Interview

«Am Strassenrand standen Kinder mit Schweizer Fahnen»

Der Tsunami machte den Japan-Reisespezialisten Thomas Köhler arbeitslos. Heute ist der Winterthurer in Japan dank eines ungewöhnlichen Fussmarsches ein Medienstar.

Zu Fuss durch Japan: Trailer zum Dokfilm «Negativ: nichts».


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2900 Kilometer zu Fuss durch Japan, von Norden bis nach Süden. Wozu denn das?
Erst einmal wollte ich nach den Katastrophen, die Japan vor einem Jahr heimgesucht hatten, die Grösse des Landes zeigen. Denn man muss klar sehen, dass Fukushima nicht ganz Japan ist. Trotz der Katastrophe ist Japan ein wunderbares Land zum Reisen.

Sind Sie auch durch das Katastrophengebiet gelaufen?
Nein, bewusst nicht. Einerseits wollte ich die Menschen dort nicht stören. Das hat mit Respekt zu tun. Ich wollte aber vor allem über Positives berichten, die schönen Dinge des Landes zeigen, die seit der Katastrophe in Vergessenheit geraten sind. Jeden Tag habe ich in meinem Blog über einen schönen Ort, eine gute Mahlzeit, die Menschen und meine Erlebnisse geschrieben. Jeden Tag, egal wie spät es war und wie schlecht die Internetverbindung. Ich wollte zeigen, dass es aus Japan nicht nur Negatives zu berichten gibt.

Was genau hatten die Ereignisse in Japan mit Ihnen zu tun?
Der Tsunami und die darauffolgende Nuklearkatastrophe haben den gesamten Tourismus in Japan zum Erliegen gebracht. Ich war bei einer Schweizer Reisefirma als Tour Operator für Japan zuständig. Am Freitag passierte die Katastrophe, am Montag trafen die ersten Annullationen bei uns ein, und es hörte nicht mehr auf. Etwa 95 Prozent aller Japanreisen wurden annulliert. Das hat mich schliesslich den Job gekostet. Bei dieser riesengrossen Katastrophe kümmerte mich das am Anfang natürlich wenig. Ich verspürte sofort den Drang, den Menschen vor Ort irgendwie zu helfen. Mein Leben geht schliesslich auch ohne Job weiter, obwohl sich berufsmässig bei mir in den vergangenen zehn Jahren alles um Japan gedreht hat.

Was fasziniert Sie an Japan?
Das Verhalten der Leute. Sie denken nicht geldorientiert, sind sehr anständig, diszipliniert und perfekt organisiert. Auch denken sie nicht von vornherein negativ, sondern erst einmal neutral. Auch die unzähligen kleinen Kunstformen finde ich faszinierend. Das Interessante ist, dass viele japanische Begriffe auf «do» enden: Judo oder die japanische Teekunst Sado. «Do» bedeutet Weg. Für die Japaner muss alles erarbeitet werden, nichts fällt einem einfach so in den Schoss, nichts tut man einfach so schnell, schnell, sondern alles mit viel Geduld und Ausdauer. Das hat mich dazu bewogen, durchs gesamte Land zu laufen.

Apropos Weg: Hatten Sie bloss das kleine Rucksäcklein mit dem Schweizer Kreuz dabei, das auf den Fotos in Ihrem Blog zu sehen ist?
So klein war das nicht. Etwa 14 Kilogramm Gepäck hatte ich dabei: Zelt, Schlafsack, Schlafmatte, Kleider, Ersatzkleider, Regenschutz, Laptop. Alles, was es braucht. Wenn ich keine Unterkunft gefunden habe, konnte ich in meinem Zelt überall schlafen, was ich auch oft tat.

Haben Sie sich hie und da gedacht: «Was habe ich mir da angetan?»
Nie. Jeder Tag war eine Belohnung für mich, weil ich ständig nette Leute kennengelernt habe. Ich hatte kein einziges negatives Erlebnis.

Auch keine körperlichen Probleme?
Doch, klar. Aber die habe ich nie in den Vordergrund gestellt. Wenn ich mir jetzt die Videos über meinen Fussmarsch anschaue, sehe ich, dass ich am Ende nicht mehr optimal gelaufen bin. Ich hatte Schmerzen im linken Knie und Blasen. Aber ich bin Ausdauersportler, laufe Marathons. Derartige Schmerzen muss man verdrängen können.

Da läuft plötzlich ein Schweizer mitsamt Rucksack, Schweizer Fähnlein und verziertem Strohhut 2900 Kilometer durchs gesamte Land. Wurden Sie manchmal belächelt?
Nein, so denken die Japaner nicht. Für sie ist zuerst immer alles neutral, nie negativ. Die Einheimischen haben mein Projekt extrem gut aufgenommen und mich oft angesprochen. Es ist ein Klischee, dass alle Japaner zurückhaltend und in sich gekehrt sind. Das mag teilweise stimmen, etwa in Tokio, wo jeder für sich schaut. In ländlichen Gebieten ist das ganz anders. Ich wurde sehr oft angesprochen, man hat mir einen Platz zum Schlafen angeboten oder mir unterwegs etwas zu trinken gegeben. Einmal hat ein Polizist meinen Pass kontrolliert, als ich am Strassenrand gerade ein japanisches Reisküchlein ass. Er meinte, das reiche doch nicht, und schenkte mir spontan sein Mittagessen, das er in seinem Motorradkoffer dabei hatte.

