Ankunft im Feindesland

Tatsachenkino mit Relevanzflagge: Die Spielfilme «Dheepan» und «Mediterranea» zielen mitten in die europäische Flüchtlingsrealität. Aber wovon macht man sich da ein Bild?

«Es ist wie im Kino»: Dheepan (Jesuthasan Antonythasan) und seine Tochter, die nicht seine ist. Foto: Paul Arnaud

«Es ist wie im Kino»: Dheepan (Jesuthasan Antonythasan) und seine Tochter, die nicht seine ist. Foto: Paul Arnaud

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Es ist wie im Kino. Yalini und Dheepan stehen vor dem Fenster ihrer Wohnung in der Banlieue und schauen auf den Sozialbau gegenüber, wo sich die Mitglieder einer Drogengang abklatschen, wo manchmal geschossen wird und es Tote gibt. «Es ist wie im Kino», sagt Yalini, der Fensterrahmen ist die Leinwand und der Bandenkrieg die Action. Er spielt sich auf der anderen Seite ab, und später wird Dheepan eine weisse Linie durch das Gras zwischen den zwei Häusern ziehen und rufen: «No fire zone!» Eine Grenze zwischen Kleinkrieg und Frieden. Dheepan kennt das, er war bei den Tamil Tigers in Sri Lanka und floh nach Frankreich, mit einer jungen Frau und einem Mädchen. Sie gaben sich als Familie aus, von Paris kamen sie in den Vorort, gerieten in eine neue Schlacht. Das ist «Dheepan», das Drama, mit dem der Franzose Jacques Audiard in Cannes die Goldene Palme gewonnen hat.

Und dies ist «Mediterranea», die Flüchtlingsgeschichte von der Grenze Europas: Sie kommt aus dem Inneren der Erlebnisse von Afrikanern, die mit dem Schlepperboot nach Kalabrien übergesetzt haben und dort in die Abwehrreihen der Einheimischen gelaufen sind. Die Plackerei auf der Orangenplantage, die Ausschreitungen von Rosarno im Jahr 2010, bei denen Italiener auf schwarze Saisonarbeiter losgingen und zwei davon schwer verletzten, die darauf folgenden Unruhen: All das bildet den beglaubigten Grundstoff eines Spielfilmdebüts, das der Italoamerikaner ­Jonas Carpignano nach langen Vorbereitungen in Kalabrien gedreht hat.

Im Taumel der Flüchtlinge

Sein Held ist der sanfte Burkinabe Ayiva (Koudous Seihon), der Frau und Tochter zurücklässt und darauf verwickelt wird in einen Kleinkrieg im italienischen Dorf, angefacht durch rassistische Ressentiments. Vieles ist direkt dem Leben der Migranten entnommen; ein paar Italiener spielen eine Auseinandersetzung nach, die sie mit Schwarzen ein Jahr zuvor gehabt haben. Klingt, als habe einer Schlagzeilen vom Flüchtlingselend zum Laufen gebracht? Es riecht schon nach Tatsachenkino mit Relevanzflagge und zusätzlichem Lehrmaterial.

«Mediterranea» aber ist vielmehr ein ausrecherchiertes Sozialdrama, das aus den Erfahrungen von Menschen heraus erzählt ist, die vom besseren Leben träumen und im Feindesland erwachen. Ein Film von unten, der so nah an den Figuren bleibt, dass man die Nähe nicht mehr übersehen kann: Die Kamera wackelt im dokumentarischen Modus, die Gesichter erscheinen übergross, dahinter herrscht fast immer schwärzeste Nacht. Wir sollen uns so wenig zurechtfinden wie die gestrandeten Flüchtlinge, sollen in ihren täglichen Taumel aus Hilfe und Hass hineingesogen werden, schutzlos wie sie. Manchmal sind es nur noch Silhouetten, die mit der Nacht zu einem Bild von Dunkelheit verlaufen.

Es ist wie im Kino, wenn Kino bedeuten würde, dass man nur nachstellen müsste, was exakt so passiert ist. Dann hätte man automatisch das Authentizitätsgeräusch, das in den Bildern mitklappert. Dann erzählte man ohne Umweg von erlebter Hoffnung und Enttäuschung, weil das Material selbst schon organisch-menschlich aufgebaut ist. Dann bürgten die Laien, die darstellen, was ihnen am eigenen Leib widerfahren ist, für die Echtheit jeder Faser und ­jedes Gefühls. Es ist nicht erstaunlich, dass «Mediterranea» ein Film der flachen Einstellungen ist: Hier spielt alles auf einer Ebene. Man kann diese Flüchtlinge gar nicht absetzen vom Hintergrund des Geschehens, derart verwachsen sind sie mit ihren Erlebnissen und der kalabrischen Nacht.

