11 Filme, die man in Locarno nicht verpassen sollte

Am Mittwoch beginnt das 72. Locarno Festival: Empfehlungen unserer Filmexperten.

Bereit für allerlei Filmtouristen: Die Piazza Grande in Locarno

Bereit für allerlei Filmtouristen: Die Piazza Grande in Locarno Bild: Keystone

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Die 72. Ausgabe von Locarno ist die erste unter der Leitung der Französin Lili Hinstin, die im Geist der letzten Jahre weiterprogrammiert: viel Neues, einiges Abseitiges – und Quentin Tarantino auf der Piazza Grande. Was sollte man sich anschauen?

«Diego Maradona»

Asif Kapida ist ein britischer Regisseur mit einer Methode: Er sammelt möglichst viel Filmmaterial über eine Person, offizielles und solches aus Privatarchiven, und montiert daraus einen Dokumentarfilm, der mehr aussagt als die üblichen Interview-Orgien. So drehte er «Senna» über den Autorennfahrer und «Amy» über die Sängerin, aber jetzt porträtiert er erstmals eine lebende Person: «Diego Maradona» zeigt Gesehenes und Ungesehenes über den Fussballer, natürlich kommt das berühmte Tor mit der «Hand Gottes» auch vor. Aber im Wesentlichen konzentriert sich der Film auf die Jahre, die der Argentinier in Neapel verbrachte. Wo er ein Held wurde, verehrt von den einfachen Leuten – aber auch von der Camorra. (ml)

Donnerstag, 15.8., 21.30 Uhr, Piazza Grande

«Greener Grass»

Bei den ersten Bildern fühlt man sich gleich an die kitschigen Geschmacklosigkeiten eines John Waters erinnert: An einer quietschbunten Vorstadtparty schenkt die zahnspangentragende Jill der zahnspangentragenden Lisa ihr Baby – und die Absurditäten nehmen ihren Lauf. Das Spielfilmdebüt der amerikanischen Stand-up-Komödiantinnen Jocelyn DeBoer und Dawn Luebbe (die auch die Hauptrollen spielen) verspricht schwarzen Humor. Oder gleissend hellen Horror, je nach Perspektive. (zas)

Freitag, 9.8., 21.30 Uhr, Piazza Grande

«Putney Swope»

Haben wir nicht alle genug von der glatten Streberqualität von «Mad Men» und Co.? Eben, deshalb diese wilde Satire von 1969 über eine Werbeagentur an der Madison Avenue in New York, wo der einzige schwarze Verwaltungsrat versehentlich zum Präsidenten gewählt wird, worauf er beispielsweise damit beginnt, die weissen Angestellten mit Black-Power-Kämpfern zu ersetzen. Der Beinahe-Klassiker von Robert Downey Sr. (ja, der Vater des «Iron Man»-Darstellers) zählt zu den Lieblingsfilmen von Paul Thomas Anderson und Louis C.K.; der Humor ist auf absurde Art tragisch, und Kritik und Klamauk stehen gleichberechtigt nebeneinander. Einer macht Dehnungsübungen und singt dazu «La li la la mixed media», und so etwas ist doch heute auch noch relevant. (blu)

Mittwoch, 7.8., 19 Uhr, GranRex

«Western»

Man lasse sich vom Titel nicht täuschen: «Western» spielt irgendwo in Bulgarien, wo ostdeutsche Bauarbeiter ein Wasserkraftwerk bauen sollen. Aber dann kommt der benötigte Kies nicht, es gibt Spannungen mit der Dorfbevölkerung, ein Machtkampf unter den Saisonniers eskaliert. Indem die deutsche Regisseurin Valeska Grisebach ausschliesslich Laien spielen lässt, bekommt dieser wortkarge Film über Stolz, Grenzüberschreitung und männliche Selbstgerechtigkeit auch einen stark dokumentarischen Charakter. Ein Dokuwestern, sozusagen. (zas)

Freitag, 9.8., 14 Uhr, PalaVideo

«Days of the Bagnold Summer»

Er sehe aus wie ein grosses, schwarzes, trauriges Känguru, heisst es in der Comicvorlage von Joff Winterhart. Die Rede ist vom 15-jährigen Metallica-Fan Daniel, der in den Sommerferien seinen Vater in Florida besuchen möchte. Aber dann platzen die Pläne, und der genervte Teenager muss sechs Wochen mit seiner Mutter Sue verbringen, die genau weiss, wie langweilig sie ist. Earl Cave, der Sohn von Düstermusiker Nick Cave, ist in dieser Tragikomödie als maulfauler Metallica-Fan zu sehen. (zas)

Mittwoch, 14. 8., 21.30 Uhr, Piazza Grande

«Odds Against Tomorrow»

