Als wärs ein Stoff von Dürrenmatt

Die Hoffnungen des Schweizer Films ruhen auch auf einem Berner Bachelor-Absolventen: Fabio Friedlis Trickfilme sind makaber, politisch und zum Weinen komisch.

«Ich bin ein junger, unerfahrener Schnösel»: Der Berner Animationsfilmer Fabio Friedli.

«Ich bin ein junger, unerfahrener Schnösel»: Der Berner Animationsfilmer Fabio Friedli. Bild: Manu Friederich

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Knapp 30 Sekunden dauert es bis zum ersten Todesfall. Dann kippen sie um wie die Fliegen – sie verbrennen, verdursten, ersaufen, werden von Raubfischen gefressen und von Kreuzfahrtjachten überfahren. Sie, das sind die afrikanischen Flüchtlinge, die im Kurzfilm «Bon voyage» versuchen, durch die Sahara und übers Mittelmeer ins wohlhabende Europa zu gelangen. Am Schluss sind alle tot – bis auf einen. Ein klitzekleines Happy End? Leider nicht. Der Überlebende muss büssen für sein Glück. Und zwar durch die entwürdigende Anhörung beim Bundesamt für Migration.

Schlimm ist das, rabenschwarz, ja, es könnte gar ein Stoff von Dürrenmatt sein. Aber «Bon voyage» ist das Gesellenstück des 25-jährigen Berners Fabio Friedli. Der Animationsfilm ist seine Bachelorarbeit an der Hochschule Luzern. Und nicht nur das: Seit diesem Sommer räumt Friedli mit seinem 6-Minuten-Film schweizweit erstklassige Filmpreise ab. Am Fantoche gewann «Bon voyage» den nationalen Wettbewerb und den Publikumspreis – ein Novum in der Geschichte des Festivals für Animationsfilme in Baden. Einige Wochen später verliess Friedli die Winterthurer Kurzfilmtage als Gewinner im Schweizer Wettbewerb (TA vom 14. November).

Musik, Architektur, Kunst

Jetzt sitzt er in der Berner Reitschule, beugt sich über eine Tasse Milchkaffee und erzählt, wie gut der Film vergangene Woche bei einem Festival in Montreal aufgenommen wurde. Friedli hat in Übersee viele Kontakte geknüpft, sogar im Umfeld von Oscarpreisträgern. Dann muss er schmunzeln. Seine Geschichte kommt ihm nun doch recht unwahrscheinlich vor: Er. Beim Film. Wer hätte das gedacht?

Ursprünglich wollte er ja Musiker werden – Friedli ist bis heute für die Beats des Soulgespanns Gamebois zuständig – oder wenigstens Architekt. Nach dem Gymnasium schreibt er sich jedenfalls an der ETH ein. Im zweiten Semester absolviert er ein Praktikum in einem Architekturbüro. Er zeichnet Pläne für Einfamilienhäuschen, für Gartenzäune, für Dachkännel. «All diese Normen – furchtbar», denkt Friedli. Dann schmeisst er alles hin und meldet sich an zum Vorkurs für die Kunsthochschule.

Doch auch da langweilt er sich. Gegenstände abzeichnen interessiert ihn nicht. Aus Trotz beginnt er, Gegenstände zu animieren. Sein erster Film wird 2007 fertig. Er heisst «Vergessen» und ist eine fünf Sekunden kurze Fingerübung, ein Bleistift-Trickfilm. Fabio Friedli gewinnt damit 2008 einen Preis beim Kurzfilmwettbewerb von Agent Provocateur.

«Das hat einige Dinge verändert», sagt er. Will heissen: Von nun an nimmt er die Sache ernst. Er stürzt sich in sein Studium und landet 2010 gemeinsam mit drei Kollegen einen weiteren Erfolg: «Heimatland», ein poetischer Essay zur Islamdebatte und zur Angst vor dem Fremden in der Schweiz, wird für den Schweizer Filmpreis nominiert.

Politisierter Film

Und dann folgt bereits «Bon voyage», in dem Fabio Friedli Flüchtlinge zu Dutzenden in den Tod schickt. Erstaunlich daran: Wo die üblichen Verdächtigen der globalen Ungerechtigkeitsindustrie – Hilfswerke und Medien – uns anmenscheln mit Kinderlachen und grossen Augen, macht es Friedli umgekehrt. Er reduziert seine Figuren auf Strichmännchen. Sie haben keine Gefühle, keine Geschichte, keine Fluchtmotive. Unter seine erste Skizze setzte Friedli das Wort «Lemminge».

«Klar, mein Film ist makaber», sagt Friedli. «Aber die Realität ist schlimmer.» So sei es den hiesigen Zeitungen höchstens eine Randnotiz wert, wenn im Mittelmeer ein Flüchtlingsboot mit zwanzig Passagieren sinke. «Schliesslich passiert es ja weit weg, und es sind Flüchtlinge.» Gefühle, Geschichte, Fluchtmotive – gibts nicht in der Randnotiz. Soundso viele sind tot. Nächste Story.

Fabio Friedli hat uns ertappt. Wir lachen über die animierten Strichmännchen in seinem Film, wo wir uns selbst bedauern sollten. Die Unwirklichkeit der Strichmännchen ist nur unsere eigene Beschränktheit. Es kommt in jüngster Zeit häufig vor, erzählt Friedli, dass Leute zu ihm kommen und sagen: «Du hast den Schweizer Film politisiert.» Dann antwortet er jeweils: «Ich bin ein junger, unerfahrener Schnösel. Ich habe keine Ahnung vom Schweizer Film oder vom politischen Kino. Ich habe gemacht, was ich für richtig hielt.»

Erstellt: 17.12.2011, 10:30 Uhr

«Bon voyage»

«Heimatland»

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