5 1/2 Stunden in der Haut eines Terroristen

Der französische Regisseur Olivier Assayas hat das umtriebige Leben des Terroristen Carlos verfilmt. Jetzt ist das wuchtige Opus auf DVD erschienen.

Skrupelloser Freelancer: Edgar Ramirez als Carlos.

Skrupelloser Freelancer: Edgar Ramirez als Carlos. Bild: PD

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Am Ende trifft es den Macho dort, wos wirklich wehtut. Carlos, von den Medien zum Terroristen-Star, zum «Phantom» und «Schakal» stilisiert, liegt in Khartum mit Hodenkrämpfen am Boden. Die schlimmstmögliche Erniedrigung für den Womanizer aus Venezuela, eine symbolische Kastration des Mannes, der sich auf seinem Höhepunkt, beim Überfall auf die Opec 1975 in Wien, als omnipotenter neuer Che Guevara inszeniert hatte.

Nun aber, im Jahr 1994, hat die Zeit den ersten globalen Terror-Netzwerker überholt. Carlos ist im weltpolitischen Offside gestrandet, für niemanden mehr von Nutzen. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion wird er vom Sudan an Frankreich ausgeliefert, wo er seither wegen Mordes an zwei Polizisten 1975 in Paris eine lebenslange Freiheitsstrafe verbüsst.

Ein Film ausser Atem

So endet eine Karriere, die 1973 in London mit dem Attentat auf einen israelischen Geschäftsmann begonnen hatte. Da war Carlos alias Ilich Ramirez Sanchez, geboren 1949 in Caracas als Sohn eines marxistischen Anwalts, gerade mal 24 Jahre alt. 1970 hatte er sich in einem Palästinenserlager in Jordanien ausbilden lassen, zuvor hatte er in Moskau an der Patrice-Lumumba-Universität studiert, bis er wegen ausschweifenden Lebenswandels verbannt wurde – englische Medien nannten ihn später «Cocktail Lounge Terrorist», wegen seines dandyhaften Hedonismus.

Olivier Assayas rekapituliert das Leben des Terroristen nun in einem fünfeinhalbstündigen Film von atemberaubender Intensität. Der französische Regisseur («Irma Vep»), ein Grenzgänger mit Sinn für die spekulative Verschränkung von Erotik, Gewalt, Pop und Genre-Konventionen, treibt die Handlung in horrendem Tempo, schnörkellos chronologisch und ganz aus der Sicht seines Protagonisten voran. Das Stakkato der Stationen entspricht Carlos’ Leben der Tat: London, Paris, Damaskus, Beirut, Budapest; Taxis, Wohnungen, Hotels, Flughäfen; Attentate, Partys, Frauen.

Che Guevara, Elvis, Brando

Das filmische Resultat geht weit über ein Biopic hinaus. «Carlos» ist auch das Porträt einer Epoche. Der Film handelt von Geopolitik und Geheimdiplomatie und zeichnet facettenreich die Geschichte von 20 Jahren Terrorismus nach. Möglich gemacht hat diese Tour de Force das Fernsehen. Assayas hat «Carlos» mit einem Budget von 15 Millionen Euro als Dreiteiler für den französischen Privatsender Canal Plus realisiert. Und er hat die Freiheiten konsequent genutzt, die ihm dieses Format bietet: Allein die Opec-Aktion mit den anschliessenden Irrflügen nach Algier, Tripolis und zurück dauert gut eine Stunde und ist ein filmisches Kabinettstück.

Sexy Terrorist

«Carlos» schildert den Niedergang eines Terroristen – und markiert zugleich die Geburtsstunde eines Schauspielers. Der junge Venezolaner Edgar Ramirez, ausgezeichnet mit einem César als bester Nachwuchsdarsteller, spielt Carlos mit beeindruckender körperlicher Präsenz und zugleich verblüffender Wandelbarkeit. Mal sieht er aus wie Che Guevara, dann eher wie Elvis; mal ist er ein junger Gott, der sich an seinem nackten Ebenbild erfreut, dann gleicht er Marlon Brando im «Godfather».

Auch bei fortschreitender Verfettung bleibt Carlos ein Mann mit Sex-Appeal, dem die Frauen erliegen, so auch Magdalena Kopp (Nora von Waldstätten), die ihn 1986 in Damaskus heiratet. Wie sie stehen auch alle andern Figuren so sehr in Carlos’ Schatten, dass sie kein Eigenleben haben – weder dessen rechte Hand Johannes Weinrich (Alexander Scheer) noch Hans-Joachim Klein (Christoph Bach), der sich 1977 öffentlich vom Terrorismus distanzierte.

Fast schon nostalgischen Reiz entfaltet der von New-Wave-Songs befeuerte «Carlos» als Kostümfilm und Zeitreise. Er nimmt einen mit in eine Welt hässlicher Stasi-Tapeten, in eine Zeit, in der Terroristen ihre Panzerfäuste auf den Besucherterrassen von Flughäfen auspackten. Gewichtiger aber ist etwas anderes: Wie Barbet Schroeder in seinem Dokumentarfilm «L’avocat de la terreur» über den französischen Anwalt Jacques Vergès, der neben dem Nazi Klaus Barbie auch Carlos verteidigte, zerstört auch Assayas jede Romantik des bewaffneten Kampfes. Wer hier Idealismus sucht, findet nur Zynismus.

Skrupelloser Freelancer

Als Carlos nach der Opec-Operation von Wadi Haddad, dem Chef der Palästinenserorganisation PFLP, verstossen wird, weil er die Ölminister des Iran und von Saudiarabien nicht ermordet, sondern sie mit andern Geiseln in Algier für 20 Millionen Dollar freilässt, macht er sich selbstständig und gründet die «Organization of the Armed Arab Struggle – Arm of the Arab Revolution OAAS». Von da an ist er endgültig ein Handlungsreisender in Sachen Terror, der Waffen und Unterstützung sucht und annimmt, wo immer er sie bekommen kann – ob von der Stasi oder der Securitate, aus Moskau oder Budapest, von Ghadhafi oder von Saddam.

Ohne zu psychologisieren, erzählt Assayas die Geschichte eines Charismatikers, der sich an sich selbst berauscht und mit seinen Aktionen Geschichte schreiben will, in Tat und Wahrheit aber ein Instrument in den Händen der Geheimdienste ist. Terrorismus, so zeigt Assayas, ist immer Staatsterrorismus.

Erstellt: 27.05.2011, 15:51 Uhr

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