Sie heben sich nicht ab von der Not in der Heimat, so unverzüglich sitzen wir mit auf dem schwankenden Boot im Meer. Klar, es ist das Stilmittel der Desorientierung, des kleinen Ausschnitts, das spürbar macht, dass den Flüchtlingen der Halt im Grossen fehlt. Sicher, es ist eine Ästhetik der Dringlichkeit, die daraus entsteht, dass sich die Widerstände in unmittelbarer Nähe formieren. Aber wo die Welt verschwimmt, fehlt die Kontur; der Körper, der sich daraus löst. Und da muss man wieder von «Dheepan» reden.

Tamil Tiger wird Abwart

Auch Jacques Audiard («Un prophète») schöpft aus recherchierter Wirklichkeit und hat grösstenteils mit Laien gedreht. Jesuthasan Antonythasan, der Darsteller von Dheepan, war Mitglied der Tamil ­Tigers, über sein Leben als Kindersoldat und Kämpfer hat er Bücher geschrieben. Auch in «Dheepan» schrumpfen die Szenen in der Heimat zu einem Prolog, der vieles auslässt und sogleich hinführt zum Verhängnis einer Ankunft im Feindes­land. Auch Audiard klopft ein Medienthema auf Wahrheiten ab und spannt es um zum Drama über Entwurzelte. Aber hier ist der Blick distanzierter. Dheepan ist ein Körper, der aus dem sozialen Hintergrund hervortritt.

Im Sozialbau wird er als Abwart angestellt, und wie er den Dreck im gegenüberliegenden Gebäude kehrt und den Lift repariert, verschafft er sich Respekt unter den Kleingangstern. Sie seien wie die tamilischen Schlächter, nur «weniger gefährlich», sagt dieser Mann von kratziger Zärtlichkeit. Seine Frau Yalini, die nicht seine Frau ist, arbeitet als Haushälterin beim benachbarten Bandenchef; seine Tochter, die nicht seine Tochter ist, lernt Französisch in der Schule. Und die Frage stellt sich, wie lange eine Familie zusammenhält, die keine ist; und die Frage wird lauter, wie lange ein Kämpfer, der keiner mehr sein will, die Machete liegen lässt. Und vor allem, ob nicht doch so etwas wie Liebe möglich wäre in diesem falschen Leben zwischen Buschkrieg und Banlieue.

Mag sein, dass der Sozialrealismus bei Audiard immer zum Thriller neigt; die Recherche ist ihm wohl einfach Staffage für die Dramatik von Spannung und Entladung. Aber die Momente des Kinos – die Stilisierung wie der Thrill –, sie zielen auf die explosive Intensität des Genres und zugleich ins Innere einer tumultösen Psyche. Und vermitteln eine annähernde Vorstellung davon, was es heisst, heimgesucht zu werden vom Grauen, dem man entflohen ist. Im Hobbykeller singt er das alte Kampflied, er hat die Wörter fast vergessen. Was er im Delirium herauspresst, sind Bruchstücke ­einer gewaltvollen Vergangenheit.

Die Qualen sind auch im Kopf

So macht man sich ein Bild von dem, ­wovor einer flüchtet, was er abschütteln muss im neuen Leben. So hat man einen Eindruck von den Qualen im Kopf, über den Umweg des Traumhaften, Surrealen. Man kann Audiards Filmtricks für den Verrat an einer Flüchtlingsrealität halten. Man kann die nachgespielte Realität von «Mediterranea» aber auch für den Verrat an einer abgründigen Innerlichkeit halten. Da bleibt vor allem eine Oberfläche aus Wirklichem. In «Dheepan» dagegen entsteht ein Relief aus Furchen und Schluchten.

Es ist wie im Kino, sagt Yalini zu Dheepan und schaut aus dem Fenster auf das Haus gegenüber. Es bleibt in der Distanz, Yalini und Dheepan aber lösen sich aus dem Hintergrund und kommen uns näher. Als Teil einer europäischen Realität, die zur Katastrophe zu werden droht. Als Teil eines Kontinents, der seine Versprechen nicht halten kann oder will. Sie leuchten einfach weiter. In «Mediterranea» läuft Ayiva einmal auf tanzende unscharfe Lichter zu. In «Dheepan» blinken sie auch, aber Audiard stellt sie scharf. Dann sehen wir, was es wirklich ist.

«Dheepan» läuft ab Donnerstag in Zürich im Kino Riffraff 1; Kinostart für «Mediterranea» ist am 5. 11.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2015, 18:13 Uhr

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