«Alle Mörder gaben mit ihren Taten an»

Joshua Oppenheimer hat mit «The Act of Killing» einen verstörenden Dokumentarfilm gedreht. Darin spielen indonesische Massenmörder voller Stolz ihre Untaten nach.

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Filme über Massenmörder gibt es viele. Sie aber haben einen Film mit Massenmördern gemacht. Wie kamen Sie dazu, so viele Jahre mit Schergen des indonesischen Regimes zu verbringen?
«The Act of Killing» geht auf einen anderen Film zurück, den ich vor 12 Jahren über die Überlebenden des Putsches von 1965 drehte. Damals ging es um Plantagenarbeiter, die nach der Suharto-Diktatur eine Gewerkschaft gründen wollten, um sich gegen ihren belgischen Arbeitgeber zur Wehr zu setzen. Viele von ihnen hatten aber grosse Angst, weil ihre Eltern und Grosseltern bis 1965 in einer Gewerkschaft waren und deswegen umgebracht wurden. Nach dem Film baten sie mich, bald wiederzukommen, um einen weiteren Film zu drehen, diesmal über die Ursachen ihrer Angst. Also nicht über das Massaker von damals, sondern über die Folgen davon, dass diese Morde straflos geblieben sind. Darüber, was es für die Überlebenden und die Nachkommen der Opfer heisst, mit den Tätern von damals zu leben.

Sie gingen also gleich wieder zurück nach Indonesien?
Ja, wir wollten 2003 mit dem Film anfangen. Es sprach sich dann aber schnell herum, dass wir uns für den Putsch von 1965 interessierten. Die Folge war, dass Polizei und Armee dafür sorgten, dass die Überlebenden bei dem Film nicht mehr mitwirken durften. Diese sagten zu mir: Bevor du aufgibst, versuche doch, einen Film über die Führer der Todesschwadronen zu machen. Vielleicht würden die mir erzählen, wie sie ihre Opfer umgebracht haben.

Im Film reden sie so offenherzig darüber, dass einem übel wird.
Dabei ging ich zuerst sehr behutsam auf sie zu, weil ich ja nicht wusste, wie sie auf Fragen nach ihren Morden reagieren würden. Aber zu meinem Entsetzen fing jeder dieser Männer gleich an, voller Stolz von seinen Taten zu erzählen. Die grässlichsten Details erzählten sie oft mit einem Lächeln im Gesicht, und sehr oft sassen auch ihre Ehefrauen und ihre Kinder dabei. Einerseits waren da also die Überlebenden, die zum Schweigen verdammt waren, und auf der anderen Seite diese Täter, die mir ihre Geschichten auf eine Weise schilderten, die sie viel stärker belastete, als sich das die Überlebenden je hätten erlauben dürfen. Es kam mir vor, als ob ich 40 Jahre nach dem Holocaust in Deutschland gelandet wäre, und die Nazis wären immer noch an der Macht.

So unheimlich einem dieses Land wird im Film: Sie legen Wert darauf, Indonesien gerade nicht als das absolut Fremde zu zeigen: etwa mit Bildern leuchtender Konsumwelten, die sehr vertraut wirken.
Das ist mir wichtig: «The Act of Killing» ist kein historischer Dokumentarfilm darüber, was 1965 geschah. Sondern einer über die Gegenwart, über die Straflosigkeit, die bis heute gilt: Was passiert, wenn Mörder gewinnen und eine ganze Gesellschaft darauf aufbaut, dass sie ihre Massaker als Heldentaten feiert? Früh schon zeigte ich erste Aufnahmen den Überlebenden und einigen Menschenrechtsaktivisten, und alle sagten mir, ich solle weitermachen, weil so ein Film endlich den morschen Kern dieses Regimes freilegen könne.

Ihre Methode ist dabei kontrovers: Sie luden die Protagonisten ein, ihre Untaten, aber auch ihre Albträume wie Filmstars nachzuspielen.
Ich filmte zwei Jahre lang jeden Täter, den ich finden konnte, quer durch Nordsumatra. Und alle Männer, die ich traf, gaben mit ihren Taten an. Die meisten führten mich ungefragt zu ihren Tatorten, wo sie spontan demonstrierten, wie sie ihre Opfer zu töten pflegten. Manchmal entschuldigten sie sich sogar dafür, dass sie keine Waffe mitgenommen hatten, die sie als Requisit hätten benutzen können. Ich fragte mich schon bald: Warum geben sie so an mit ihren Untaten? Was sie mir boten, war ja eher eine Performance als eines dieser nüchternen Zeugnisse, wie wir sie von Menschenrechtsfilmen kennen. Und eine Performance ist immer für ein Publikum bestimmt. Also wollte ich herausfinden: Für wen tun sie das? Was ist die Logik hinter dieser Prahlerei?

Anwar Congo, die Hauptfigur in Ihrem Film, ist also einer von vielen. Warum wurde er so wichtig für Sie?
Er war der 41. Täter, den ich filmte. Mit ihm drehte ich dann über einen Zeitraum von fünf Jahren, bis ich 1200 Stunden Film beisammenhatte. In gewisser Weise prahlte Anwar noch mehr als alle anderen, die ich vor ihm getroffen hatte. Aber ich blieb an ihm dran, weil ich bei ihm das Gefühl hatte, dass der Schmerz bei ihm dicht unter der Oberfläche lag. Bei ihm kam mir der Gedanke, dass diese ganze Angeberei vielleicht gar nicht so sehr ein Zeichen von Stolz ist.

