«Jetzt regiert die Angst»

Das Drama «At Home» des Regisseurs Athanasios Karanikolas erzählt von der Würde in kalten Zeiten. Für die Griechen gehe es jetzt um Selbstmord oder den Tod von aussen, sagt er.

Nadja (Maria Kallimani) und ihre Tochter Iris (Zoi Asimaki) im griechischen Drama «At Home». Foto: PD

Nadja (Maria Kallimani) und ihre Tochter Iris (Zoi Asimaki) im griechischen Drama «At Home». Foto: PD

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Als Grieche, der in Deutschland lebt, stehen Sie quasi auf beiden Seiten eines absurden Theaters. Wie erleben Sie den Konflikt?
Es ist sehr kompliziert, zu sagen, wo ich hingehöre. Ich wohne schon längere Zeit in Deutschland, als ich in Griechenland gelebt habe. Traurig machen mich vor allem die Feindbilder, in denen pauschalisiert wird: Die Deutschen sind so – die Griechen sind so. Das finde ich sehr des­truktiv. Es geht nicht mehr um das Leben der Menschen, sondern um den Charakter einer Nation.

Wann haben Sie Griechenland verlassen?
1987, schon damals habe ich für mich keine Perspektive gesehen. Es war bereits zu dieser Zeit schwierig, sich etwas vorzustellen, was nicht über Nepotismus funktioniert hat. Ich aber wollte eine Chance haben und selber etwas tun. Damals war das System schon korrupt, aber die Situation hat sich inzwischen noch einmal verschlechtert.

Glaubt in Griechenland noch jemand, dass die Regierung Tsipras etwas bewegen kann?
Die jetzige Regierung weckte bei vielen Hoffnung. Vielleicht tut sie es noch immer. Aber sie hat nun von der EU diese heisse Kartoffel bekommen, und mittlerweile ist alles so absurd geworden, dass man nicht mehr weiss, was wirklich ist und was nicht. Ich habe das Gefühl, ich bewege mich auf Treibsand. Insgesamt ist es ziemlich grausam, wie mit einem Land und seiner linken Regierung umgegangen wird. Umgekehrt hat Griechenland in den letzten 40 Jahren einen Weg verfolgt, bei dem klar wurde, dass sich etwas ändern muss.

Es gibt aber eine Resthoffnung?
Wir haben alle gehofft, dass die Korruption mit der neuen Regierung ein Ende findet, dass das Land eine neue Struktur bekommt in dem Chaos, in dem wir in den letzten Jahren gelebt haben. Diese Hoffnung ist teilweise noch vorhanden. Weil man glaubt, dass die Tsipras-Regierung nicht von den gleichen Interessen geleitet wird wie die Regierungen davor. Wir hoffen, dass die Gruppe unter Tsipras in Griechenland eine andere Kultur begründet, was Bildung, Gesundheitssystem und Renten angeht. Viele sind jetzt natürlich enttäuscht, dass selbst eine linke Regierung dazu gezwungen wurde, den Vertrag zu unterschreiben. Aber man sagt: Wenigstens hat diese Regierung einen Blick für die Schwachen. Die Politiker davor wollten nur die Eurogruppe befriedigen. Um das Volk selbst ging es nicht. Dass das nun anders ist, das ist die letzte Hoffnung.

Hat Tsipras nicht auch zu zeigen versucht, dass es für eine Politik gegen die Austerität noch Gestaltungsraum geben könnte?
Aber gibt es denn diesen Raum? Wie Europa mit einer linken Regierung umgeht, hat man ja jetzt gesehen. Und ich fürchte, dass alles noch schlimmer wird. Zurzeit recherchiere ich in Bulgarien, wo man das alles kennt, was jetzt mit Griechenland gemacht wird. Bevor Bulgarien in die EU eintreten durfte, gab es auch hier Sparprogramme, Privatisierungen, gesellschaftliche Veränderungen. Allein die Idee eines Treuhandfonds weckt keine guten Erinnerungen. Wenn man das hört, denkt man: Nun fängt der grosse Ausverkauf an.

Man stösst sehr schnell auf Unverständnis, wenn man mit Griechenland sympathisiert. Kämpft man da gegen eine Art Fatalismus der rechnerischen Vernunft?
Ich weiss nicht, ob es Vernunft oder Verzweiflung ist. Ich sehe eher die Verzweiflung. Es ist jetzt alles von Angst regiert. Die Leute fragen sich, was aus Griechenland wird, wenn plötzlich der Hahn zugedreht wird. Ich habe gesehen, wie die Leute Panik bekommen haben, als sie eine Woche lang nur 60 Euro pro Tag beziehen konnten. Da fragt man sich, wie lange ein Land noch Geld hat, um zu überleben. Monate, Wochen? Da kann man keine richtige Entscheidung treffen, es ist wie Waterboarding: Entweder bringt man sich um, oder man stirbt.

Also die Wahl zwischen zwei Todesarten.
Man steht vor einem falschen Dilemma. Entweder man privatisiert alles, oder es stirbt alles. Ich weiss jedoch nicht, ob Griechenland ausserhalb der EU überleben könnte. Was würde passieren mit einer neuen Währung? Klar, die Forderungen der Eurogruppe sind schrecklich. Aber was ist die Alternative? Das Schlimmste ist, wenn man den Alltag der Menschen zerstört. Das dürfen wir nicht erlauben. Was Systeme einander antun, dürfen wir uns gegenseitig nicht antun.

Gibt es die Idee Europa noch?
Ich habe die Utopie selber erlebt. Ich bin als Grieche nach Deutschland gekommen, weil die EU mir ermöglicht hat, in einem anderen Land zu arbeiten. Ich habe umsonst an einer deutschen Universität studiert, heute lebe ich hier. Diese Freiheit hat mir Europa gegeben, und jetzt sehe ich, wie alles zerbröckelt. Und denke: Wie wird das alles ausgehen? Muss man künftig ein Visum beantragen, um nach Deutschland zu fahren? Ich habe an den Traum geglaubt, und jetzt werde ich langsam wach.

Erstellt: 22.07.2015, 17:46 Uhr

Eine Fabel über die Würde «At Home»

Athanasios Karani­kolas wurde 1967 in Thessaloniki geboren; er studierte Kunst in Düsseldorf und Regie in Potsdam. Sein letzter Spielfilm «At Home» (2014) führt in den Sichtbeton­modernismus der griechischen Oberschicht, wo ein Paar eine Haushälterin aus Georgien beschäftigt. Sie ist Teil der Familie und ein guter Geist, aber als sie krank wird, gelten andere Regeln: Sie wird entlassen, aber ohne die Arbeit in der Villa kann sie nicht leben. Ein sehenswertes Drama über die Ohnmacht und die von Geld zerfressenen Beziehungen. Doch Karanikolas’ Film ist weniger eine Metapher auf die Finanzkrise denn eine kühl inszenierte moralische Fabel über die Würde in Zeiten der Herzenskälte. (blu)

Ab heute im Filmpodium.

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