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Keith Richards friert in der Karibik

Der neue Roman von Linus Reichlin ist ein seltener Fall von schweizerischer Fabulierlust.

Mehr als Schabernack: Autor Linus Reichlin. Foto: David Biene
Mehr als Schabernack: Autor Linus Reichlin. Foto: David Biene

Das Undenkbare ist eingetreten: Fred Hundt erfährt via Medien vom Tod von Keith Richards. Einer der Steine hat aufgehört zu rollen. Aber genau dieser Stein bringt eine absonderliche Geschichte ins Rolling.

Denn Fred Hundt, ein Autor, der mal vor langer Zeit mit einem populärwissenschaftlichen Buch recht grossen Erfolg gehabt hat, erhält kurz darauf einen Anruf von einer Zufallsbekanntschaft aus den USA. Dieser Ben Harper und unser Fred Hundt hatten vor gut 20 Jahren in einem Club Med ein Codewort vereinbart – «Schirmchen». Nun bringt es Harper zur Anwendung, und statt seinem Auftritt mit seiner Band, der ganz wichtig wäre, nachzukommen, steigt Fred in ein Flugzeug, das ihn von Deutschland nach New York trägt.

Ben, so stellt sich heraus, war der eine Leibarzt von Keith Richards. Und, so stellt sich heraus, Keith ist von den Toten auferstanden. Und, so stellt sich heraus, lebt jetzt auf einer kleinen, einer kleinsten!, Insel in der Karibik. Ausser Ben und Lynn, einer weiteren Ärztin, weiss niemand von der Wiederauferstehung. Ben und Lynn haben Fred nur beigezogen, weil er doch von Wahrscheinlichkeiten, Unwahrscheinlichkeiten und so wahnsinnig viel versteht.

Ohne Kohle geht nichts

Es stellt sich heraus, dass Keith Richards tatsächlich noch lebt, aber ständig gottserbärmlich friert. Selbst in der Karibik. Und es wird überdies klar: Wenn einer tot ist und alle seine Freunde – Mick, Charlie und auch Ron – an seiner Beerdigung waren, genauso wie seine Frau und seine Kinder auch, ist es verdammt schwer für den nur vermeintlich Toten, noch an seine Konten heranzukommen. Doch ohne Kohle geht nichts. Auch nicht bei Wiederauferstandenen.

Das ist der Moment, wo Johnny Depp ins Spiel kommt und der legendäre Totenkopfring von Keith. Es wird die Idee entwickelt, Fred könnte doch samt Ring zu Johnny gehen, um ein bisschen Zaster zu lösen, damit Keith – und indirekt Ben und Lynn und natürlich auch unser Fred – was zum Leben haben.

Und jetzt die Frage: Wer denkt sich denn solch einen Hafenkäse aus und macht daraus ein Buch, einen «Roman» gar, wie es gross auf dem Klappendeckel heisst? Linus Reichlin. Ein solch krasser Anfall von unbändiger Fabulierlust verbunden mit Sprachwitz und Ironie ist unter den Schweizer Autoren selten. Ein Buch mit Tempo, Tapetenwechsel und Techtelmechtel, doch ohne Trübsal.

Leben, Ableben und Über-Leben

Selbstverständlich ist das nicht alles einfach nur Schabernack, was Reichlin in «Keiths Probleme im Jenseits» anklingen lässt. Es stellen sich im Verlauf der Lektüre durchaus einige bedenkenswerte Fragen über das Leben, das Ableben und das Über-Leben.

Freunde der gepflegten Rockmusik aus der Prä-Hip-und-Hop-Zeit finden in dem Buch überdies einige hübsche Bezüge, Seitenhiebe und wissenswerte Nebensächlichkeiten.

Und es stellt sich heraus: Linus Reichlin, der zuletzt mit «Manitoba» einen äusserst lesenswerten, aber leider nicht gross wahrgenommenen Beitrag zu Migration und Kulturerhalt geliefert hatte, präsentiert nun leichte Kost. Mit gleicher Verve allerdings.

Linus Reichlin: «Keiths Probleme im Jenseits», Galiani Berlin 2019, 255 S., ca. Fr. 29.-

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