«Allein!!!! Ich bin immer allein»

«Tapfer lieben»: Morgen erscheinen Briefe, Tagebucheintragungen, Gedichte, Merkzettel für die gute Gastgeberin und ein Truthahnrezept von keiner anderen als Marilyn Monroe.

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Es sind zwei aufregende alte Schachteln, die Anna Strasberg 2007 im Nachlass ihres Mannes auf dem Estrich gefunden hat. Annas Mann hiess Lee Strasberg, er hatte in New York Schauspiellegenden wie Marlon Brando, James Dean und Robert De Niro ausgebildet und den strahlendsten Stern von allen zurechtgeschliffen: Marilyn Monroe. Der Lehrer und die schöne Schülerin waren bis zum plötzlichen Tod der Monroe am 5. August 1962 enge Freunde, ihm vermachte sie ihre Habseligkeiten. Und in den beiden alten Schachteln fanden sich nun ihre privatesten Aufzeichnungen, wenige fein säuberlich mit Schreibmaschine festgehalten, die meisten in einer Sauschrift auf Fresszettel, Hotelbriefpapier oder in Notizbücher gekritzelt.

Anna Strasberg zog ihren Freund, den Filmproduzenten Stanley Buchthal, zurate, dieser traf 2008 bei einem Nachtessen in Paris den Edition-du-Seuil-Verleger Bernard Comment, und die beiden Herren machten sich gemeinsam an die intellektuelle Ehrenrettung der berühmtesten Sexbombe aller Zeiten. Morgen Dienstag ist es nun so weit, «Tapfer lieben» («Fragments» im Original) von Marilyn Monroe erscheint in ganz Europa, in England, den USA und Kanada. Und wer vor heute Montag erwähnt hätte, dass das schwarze Tagebuch aus den 50er-Jahren mit den Worten beginnt: «Alone!!!!!!! I am always alone – I am always / alone / no matter what», der hätte dem Verlag eine Strafe von einer Viertelmillion Euro bezahlen müssen.

Sechzig italienische Fischer

Ein teurer Schatz ist da gehoben worden. Er wurde zu einer herausgeberischen Tour de Force. In einem nur knapp entzifferbaren Durcheinander finden sich in dem «Alone!!!!!!!»-Büchlein zum Beispiel Satzfetzen aus Drehbüchern neben chronologisch geordneten Notizen über die Medici, Machiavelli und Botticelli, und quer über die Seiten beginnt eine amüsante Kurzgeschichte mit den Worten: «Greyhound-Bus genommen von Monterey nach Salinas. Im Bus war ich die einzige Frau unter rund sechzig italienischen Fischern, und sechzig derart charmante Herren sind mir noch nie begegnet – sie waren wunderbar.»

Marilyn Monroes Leben begann in Waisenhäusern, Erziehungsheimen und bei Pflegeeltern, von denen sie sich befreite, als sie mit 16 Jahren in ihre erste Ehe mit dem Marinesoldaten James Dougherty floh. «Ehrlich gesagt, wäre ich nie gleich bei ihm geblieben, wäre da nicht seine Liebe zur klassischen Musik gewesen, sein Intellekt, der mehr sein wollte, und sein Wunsch, in der Beziehung zu mir mehr Reife im Persönlichen und Sexuellen zu beweisen», schrieb die knapp 18-Jährige in einem erstaunlichen Essay über ihre Teenagerehe und die Fremdgängereien ihres Mannes.

In ihren ersten Hollywood-Jahren fehlte sie an Filmpremieren, weil sie lieber Abendkurse an der University of California in amerikanischer Geschichte und Literatur belegte. Denn die junge Frau, die dem Publikum auf ewig als blondbusig lispelnde Sugar Kane aus «Some Like It Hot» in Erinnerung bleiben wird, war privat eine Bildungsverschlingerin mit eisernem Willen. Sie liebte Beckett, Conrad, Dostojewski, Flaubert, Freud, Heine, Hemingway, Joyce, Kerouac, Steinbeck, Whitman, sie liess sich als einziger Hollywoodstar regelmässig lesend oder in Buchhandlungen fotografieren, es war ihr wichtig, und in Interviews reflektierte sie klug die Film- und Starindustrie ihrer Zeit. Zu ihren Freunden zählten die Autoren Truman Capote und Carson McCullers.