Was könnte es denn sonst sein?
Der verzweifelte Versuch dieser Männer, sich einzureden, dass sie damals richtig gehandelt hatten. Denn anders als die Nazis, die mit Gewalt entmachtet wurden, waren sie nie gezwungen, sich einzugestehen, dass das, was sie getan hatten, falsch war. Wenn doch, müssten sie nämlich jeden Morgen beim Blick in den Spiegel einem Massenmörder in die Augen schauen. Um sich davor zu schützen, beharren sie darauf, dass ihre Taten glorreich waren. Auf diese Weise bemänteln die niederen und mittleren Chargen von damals ihre grausamen Taten mit der heldenhaften Rhetorik der offiziellen Geschichtsschreibung.

Anwar Congo redet im Film davon, dass er die Vorbilder für seine Taten im Kino gefunden habe. Was sagt uns das über das Verhältnis zwischen Kino und Gewalt?
Ich glaube, mein Film wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet. Kino ist das Erzählmedium der Moderne, und «The Act of Killing» erzählt eine Geschichte über das Risiko des Leugnens. Es ist ein Film über das unvermeidliche moralische Vakuum, das entsteht, wenn eine Gesellschaft sich selbst belügt über die Gewalt, die ihr zugrunde liegt. Das Kino hängt in beidem drin: in den Lügen, die das Regime dem Volk verkauft, und auch in der Fantasie der Mörder. Ein Beispiel dafür, wie das Kino in die Mechanismen des Tötens verwickelt ist, sehen Sie, wenn Anwar beschreibt, wie er nach einem Elvis-Musical über die Strasse tanzte und danach gut gelaunt töten ging. Nun, die Filme mit Elvis sind bekanntlich nicht gewalttätig, aber sie sind ein bisschen dumm. Die eskapistischen Fantasien des Kinos erlaubten Anwar, sich zu distanzieren von dem, was er tat.

Was hat der Film politisch bewirkt in Indonesien?
Unsere Strategie war ganz darauf ausgerichtet, zu verhindern, dass der Film in Indonesien verboten wird. Hätten wir ihn ganz gewöhnlich in den Kinos lanciert, hätten wir den Film erst bei der Zensur einreichen müssen, und er wäre mit grosser Wahrscheinlichkeit verboten worden. Für die Paramilitärs wäre das ein willkommenes Alibi gewesen, jede inoffizielle Vorführung ungestraft zu attackieren. Darum zeigten wir den Film zuerst in geschlossenen Vorführungen bei der staatlichen Menschenrechtsbehörde, für ausgewählte Künstler, Prominente, Historiker und Medienleute.

Die Medien griffen das Thema auf?
Ja, der Chefredaktor der Zeitschrift «Tempo», der die Massaker bis dahin auch totgeschwiegen hatte, schickte 60 Reporter los, um mehr Leute wie Anwar Congo zu finden. Er wollte zeigen, dass man das Experiment von «The Act of Killing» im ganzen Land wiederholen kann und dass es 10 000 solcher Männer gibt. Nach zwei Wochen hatten die Reporter rund 1000 Seiten an Zeugnissen von Tätern beisammen. Daraus machten sie eine Doppelnummer, mit 75 Seiten über die Täter und 25 Seiten über den Film. Der Massenmord füllte plötzlich eine Sonderausgabe der wichtigsten Zeitschrift im Land. Die restlichen Medien folgten dem Beispiel. Inzwischen geben die Massenmörder nicht mehr an mit ihren Untaten, und die Überlebenden dürfen endlich reden.

Erstellt: 24.01.2014, 08:43 Uhr

Im Kino

«The Act of Killing» läuft in Zürich im Kino Riffraff. Heute Freitag auch an den Solothurner Filmtagen: 17 Uhr, Kino Canva.

Der 39-Jährige Joshua Oppenheimer studierte Film in Harvard. Mit «The Act of Killing» ist er bei den Oscars für den besten Dokumentarfilm nominiert.

Rollenspiel der Grausamkeit

Weisses Haar, elastischer Gang, die Stimme sanft, fast zärtlich: Das ist Anwar Congo, Grossvater und Massenmörder. Wir sind in Indonesien, wo die Massaker rund um den Putsch 1965 bis heute straflos geblieben sind. Darum laufen Congo und seinesgleichen weiterhin frei herum. Nicht nur das: Sie geben mit ihren Untaten an, plaudern bereitwillig darüber und lassen sich feiern. Wie können sie nur? Um das zu verstehen, gab der US-Regisseur Joshua Oppenheimer seinen Protagonisten die Gelegenheit, ihre Morde – aber auch ihre Albträume – wie Filmstars nachzuspielen: als Western, Gangsterfilm oder auch als bunte Musical-Fantasie, in der die Opfer von damals ihren Mördern dafür danken, dass diese sie umgebracht haben. Das Ergebnis, ausgezeichnet mit dem Europäischen Filmpreis, ist verstörender als alles, was man sonst im Kino sieht: ein beklemmend fröhliches Theater der Grausamkeit über einen Massenmörder, dem erst im Rollenspiel die Schuld hochkommt. «The Act of Killing» ist eine dokumentarische Geisterbahn durch ein Land, das auf Leichen gebaut ist – und seine Massenmörder als Helden verehrt. (flo) (Bild: PD)

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