Kevin Spaceys bizarrer Auftritt

Der Schauspieler war nach Missbrauchsvorwürfen abgetaucht. Jetzt rezitierte er in Rom ein Gedicht – schmerzerfüllt.

Zwei Schmerzensmänner, von zwei Jahrtausenden getrennt: Der Boxer und Kevin Spacey. Foto: Keystone

Zwei Schmerzensmänner, von zwei Jahrtausenden getrennt: Der Boxer und Kevin Spacey. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Nachdem ihn mehr als ein Dutzend Männer der sexuellen Belästigung und des Missbrauchs beschuldigt hatten, war der Hollywoodstar Kevin Spacey nahezu von der Bildfläche verschwunden. Am Freitag tauchte er aber wieder auf – und zwar in Rom. Dort hatte er am Abend einen bizarren Auftritt im Römischen Nationalmuseum.

Zunächst posierte er in einem braunen Anzug mit weissem Hemd und dezent gestreifter Krawatte neben dem «Faustkämpfer vom Quirinal». Das ist eine der am besten erhaltenen Bronzestatuen aus dem alten Griechenland. Das Gesicht des Faustkämpfers zeigt geschwollene Augen, eine deformierte Nase, alte Kampfnarben, aber auch frische Blessuren. Die Statue soll einen Profisportler darstellen, der sich nach einem Wettkampf ausruhen muss.

Im Anschluss hielt Spacey vor den überraschten Museumsbesuchern die Lesung eines Gedichts mit dem Titel «Il pugile» (der Boxer) ab, in der englischen Übersetzung. Darin geht es um einen Boxer, der blutend im Ring liegt. Eine Anspielung auf seine eigene Lebenssituation als geächteter Ex-Star? «Alles, was ich fühle, ist Schmerz», intonierte der 60-Jährige mit bebender Stimme. «Ich habe das Land erschüttert, die Arenen vibrieren lassen, meine Gegner zerrissen. Ich habe Licht in die Dunkelheit gebracht, bin beleidigt worden, habe dem Publikum Applaus abgerungen.»

Was soll der Auftritt bewirken?

Das Museo Nazionale Romano hatte schon am Mittag auf seiner Facebook-Seite eine «Oscar-Lesung» versprochen, ohne anzukündigen, wer genau am Abend auftreten solle. Spaceys PR-Team soll laut Medienberichten aber schon vorab lokale Reporter und Korrespondenten mit dem Versprechen von Interviews mit Spacey ins Museum gelockt haben. Die fanden dann aber nicht statt. Stattdessen steigerte der zweifache Oscarpreisträger sich vor den Journalisten und zufällig anwesenden Besuchern – die Angaben über die Zuschauerzahlen schwanken zwischen 50 und 150 – in die Performance des leidenden Boxers hinein.

Das Gedicht stammt vom 39-jährigen italienischen Poeten Gabriele Tinti (nicht zu verwechseln mit dem 1991 verstorbenen italienischen Schauspieler gleichen Namens, der in Softpornos wie «Nackt unter Kannibalen» und «Frau Wirtins tolle Töchterlein» zu sehen war).

Seitdem wird gerätselt, was der merkwürdige Auftritt soll. Möchte Spacey damit seine Rückkehr ins Filmgeschäft vorbereiten? Zeigen, dass er bereit wäre, wenn man ihn denn liesse? Oder ist die römische Nacht nur eine weitere verschrobene Aktion, so wie im letzten Jahr? Da hatte er an Weihnachten ein Video veröffentlicht, in dem er in seiner Rolle als US-Präsident in der Netflix-Serie «House of Cards» in einer Küche posierte und in einem ähnlichen Kauderwelsch schwadronierte wie jetzt. «Ich habe meine dunkelsten Geheimnisse mit euch geteilt», sagte er damals. «Ich weiss, viele von euch brennen darauf, von mir zu hören, dass alles wahr ist, was so geredet wird.»

Ein juristischer Sieg

Zumindest juristisch hatte Spacey zuletzt einen kleinen Sieg errungen. Eins der Verfahren gegen ihn wurde im US-Bundesstaat Massachusetts von der Staatsanwaltschaft vor gut zwei Wochen überraschend fallen gelassen. Er war beschuldigt worden, im Jahr 2016 einen 18-Jährigen in einer Bar auf der Insel Nantucket begrapscht zu haben. Die Mutter des jungen Mannes hatte Anzeige erstattet.

Der Bezirksstaatsanwalt Michael O’Keefe wollte Spacey anschliessend wegen ungebührlichen Verhaltens und Körperverletzung verurteilt sehen. Weil der betroffene Junge aber im Zeugenstand die Aussage zu einigen Nachfragen des Richters verweigerte, platzte der Fall. Trotzdem sieht sich Spacey auch weiterhin mit Missbrauchsanschuldigungen unter anderem in New York und London konfrontiert.

Glücklich und zufrieden war am Freitag aber zumindest der Dichter Gabriele Tinti. Er twitterte nach der Lesung: «Was für ein herrlicher Abend! Alle waren glücklich, die Kunst zu feiern, es war eine Ehre, dass Kevin Spacey mein Gedicht gelesen hat, Rom liebt dich!»

Erstellt: 04.08.2019, 16:43 Uhr

Artikel zum Thema

Strafverfahren gegen Kevin Spacey wird eingestellt

Zuerst verschwand das Handy des Opfers, dann zog der Mann auch noch die Zivilklage zurück. Nun lässt die Staatsanwaltschaft die Anklage gegen Kevin Spacey ganz fallen. Mehr...

Kevin Spacey komplett entsorgt

Netflix hat die letzte Staffel des Serien-Hits «House of Cards» online gestellt. Spektakulär ist, wie man die Figur des gefallenen Hauptdarstellers rausgeschrieben hat. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Sweet Home Kleine Wohnung – grosse Kunst

Geldblog Stimmung bei Novartis hellt sich auf

Die Welt in Bildern

Kampf gegen das Aussichtslose: In Kalifornien versuchen die Feuerwehrleute immer noch das Ausmass der Buschfeuer einzugrenzen. (11. Oktober 2019)
(Bild: David Swanson) Mehr...