Am Pokertisch geht es um Macht, im Anwaltsbüro um Vertrauen

Drehbuchautor Aaron Sorkin spricht über «Molly’s Game», seine erste, exzellent geratene Regiearbeit.

Der Trailer zu «Molly's Game» (2017), erster Regiefilm von Aaron Sorkin nach seinem eigenen Drehbuch. Video: Youtube/STX Entertainment

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«Es ist unvorstellbar für mich, was dort geschehen ist», sagt er. «Und ich glaube nicht, dass ich etwas hinzufügen kann zu dem, was bereits gesagt wurde.» Aaron Sorkin sitzt in einem Sitzungszimmer im Hotel Baur au Lac in Anzug und bunter Krawatte. Der 56-Jährige hat noch immer ein jugendliches Gesicht, ist aufmerksam, konzentriert. Und weiss nicht, was er über das Massaker von Las Vegas sagen soll. Das ist bemerkenswert. Denn es kommt bei ihm sonst nie vor. Nicht in seinem Reden. Und schon gar nicht in seinen Drehbüchern.

Aaron Sorkin ist nach Zürich gekommen, um vom Zurich Film Festival (ZFF) einen «Career Achievement Award» entgegenzunehmen. Und vor allem, um «Molly’s Game» vorzustellen, seinen Film über das illegale Pokerspielen reicher Regisseure, Rockstars, Unternehmer und Gangster. Zum ersten Mal hat er dabei auch Regie geführt, also sein eigenes Drehbuch verfilmt.

Der Film greift auf die wahre Geschichte der Molly Bloom zurück, einer von ihrem Vater (Kevin Costner) hochgejagten Spitzenathletin. Nach einem karrierestoppenden Unfall lernt sie die Poker-Schattenwelt von Los Angeles kennen, arbeitet sich in der Szene hoch, konkurriert mit immense Summen setzenden Männern und steht schliesslich, sekundiert von ihrem zunehmend faszinierten Anwalt (Idris Elba), vor einem New Yorker Gericht.

Kühle, rhetorische Brillanz

Jessica Chastain spielt die Hauptfigur mit derselben kühlen, rhetorischen Brillanz, mit der sie schon die Lobbyistin im Film «Miss Sloane» gegeben hat. Das passt, weil die Sprache bei Aaron Sorkin die Hauptrolle spielt. Obwohl der Autor immer wieder an Schreibhemmungen litt, die er früher mit hohen Dosen Kokain vergeblich therapierte, schreiben nur wenige Drehbuchautoren so elegant wie er.

«Anders als beim Schreiben weiss man als Regisseur jeden Abend, was man gemacht hat.»

Aaron Sorkin

Sorkins Figuren betreiben, was man in Hollywood «Sorkinieren» nennt, als Ausdruck seiner eigenwilligen, schon oft kopierten Erzählweise. Die Figuren reden in langen, schnellen, kaskadenhaft abgestuften, rhythmisch angetriebenen Sätzen und werfen mit Pointen um sich. So geht das den ganzen Film lang. Fast alle von Sorkins Geschichten spielen sich in wenigen Räumen ab, die Action entlädt sich hauptsächlich in den Dialogen, der Kampf um Macht und Bedeutungshoheit spiegelt sich im rhetorischen Hin und Her der Akteure. Dass der Film trotz dieser Reduktion und der Überlänge von 140 Minuten keinen Moment langweilt, belegt Sorkins Brillanz im Umgang mit Figuren und Dialogen.

Wenn er eine Pokerszene seines Films beschreibt, klingt sie wie eine, bevor man sie sieht: «We shot shards of a poker game, chips being thrown down, ice in a glass, decks being cut open, money being counted out, cigarettes being lit», Chips werden geworfen, das Eis klirrt in den Gläsern, Geld wird ausgezählt, Zigaretten gezündet.

So geht das auch in seinem neuen Film immer weiter in einem atemlosen, rhythmischen Erzählstil, unter dessen Einfluss man gerät und dem man folgt, hypnotisiert. Dass Sorkin sich für die Spielsucht interessiert und die Süchtigen so gut versteht, weist auf ihn zurück: Er war selber lange Jahre drogenabhängig, polytoxikomanisch, Kettenraucher und Kokainist mit mehreren Rückfällen. Kennerhaft beschreibt er im Gespräch den Moment, wenn der Stoff den Körper flutet wie warmes Glück. Ein intensiver Mensch ist er geblieben. Ruhelos, fordernd, absuchend. Nach Reizen süchtig.

Keiner bewahrt ihn vor Fehlern

Obwohl er hohes erzählerisches Tempo liebt, kann er abbremsen, um Kontrast zu schaffen. So sind die Pokerszenen im Film schnell geschnitten, und sie laufen so unbarmherzig ab wie das Spiel selbst. Aber später, als Molly sich ihrem Anwalt gegenüber öffnet, beruhigt sich auch der Puls der Erzählung. Am Pokertisch geht es um Macht, im Anwaltsbüro um Vertrauen.

Trailer zu «Steve Jobs», nach dem Drehbuch von Aaron Sorkin. Video: Youtube/Universal Pictures

Wie es denn sei, fragt man ihn noch, als Drehbuchautor sein eigener Regisseur zu sein? Sorkin hat den Ruf, den Regisseuren dreinzureden, er gilt als meinungsstarker Kontrolleur, der um seine Skripts kämpft wie seine Figuren um das Redendürfen und Überzeugenkönnen.

Wie ist es denn jetzt für ihn, da keiner ihm mehr dreinredet? Er lacht: «Es ist auch keiner mehr da, der mich vor meinen eigenen Fehlern bewahrt.» Und was gefällt ihm am Regieführen? «Anders als beim Schreiben, wo du manchmal überhaupt nichts produzierst, weisst du als Regisseur jeden Abend, was du gemacht hast.» Wer den Film sieht, weiss es auch.

«Molly’s Game» wird wiederholt am ZFF: 7. 10., Corso 1, 21.15 Uhr. Ab dem 8. März kommt der Film in die Kinos. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.10.2017, 19:08 Uhr

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