Dieser explosive Film noir von Robert Wise aus dem Jahr 1959 war ein Favorit von Jean-Pierre Melville und müsste deutlich berühmter sein, als er ist. Das Drehbuch schrieb Abraham Polonsky, der wegen seiner Weigerung, vor dem «Komitee für unamerikanische Umtriebe» auszusagen, in Hollywood geächtet wurde. Im Zentrum stehen ein weisser und ein schwarzer Gangster, die zusammen einen Bankraub verüben sollen, wären da nicht ein aggressiver Rassismus und die Wut des Gedemütigten. Der Film stellt die gegenseitige Zerstörung erbarmungslos dar, was besonders dem jungen Harry Belafonte zu verdanken ist, der sich für eine realistische Sichtweise auf Diskriminierung einsetzte und auf seine Gage als Schauspieler verzichtete. (blu)

Samstag, 10.8., 21.45 Uhr, GranRex

«Coffy»

«Once Upon a Time ... in Hollywood» dauert zwar 161 Minuten, aber es lohnt sich, auch weit nach Mitternacht auf der Piazza sitzen zu bleiben. Denn dann kommt einer der Lieblingsfilme von Quentin Tarantino: «Coffy» von Jack Hill. Der Blaxploitation-Klassiker aus dem Jahr 1973, der vom deutschen Verleiher den Zusatztitel «Die Raubkatze» erhalten hat, erzählt die Geschichte einer Krankenschwester, die mit einer Schrotflinte ganz allein dem Drogenhandel in New York ein Ende setzen will. Und er machte die Hauptdarstellerin zur Ikone: Pam Grier, die spätere «Jackie Brown» im gleichnamigen Film von Tarantino. (ml)

Samstag, 10.8., 21.30 Uhr (zweiter Film), Piazza Grande

«Der Wald vor lauter Bäumen»

Den Produzenten von Komplizen Film («Toni Erdmann») einen Preis zu geben, ist natürlich eine gute Idee, denn so kann man das Debüt von Maren Ade zeigen, das sie vor «Alle anderen» gedreht hat und das heute den Status eines deutschen Cringe-Comedy-Klassikers innehat: Eine junge Lehrerin kommt aus der Provinz nach Karlsruhe, wo ihr idealistisches Wesen an der Realität zerschellt – dass sie stark schwäbelt, macht die Angelegenheit nicht angenehmer. Ein Film, so komisch, dass einem der Atem stockt, und das Schlussbild ist genial. (blu)

Donnerstag, 8.8., 19 Uhr, Palacinema

«Cecil B. Demented»

Gegen Ende des Festivals kommt John Waters ins Tessin, um einen Ehrenleoparden für sein Lebenswerk zu empfangen. Sechs Filme des 73-Jährigen sind zu sehen, darunter «Pink Flamingos», der 1972 seinen Ruhm als «King of Trash» begründete. Und sein – bisher? – letzter «A Dirty Shame» (2004). Zur Ruhe gesetzt hat er sich danach keineswegs, er schreibt zum Beispiel Buchbestseller. Und sein Piazza-Film «Cecil B. Demented» (2000) zeigt, wieso er wohl nicht mehr so grosse Lust hat, als Regisseur zu arbeiten: Eine Bande kidnappt darin eine Filmdiva und zwingt sie, aus Protest gegen die allgegenwärtigen Hollywoodprodukte in einem miserablen Film mitzuspielen. Melanie Griffith spielt die Hauptrolle wunderbar selbstironisch. (ml)

Freitag, 16.8., 21.30 Uhr (zweiter Film), Piazza Grande

«Les enfants d’Isadora»

Der französische Regisseur Damien Manivel begann seine Karriere als Tänzer, weshalb in seinem neuen Drama ein Solostück von Isadora Duncan wichtig ist. Die Geschichte handelt vom allergrössten Schmerz – dem Verlust eines Kindes –, aber Manivel hat vor allem ein untrügliches Gespür für filmischen Rhythmus und einen rauen Humor (von ihm lief 2014 in Locarno die Komödie «Un jeune poète»). Laut Festivalleiterin Lili Hinstin ist dieser neue Film aber überhaupt nicht lustig. (blu)

Dienstag, 13.8., 14 Uhr, Fevi

«Sapphire Crystal»

Etwas versteckt in der Programm-Reihe «Fuori concorso: Shorts» wartet nicht nur ein neuer Kurzfilm des Neugriechen Yorgos Lanthimos («The Favourite»), sondern auch der Halbstünder «Sapphire Crystal», für den der Franzose Virgil Vernier einen Kneipenabend lang mit den Rich Kids von Genf verbracht hat, was sehr aufschlussreich anzuschauen sein dürfte, im Sinne einer gnadenlosen Feierabendsoziologie. (blu)

Freitag, 9.8., 16.15 Uhr, La sala

«Die Leute haben keine Lust zu diskutieren»: Die neue Locarno-Chefin Lili Hinstin über ihr erstes Programm.
(blu/zas/ml)

Erstellt: 06.08.2019, 14:27 Uhr

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