Jetzt der Raketenwerfer, Papi!

«Fortnite» ist ein Shooter-Game, das sich wie ein Virus unter Kindern ausbreitet. Erlauben oder verbieten? Unser Autor hat erst einmal mitgespielt.

Ausschnitt aus einem Trailer zu «Fortnite»: Das Shooter-Game verunsichert viele Eltern. Video: Epic Games

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«Papi, kannst du ‹Fortnite› kaufen?»

«Was ist das?»

«Ein Spiel für die Playstation.»

«Was für ein Spiel?»

«So eins, wo man andere abschiessen muss.»

«Ein Ego-Shooter?!»

«Weiss nicht. Aber alle in der Schule spielen es. Alle!»

Durch dieses Gespräch mit meinem zehnjährigen Sohn wurde ich auf «Fortnite: Battle Royale» aufmerksam. «Fortnite» ist quasi die spielbare Variante der Teenager-Dystopie «The Hunger Games». Man wird über einer Insel abgeworfen und muss sich gegen 99 andere Onlinespieler durchsetzen. Der Letzte, der noch steht, hat gewonnen. Das Spiel ist kostenlos und läuft auf PC, Tablet, Handy, Playstation und Xbox. «Fortnite» verbreitet sich so schnell wie vor zwei Jahren «Pokémon». 40 Millionen Spieler gibt es weltweit seit der Lancierung im September. Manchmal sind 2 Millionen gleichzeitig online.

Freigegeben ist «Fortnite» ab 12 Jahren. Doch weil das Game nicht fotorealistisch, sondern cartoonhaft ist, spielen es auch deutlich jüngere Kinder. Eine englische Morgenshow machte «Fortnite» kürzlich zum Thema – auf der Facebook-Seite des Senders ITV gingen umgehend 60'000 Kommentare ein. «Harmlos», fanden gewisse Eltern, «gehört verboten», empörten sich andere. «Darf dein Sohn . . .?», fragte ich einen Kollegen, den ich als vernünftigen Vater und Pragmatiker schätze. «Weiss nicht recht», sagte er.

Kurz, viele Eltern sind von «Fortnite» überfordert. Zumal in der Unterhaltungsindustrie auf offizielle Altersempfehlungen oft kein Verlass ist. Manche «Stars Wars»-Filme sind erst ab 12 freigegeben, aber viele jüngere Kinder gucken die Filme, durchaus ohne traumatische Erfahrungen. Jedes Kind ist anders, was das eine verstört, ist für das andere kein Problem. Medienpädagogen raten deshalb: «Actionfilme zusammen ansehen und die Gewaltinszenierungen diskutieren.» Ob das auch für Actiongames machbar ist?

«Du willst Fortnite spielen? Du?», war die Reaktion meines Sohns – und seine Zweifel waren berechtigt. Zwar gehöre ich zur ersten Elterngeneration, die mit Videogames aufgewachsen ist. Als Kinder spielten wir auf dem Commodore 64 pixelige Spiele wie «Summer Games» oder «Frogger». Zu Studentenzeiten frönte ich noch «Crash Bandicoot», einem herzigen Jump-’n’-Run-Spiel auf der Playstation 1. Als der Zombie-Shooter «Resident Evil» in der WG Einzug hielt, verabschiedete ich mich aber aus der Gamewelt. Ducken, rennen, zielen, schiessen, auflesen, robben, werfen, sprechen . . . die Tastenkombinationen waren so anspruchsvoll wie Klarinette spielen. Das war vor 20 Jahren. Nun wurde mir bewusst, wie wenig ich über Videospiele wusste und damit über das Lieblingsthema meines Sohns.

Sperrfeuer in der Stille

Dann ging es los. Nachdem meine Spielfigur, ein weiblicher Rambo, aus einem Bus gesprungen war, der an einem Heissluftballon schwebte, landete ich auf der Jeder-gegen-jeden-Insel: einer Landschaft, die von einem LSD-Trip inspiriert sein könnte. Berge, Seen, Täler und Fauna leuchteten unreal und intensiv. Ich wäre am liebsten ein paar Minuten staunend herumspaziert – wenn die Scharfschützen nicht gewesen wären.

Auf Anraten des Sohns, der das Game schon bei Kollegen gespielt hatte, rannte ich zu einem Haus. Es war verlassen wie alle anderen Gebäude auch. «Was hier passiert sein mag?», fragte ich. «Das ist bloss Deko», raunzte der Sohn ungeduldig, «such schnell eine Waffe.» Ich fand keine Waffe, aber einen «Schildtrank», der die Lebensenergie stärkt. Er nützte nicht viel. Als ich aus dem Haus trat, durchbrach Sperrfeuer die Stille. Mein Avatar löste sich in Luft auf. «Kopfschuss. Eliminiert von ElProfe323» stand auf dem Bildschirm.

