ein Meister des Worts

Viele Fährten legen die Kuratoren aus, auf dass das vielschichtige Werk in seiner ganzen Komplexität erfahrbar werde. Auch dem Fotografen selber begegnet man: Gezeigt wird jener kleine, feine Film, den 1953 der Magnum-Fotograf René Burri als 20-Jähriger drehte, als Bischof im vierten Stock des Warenhauses St. Annahof an der Zürcher Bahnhofstrasse die Fotos seiner Asienreise ausstellte. Der Film hat keinen Ton, aber auch ohne Worte vermittelt er Werner Bischofs grosse Ausstrahlung. Auf einem weiteren Bild ist der Fotograf umringt von Kindern und mit einem Schreibblock in der Hand zu sehen.

Der schreibende Bischof, das ist ein Kapitel, das noch nicht erzählt worden ist. Im Unterschied zu den meisten Fotografen war Bischof auch ein Meister des Worts, wie offenbar die unzähligen Briefe belegen, die er unterwegs nicht nur seiner Frau, sondern auch Kollegen schrieb und in denen er immer wieder auch die Rolle des Fotografen reflektierte. Er habe vor, die Briefe seines Vaters noch herauszugeben, sagte Marco Bischof in Lausanne.

Bis 1. Mai. Daniel Girardin (Hrsg.): Helvetica. Les Editions Noir sur Blanc, Lausanne 2016. 148 S., ca. 45 Fr.

Erstellt: 28.01.2016, 18:39 Uhr

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