Als Clouzot Brigitte Bardot ohrfeigte

In den Filmen des Franzosen Henri-Georges Clouzot geht es um Fragen nach Gut und Böse. Nun widmet ihm das Zürcher Filmpodium eine Retrospektive .

Brigitte Bardot als zerrissene, unmoralische junge Frau in Henri-Georges Clouzots «La vérité» (1960).

Brigitte Bardot als zerrissene, unmoralische junge Frau in Henri-Georges Clouzots «La vérité» (1960). Bild: pd

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Brigitte Bardot erzählt Folgendes über die Dreharbeiten für Clouzots Film «La vérité»: «In einer Szene sollte ich weinen. Das gelang mir nicht. Da gab mir Clouzot eine Ohrfeige. Ich gab ihm zwei. Er trat mir auf die Zehen. Ich trat ihn in seine Kinkerlitzchen.» Am Schluss ging das Kalkül des Regisseurs auf: Die Bardot weinte überzeugend. In ihren Memoiren «Initiales B. B.» (1996) schreibt sie: «Clouzot war ein negatives Wesen, ständig im Konflikt mit sich und der Welt um ihn herum.» Sie schreibt aber auch, «La vérité» sei ihr liebster Film: «Er machte mich zu einer anerkannten Schauspielerin, er war die lang ersehnte Krönung meiner Karriere.»

Die damals 26-jährige BB verkörpert darin eine junge Frau, die mit ihrem Leben nicht viel anzufangen weiss. Aus Langeweile verführt sie den Freund (Sami Frey) ihrer Schwester, und als dieser sich von ihr trennen will, erschiesst sie ihn. Das Drehbuch spielt mit Elementen von BBs Biografie: Frey war einer von BBs ehemaligen Liebhabern. Erzählt wird die Geschichte in Rückblenden aus dem Gerichtssaal. Und ja: Nie war BB besser als in dieser Rolle als amoralische schöne junge Frau.

Fragen nach Gut und Böse ziehen sich durch das ganze Werk von HenriGeorges Clouzot (1907–1977). Dass er sich ihre Beantwortung nicht einfach machte, brach ihm nach der Befreiung Frankreichs beinahe das Genick: Von 1941 bis 1943 hatte er für die Filmproduktionsfirma Continental gearbeitet, den französischen Ableger der deutschen UFA, die Goebbels unterstand.

In seinem Film «Le corbeau» (1943) wird das Klima einer Kleinstadt von anonymen Briefen vergiftet, und tatsächlich scheinen alle Bewohner Dreck am Stecken zu haben. Damit machte sich Clouzot sowohl bei den Rechten unmöglich, die ihm moralische Korruption vorwarfen, als auch bei den Linken, für die er ein antipatriotischer Nestbeschmutzer war. Von 1944 bis 1946 hatte er Berufsverbot.

Vielfältiges Werk

Auch in «Quai des Orfèvres» (1947), einem Kriminalfilm, der im VariétéMilieu angesiedelt ist, sind die Grenzen zwischen Gut und Böse fliessend und werden die Protagonisten oft von Schatten verschluckt. Und «Manon» (1949), die Geschichte einer amoralischen jungen Frau aus dem 18. Jahrhundert, ist im zerstörten Frankreich von 1944 angesiedelt.

Clouzot war nicht nur ein genialer Handwerker, sondern auch experimentierfreudig: In «Le mystère Picasso» (1956) erleben wir die Entstehung von Bildern praktisch ohne Kommentar; und in «La prisonnière» (1968) spielte er mit Errungenschaften der kinetischen Kunst, die damals im Schwange waren.

Nie jedoch war er besser, als wenn er scheinbar ein Genre bediente – und darüber hinausging. «Les diaboliques» (1955) ist ein Horrorthriller, in dem ein tyrannischer Schulleiter (Paul Meurisse) von seiner geknechteten Frau (Vera Clouzot) und der von ihm geschlagenen Maitresse (Simone Signoret) umgebracht wird. Systematisch wird das Publikum in die Irre geführt. «Für einen Drehbuchautor ist es interessant, etwas glaubhaft zu machen, das nicht stimmt», sagte Clouzot. Hitchcock hat hier eine Menge für «Psycho» (1960) gelernt. «Le salaire de la peur» (1953) ist ein Abenteuerfilm, in dem vier Männer zwei Lastwagen voller Nitroglyzerin zu einem brennenden Ölfeld fahren sollen, um dieses zu löschen. Bis sie losfahren, nimmt sich Clouzot eine Stunde Zeit, um das Milieu in einem trostlosen südamerikanischen Kaff zu schildern, wo die Protagonisten herumlungern und einander beargwöhnen. In den restlichen 88 Minuten fällt Clouzot dann sehr viel ein, um den Sprengstofftransport spannend zu machen: Man hält selbst dann den Atem an, wenn man den Film schon unzählige Male gesehen hat.

Erstellt: 09.04.2010, 14:05 Uhr

Info

Spielzeiten und Detailprogramm siehe www.filmpodium.ch.

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