Jeder gegen jeden: Videogame Fortnite Battle Royale. Bild: Epic Games

Dieses Szenario wiederholte sich noch viele Male, bis ich gelernt hatte, mich im Gelände zu verstecken oder zu verbarrikadieren – und meine Gegner aus dem Hinterhalt zu erledigen. Das gelang mir allerdings bloss einmal: Mit einem «taktischen Salvensturmgewehr» durchsiebte ich jemanden aus der Ferne. Das Gewehr lud mit einem metallischen Klicken nach. Ich fühlte mich euphorisch und clever. Auch mein Sohn, dem die Lehrer stets eine hohe Sozialkompetenz bescheinigen, war ob der Attacke begeistert.

Ich dachte an Donald Trump. Der US-Präsident hatte das jüngste Schulmassaker mit dem Einfluss von Shooter-Games erklärt. Das ist natürlich zu einfach gedacht und durch Hunderte Studien widerlegt. Ich war trotzdem etwas beunruhigt, als wir eine weitere Runde starteten. Dieses Mal im «Duo-Modus»: Einer der 99 anderen Spieler wird einem als Partner zugewiesen. In den Elternforen wurde diese Funktion mitunter gelobt, da sie strategisches Denken und den Teamgeist fördere. Tatsächlich rettete mich mein Compagnon Pixiedust, als ich angeschossen wurde, mit Schildtrank. Danach nahmen wir einen Gegner, der sich in einer Baracke verschanzt hatte, ins Kreuzfeuer. Zu mehr Kooperation kam es nicht, was daran liegen mochte, dass ich wegen meines Sohns die Chat-Funktion ausgeschaltet hatte. Könnte ja sein, dass einer der 40 Millionen Spieler ein echter Shooter ist.

Nach Dutzenden Ermahnungen wie «Papi, du musst den Raketenwerfer nehmen, nicht die Spitzhacke» hatte ich genug. Ich übergab den Controller meinem Sohn. Seine Lieblingswaffen seien Armbrust («schön altmodisch») und Schrotflinte («macht viel Schaden»), sagte er. Dann machte er sich konzentriert ans Werk.

Lachen oder schimpfen?

Ich konnte nicht anders: Ich war ob seiner geschmeidigen Effizienz beeindruckt. Einmal liess er seine Spielfigur ein absurdes Tänzchen machen, nachdem sie jemanden umgenietet hatte. Ich wusste nicht, ob lachen oder schimpfen. Die Tanzeinlagen, sagte mein Sohn, seien Kult. Der Floss zum Beispiel sei der neue Dab. Tatsächlich gibt es millionenfach angeklickte Youtube-Videos mit «Fortnite»-Tänzchen, die von Kindern nachgeahmt werden. Neben der Spannung, ob hinter der nächsten Ecke ein Gegner lauert, gefällt den jungen Spielern dieser schräge Humor. Dasselbe gilt für absurde (und kostenpflichtige) Gegenstände wie Dinosaurierkostüme oder solche mit popkulturellen Referenzen. Sie bringen dem Besitzer auf den Pausenplätzen Ruhm ein, vergleichbar mit seltenen Panini-Bildern.

Während mein Sohn über die Insel robbte, vergewisserte ich mich: Die Videospieldebatte um Gewalt, Sucht und Intelligenzdefizite ist heuchlerisch und verstellt den Blick auf wirklich wichtige Fragen. Wie verändern die digitalen Möglichkeiten die Kindheit? Zum Vor- oder Nachteil? Welches ist der richtige mediale Mix? Mein Sohn ist noch zu jung, um solche Themen zu diskutieren. Ausserdem gings hier um ein konkretes Spiel. Ich fragte ihn:

«Wie fühlst du dich, wenn du in ‹Fortnite› jemanden über den Haufen schiesst?»

«Man sieht ja kein Blut. Wenn man im Spiel richtig sterben würde, hätte ich Angst.»

«Findest du es nicht schlimm, so viele Leute zu töten?»

«Es ist doch nur ein Game.»

«Die Spielfiguren sterben. Allein heute Abend waren es ungefähr 2000.»

«Aber es ist nicht echt. Es hat einen fliegenden Bus. Einen fliegenden Bus!»

Er mag ja recht haben. Inzwischen habe ich ihm «Fortnite» trotzdem verboten.

Erstellt: 19.03.2018, 18:41 Uhr

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