Alle gegen den Klassenfeind

Im neuen Film «Class Enemy» aus Slowenien bringt sich eine Schülerin um. Wer ist schuld?

Eine Klasse demonstriert nach dem Suizid einer Mitschülerin wütende Solidarität mit der Toten: «Class Enemy». Foto: PD

Eine Klasse demonstriert nach dem Suizid einer Mitschülerin wütende Solidarität mit der Toten: «Class Enemy». Foto: PD

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«Class Enemy», der erste Spielfilm des slowenischen Regisseurs Rok Bicek, führt uns in die Normalität eines Gymnasiums und zur Frage, ob man von halben Kindern schon verlangen darf, nicht für die Schule, sondern fürs Leben zu lernen. Natürlich darf man, sagt der Deutschlehrer Robert Zupan, der nicht herzlos ist, aber den Kopf dem Herzen vorzieht. Er hat von Anfang an seinen Schülern den Fleiss des Denkens abgefordert, bei der Lektüre von Thomas Manns «Tonio Kröger» und beim Entwurf der eigenen Entwicklungsnovelle. Und vielleicht ist dann das sensible Mädchen Sabina, für das Schule und Leben noch eins waren, am zu hohen Anspruch gestorben, und der Zupan hat Unheil angerichtet durch das, was er gut meinte.

Vielleicht, andererseits, hätte diese Sabina sich ohnehin umgebracht, einfach weil sie nicht wusste, was dem Leben abzugewinnen wäre, und der Lehrer, der sie aufforderte, es wissen zu wollen, hatte im Grunde alles richtig gemacht. Aber wie er es auch machte, war es falsch. Einen Nazi nennen ihn nun Sabinas Mitschüler, und sie laden auf ihn die Schuld eines Mörders und eines mitleidlosen Systems, das Schüler tötet.

Die Parteinahme wird einem nicht leicht gemacht in «Class Enemy», eigentlich ist sie gar nicht möglich, das ist die intellektuelle Qualität dieses Films. Denn der Lehrer ist tatsächlich keiner zum Gernhaben. Es geht von ihm das Eisige einer geistigen Aristokratie aus. Er misst den guten Willen an den Resultaten und hat kein Talent zur nachsich­tigen Freundlichkeit. So kann man das sehen; oder so: Er verbietet sich die Freundlichkeit, zu der er schon fähig wäre. Das ist sein Opfer für eine Pädagogik, die zum zivilisierten Selbstbewusstsein ausbilden will, und dadurch wird er selbst menschlich und verletzlich hinter seinem Schild aus Überheblichkeit.

Hingegen war die Sabina eine, die man gernhaben konnte. Aber es war eben auch zum Verzweifeln mit ihr und ihrem stillen Lebensunwillen. Und zum Verzweifeln (mindestens zum Zweifeln) ist es mit den Mitschülern, die sich gottlob nicht umbringen. Man mag sie in ihrer unsicheren Jugendlichkeit und in der wütenden Solidarität mit einer Toten. Aber man erkennt auch: Der Hass auf den Lehrer aus heissem Herzen kommt von der Bequemlichkeit des Kopfs.

Dienstpersonal des Dramas

Immer sind da «Abers» und «Auchs». «Class Enemy» ist ein offenes Lehrstück, und es hat die Stärken seiner Gattung: das rhetorisch zugeschliffene Argument, den skeptischen Zwischenton am richtigen Platz. Und es hat ihre Schwächen: Individualitätsschemen, die nur dazu da sind, den Thesen und Antithesen zu dienen. Dienstpersonal sozusagen und mit ihm den alten Fluch: dass die tadellos gepflegte Widersprüchlichkeit es dann doch nicht zur vitalen Dramatik bringt.

Class Enemy (Slowenien 2013). 112 Minuten. Regie: Rok Bicek. Mit Igor Samobor, Dasa Cupevski u. a.

In Zürich ab Donnerstag im Kino Riffraff. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2014, 08:23 Uhr

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