Der Liebesverrat

Sie selbst schrieb oft Gedichte, es war eine Art Übung, um das emotionale Getöse zu bändigen, dem sie sich stets ausgesetzt sah. So reiste Marilyn Monroe im Sommer 1956 mit ihrem dritten Gatten, dem Pulitzerpreisträger und Dramatiker Arthur Miller, nach England, um dort mit Laurence Olivier «The Prince and the Showgirl» zu drehen. Eines Tages las sie in Millers Tagebuch, dass er sich vor anderen oft für sie schäme. Auf dem Briefpapier des Hotels, in dem sie sich von ihrem Mann verraten sah, schrieb sie ein resigniertes Gedicht über ihre Rolle als Ehefrau: «wahrscheinlich hatte ich immer schon / bodenlose Angst wirklich eine / Ehefrau zu sein / da ich vom Leben weiss/ dass man einander nicht lieben kann, / nie wirklich.»

Das kündet von tragischen Erfahrungen, aber man muss Marilyn Monroe dafür nicht gleich mit der Dichterin Sylvia Plath vergleichen, wie das der italienische Autor Antonio Tabucchi in seinem allzu schwärmerischen Vorwort tut. Im Gegensatz zu den flüchtig notierten Gedichtentwürfen sind Monroes Prosatexte und Briefe jedoch oft ein kompakter, scharfzüngiger Genuss, ganz im Stil einer smarten Zynikerin wie Dorothy Parker. Und die schlechtesten Texte in «Tapfer lieben» stammen nicht von Marilyn Monroe, sondern von Bernard Comment und Stanley Buchthal. In ihren einordnenden Zwischentexten ergehen sich die beiden nämlich sehr relaxed in allerlei Vermutungen, anstatt sich um harte Fakten zu bemühen.

«Tapfer lieben» wird wohl nicht zur bahnbrechenden Imageläuterung der Monroe, schliesslich ist ihre Cleverness abseits der Leinwand nichts Neues. Aber die emotionalen, intellektuellen und manchmal auch ganz alltäglichen Facetten des fragilen Superstars, die das Buch erschliesst, sind höchst reizvoll.

Geliebte Psychoanalyse

Dazu gehört zum Beispiel der hausfrauliche Perfektionismus beim Zusammenstellen einer To-do-Liste für eine Party, der sich bis auf Handtuchhalter, Abfalleimer und die exakte Länge von Kerzenleuchterfüssen erstreckt. Oder die selbstverständliche Souveränität, mit der sie sich ein kompliziertes Truthahnrezept merkt. Dazu gehört aber auch ihre nimmermüde Begeisterung für Sigmund Freud und die Psychoanalyse (zu Monroes Analytikern zählte auch Freuds Tochter Anna): «Ich hoffe irgendwann in der Zukunft einen glühenden Bericht über die Wunder liefern zu können, die die Psychoanalyse bewirken kann.»

Und dann ist da noch die spektakuläre Aufzeichnung von Anfang März 1961 für ihren Analytiker Dr. Greenson. Vom 7. bis zum 10. Februar 1961, knapp zwei Wochen vor ihrer Scheidung von Miller, wurde die tabletten- und alkoholsüchtige Marilyn Monroe gegen ihren Willen in die psychiatrische Abteilung des Payne-White-Krankenhauses in New York eingeliefert. Für Greenson beschreibt sie ihren erniedrigenden Horroraufenthalt in allen Einzelheiten: wie ihr ein Arzt die Brüste abtastete, wie sie immer wieder gebadet wurde und wie sie, ganz in ihrem Element als engagierte Schauspielerin, mit den Worten «Wenn Sie mich behandeln wie übergeschnappt, dann benehme ich mich eben wie übergeschnappt» genüsslich eine Scheibe mit einem Stuhl zertrümmerte. Kurz vor ihrem Tod kündigte Marilyn Monroe übrigens ihr neues Lieblingsprojekt an: Sie wollte die grossen Shakespeare-Heldinnen spielen, Julia, Ophelia, Lady Macbeth. Die Monroe als mordsinnige, rasende Lady Macbeth, was für ein Fressen wäre das gewesen! (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.10.2010, 13:09 Uhr

Das Buch

Marilyn Monroe: Tapfer lieben – ihre persönlichen Aufzeichnungen, Gedichte und Briefe. Herausgegeben von Stanley Buchthal und Bernard Comment. S.-Fischer-Verlag. 240 Seiten, ca Fr. 38.

Bildstrecke

Farbbilder von Marilyn Monroe

Farbbilder von Marilyn Monroe Aufnahmen vom «Some Like it Hot»-Set.

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