Auch die japanischen Medien wurden bald auf Sie aufmerksam.
Ja. Ich war kaum 10 Tage unterwegs, da kontaktierte mich ein Journalist der «Hokkaido»-Zeitung, der meinen Blog gelesen hatte. Von da an wollten immer mehr Journalisten Interviews machen. Eines Tages hielt ein Auto vor mir an, und ein Radioteam stieg aus. Später war auch ein TV-Sender dabei.

Inzwischen sind Sie in Japan eine kleine Berühmtheit. Der japanische Tourismusdirektor hat Ihnen kürzlich eine Auszeichnung verliehen und einen Talisman übergeben.
Ja, er hatte mein Projekt verfolgt und wollte sich bei mir für meinen Einsatz und die Botschaft bedanken, dass Japan nicht verloren ist. Übrigens hat auch Lady Gaga diese Auszeichnung erhalten, weil sie im Katastrophengebiet bei einem Benefizkonzert dabei war. Der Tourismusdirektor hat zu mir gesagt, er habe diesen Talisman Lady Gaga und Justin Bieber gegeben und jetzt gebe er ihn auch mir. Es ist ein Stehaufmännchen von Fukushima, das nicht umfallen kann, sondern immer aufrecht steht.

Was bedeutet Ihnen das?
Es ist eine sehr grosse Ehre. Wenn eine solche Anerkennung von offizieller Seite kommt, bedeutet das, dass eine Sache sehr ernst genommen wird. Aber wenn ein Kind mit Schweizer Fahne am Strassenrand stand und mir eine Cola schenkte, war das mindestens genauso wertvoll für mich. Solche Erlebnisse haben mich motiviert weiterzulaufen, wenn es hie und da etwas Überwindung brauchte.

Wie viele Stunden sind Sie täglich gelaufen?
Etwa sechs bis acht Stunden bei einer Strecke von rund 25 Kilometern. Ich habe mir jedoch keinen Zeitplan gesetzt. Alles lief ohne Druck ab.

Was ist mit dem finanziellen Druck?
Den hatte ich, klar. Wobei: Ich bin ledig, 44-jährig und hatte Erspartes auf der Seite. Die Reise hatte aber einen so grossen Wert für mich, dass das Geld, das ich dafür ausgegeben habe, keine Rolle spielt.

Weshalb haben Sie nicht direkt im Katastrophengebiet mitgeholfen, statt fröhlich durch das Land zu laufen und ausschliesslich Positives zu berichten?
Anfangs war es für Ausländer nicht möglich, vor Ort zu helfen. Dann kam ich auf die Idee mit dem Fussmarsch. Bevor ich loslief, war ich trotzdem noch im Katastrophengebiet in Ishinomaki. Das war ein zweiter Schock für mich. Es war extrem heiss, hat teilweise fürchterlich gestunken. Wir räumten Häuser aus und fanden dort alles, wirklich alles. All diese schlimmen Eindrücke haben mir bestätigt, dass ich mit meinem Projekt das Richtige tue. Ich habe auf meine Weise mitgeholfen, indem ich täglich einen Blog geschrieben habe, den insgesamt 130'000 Leute anklickten. Ich habe den Menschen mit meinen positiven Eindrücken Mut gemacht. Ich konnte zeigen, was es in Japan immer noch gibt, trotz der Katastrophe. Das ist mein Beitrag, damit der Tourismus in Japan wieder angekurbelt werden kann.

Sie haben selber durch die Katastrophe Ihren Job verloren. Wie sieht Ihre Zukunft aus?
Ich werde meine eigene Reisefirma im Tour Operating aufbauen. Klar hätte ich noch länger in Japan bleiben können. Aber der Fussmarsch war meine Mission, die ich erfüllt habe. Ich will nun in der Schweiz wieder den Beruf ausüben, den ich liebe. Der Zeitpunkt ist gut, und ich bin sehr zuversichtlich.

Ihre Reise wird Teil einer Doku sein. «Negativ: nichts» heisst der Film, der im September Premiere feiern soll und in Japan bereits auf grosses Interesse gestossen ist.
Das ist eine tolle Sache. Die beiden Filmemacher Jan und Stephan Knüsel haben sich für mein Projekt interessiert und daraus einen Dokumentarfilm gemacht. Ich freue mich sehr, dass andere Menschen über diesen Film an meinem Projekt teilhaben und sehen können, was überhaupt alles machbar ist und dass das Leben in Japan weitergeht. Mit all dem habe ich vor einem Jahr nicht rechnen können. Ich wusste nur, dass die Japaner sehr nett sind und mich positiv aufnehmen würden. Ich wäre nicht einmal auf die Idee gekommen, von all dem zu träumen, was nun eingetroffen ist. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.03.2012, 13:06 Uhr

Bildstrecke

Dokumentarfilm «Negativ: nichts»

Der Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Journalist Jan Knüsel und sein Bruder, der Filmemacher Stephan Knüsel, haben Thomas Köhlers Fussmarsch durch Japan mit der Kamera dokumentiert und wunderbare Begegnungen eingefangen. «Negativ: nichts – Schritt für Schritt für Japan» heisst der Film, der im September Schweizer Premiere feiert und in Japan bereits auf grosses Interesse gestossen ist. negativenothing.com-

Thomas Köhler im japanischen Fernsehen

Eine von Köhlers Begegnungen in Japan

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