Als Farbbeutel gegen die Leinwand flogen

Die verrücktesten Träume der Filmgeschichte: Das radikale Frühwerk von Luis Buñuel ist erstmals auf DVD erschienen.

Der Schnitt ins Auge – die bekannteste Szene aus «Un chien andalou» (l.) und Buñuels Kritik an der Bourgeoisie und ihrer Sexualmoral in «L’âge d’or» (r.).

Der Schnitt ins Auge – die bekannteste Szene aus «Un chien andalou» (l.) und Buñuels Kritik an der Bourgeoisie und ihrer Sexualmoral in «L’âge d’or» (r.). Bild: Keystone

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Zur Premiere ihres kurzen Stummfilms «Un chien andalou» im Frühjahr 1929 hatten sich Luis Buñuel (1900–1983) und Salvador Dalí die Taschen vorsorglich mit Steinen gefüllt, weil sie fürchteten, dass sie sich gegen wütende Angriffe des Pariser Publikums verteidigen müssten. Doch wider Erwarten waren die Zuschauer begeistert, «Un chien andalou» war Buñuels und Dalís Eintrittsbillett in die Kreise der französischen Surrealisten. Rund zwei Jahre später, bei der Erstaufführung ihrer zweiten Zusammenarbeit «L’âge d’or», hätten sie diese Steine dann aber gut gebrauchen können. In der Premierenwoche bewarfen faschistische Schlägerbanden die Leinwand mit Farbbeuteln und zerstörten im Kinofoyer ausgestellte Bilder von Man Ray und anderen Surrealisten. Auch die Zensurbehörden griffen ein, «L’âge d’or» verschwand im Giftschrank und erlebte erst knapp fünfzig Jahre später in San Francisco seine zweite Uraufführung.

Das berühmte Rasiermesser

Der Erstling, «Un chien andalou», war Ende der 70er-Jahre allerdings bereits Kult. David Bowie zeigte den traumgesteuerten Kurzfilm auf seiner Welttournee von 1976 anstelle einer Vorgruppe vor seinen Konzerten. Und auch wer «Un chien andalou» noch nie gesehen hat, kennt zumindest das eine berühmte Filmbild: das Rasiermesser, das ins Auge geht und es zerteilt. Buñuel hatte dieses Zerschneiden des Auges geträumt, und sogar abgehärtete Zuschauer von heute zucken beim Anblick des kühnen Schnitts zusammen, der auch ein Sinnbild für die Schockwirkung des damals noch jungen Mediums Kino ist. Dalí seinerseits erträumte ein weiteres der legendären Filmbilder: Er sah im Schlaf Ameisen aus der Wunde an einer Hand krabbeln.

Das radikal Surreale von «Un chien andalou» zeigt sich aber nicht nur in diesen Traumbildern, sondern auch darin, dass der Film keine zusammenhängende Geschichte erzählt. Als ironische rote Fäden dienen einzig ein geheimnisvolles Kästchen, wiederkehrende Schauspieler und ein paar völlig sinnlose Zeitangaben. Buñuel und Dalí wollten neue, überraschende Bilder erfinden, die sich nicht einfach als Zitate oder Bilderrätsel aus dem Fundus der abendländischen Kulturgeschichte entschlüsseln lassen. So entstanden wahnwitzig absurde Kompositionen mit in Konzertflügeln eingeklemmten toten Eseln, einem Radfahrer im Nonnenkostüm und einem Männermund, der zuerst zuwächst und dann vom herbeigezauberten Achselhaar einer Frau überwuchert wird.

Privat ein Durchschnittsbürger

André Bretons erstes surrealistisches Manifest hatte mit seinem Plädoyer gegen die Herrschaft der Logik und für die Verschmelzung von Traum und Wirklichkeit diesen filmischen Bildersturm vorbereitet, in «L’âge d’or» wurde er dann nicht ganz so radikal fortgesetzt. In diesem zweiten, längeren Film werden ansatzweise Geschichten erzählt, und die Flut subversiver Bilder wird überlagert von einer recht eindeutigen politischen Stossrichtung gegen den Klerus, die Bourgeoisie und ihre rigide Sexualmoral. Da verwandeln sich betende katholische Würdenträger in klappernde Skelette, und ein Paar, das in aller Öffentlichkeit immer wieder begeistert übereinander herfällt, wird von befrackten Sittenwächtern stets von neuem getrennt. «L’âge d’or» entpuppt sich so als Vorläufer zur beissenden Bourgeoisiekritik von Buñuels bekanntesten Nachkriegsfilmen wie «Belle de jour» oder «Le charme discret de la bourgeoisie».

Die biografische Pointe dazu liefert der Dokumentarfilm «A propósito de Buñuel», der dieser ersten deutschen DVD-Ausgabe von «Un chien andalou» und «L’âge d’or» als Bonusmaterial beiliegt. Das Porträt zeigt den filmischen Freigeist Buñuel privat als konservativen Durchschnittsbürger, der sich regelmässig ins Kloster zurückzog, fast fünfzig Jahre lang mit derselben Frau verheiratet war und seine Kinder selbst dann noch spätestens um Mitternacht zu Hause haben wollte, als sie schon erwachsen waren. Man staunt danach umso mehr über den Filmemacher Buñuel, der einen Bischof in hohem Bogen aus dem Fenster wirft oder einen Mann geifernd einen nackten Busen kneten lässt, der sich vor unseren Augen in blanke Pobacken verwandelt.

Erstellt: 05.01.2011, 20:04 Uhr

Luis Buñuel bei den Dreharbeiten zum Film «Dieses obskure Objekt der Begierde», 1977 in Frankreich. (Bild: Keystone )

Die DVD

Ein andalusischer Hund (1929) / Das goldene Zeitalter (1930). Regie: Luis Buñuel und Salvador Dalí. Alive/Praesens, ca. 35 Fr.

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