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Kann man sich infizieren?

Praktisch schon. Sprachlich ist die Formulierung nicht ganz korrekt. Denn sie suggeriert, dass man dabei aktiv mittut.

Wenn sich Leute mit dem Corona-Virus infizieren, fragt sich Martin Ebel, ob es da nicht eine sprachlich bessere Lösung gäbe. (Video: Anthony Ackermann, Sacha Schwarz)

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Herzlich willkommen zum guten Deutsch in aller Kürze. Das Corona-Virus breitet sich aus, vor allem in China, aber auch in anderen Weltgegenden. Täglich mehr Infizierte, Erkrankte, Gestorbene. Kann man eine Pandemie noch verhindern? Angst geht um. Die wollen wir hier nicht befeuern, sondern die Sache einmal sprachlich betrachten.

Infektion, infizieren: diese Wörter gehen auf das Lateinische «inficere» zurück, ein Kompositum zum Allerweltsverb «facere». «Facere» bedeutet tun, machen, «inficere» erst mal hineintun, dann färben, vermischen, vergiften, schliesslich anstecken. Bei der Ansteckung, der Infektion, dringt ein Krankheitserreger, ein Bakterium oder ein Virus, in den Körper ein, vermehrt sich dort und schädigt ihn. Manchmal bis zum Tode.

Infizieren ist ein transitives Verb, es hat aktiven Charakter. Ob man sich infizieren kann, wie man es häufig in den Zeitungen liest? Das ist eine Frage des Sprachgefühls. Der Schweizer Schriftsteller Charles Lewinsky meint: auf keinen Fall. Sich infizieren würde Aktivität voraussetzen, fast einen Willensakt. Streng genommen hat er Recht: Man «tut» sich das Virus ja nicht selbst «hinein», um auf «inficere» zurückzukommen. Man zieht es sich ungewollt zu.

Wenn Sie das pedantisch finden, kann ich es Ihnen nicht verdenken. Ich finde allerdings, Lewinskys Standpunkt hat was für sich. Wie auch immer: Möge Sie in diesen Wochen kein Virus erwischen. Auch nicht die Grippe. Und denken Sie daran: Sprache ist unser Schatz, hüten und pflegen wir sie!

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