Auch Könige haben Harndrang

Mit dem Spielfilm «A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence» hat der Schwede Roy Andersson in Venedig den Goldenen Löwen gewonnen. Eine grossartige menschliche Groteske.

Ewiges tragikomisches Menscheln: Szene aus «A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence». Foto: Look Now

Ewiges tragikomisches Menscheln: Szene aus «A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence». Foto: Look Now

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Der schwedische Regisseur Roy Andersson («Songs from the Second Floor», «You, the Living») hat seine «Trilogie über das Wesen des Menschen» jetzt nach vierzehn Jahren beendet mit dem Film «A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence». Das Gedächtnis speichert aber keine Taube, die uns reflektierend durch ein Drama führte. Keine sinnreiche Geschichte, die nacherzählt werden könnte, weil ein existenzphilosophischer Vogel sie einem vorgegurrt hätte. Es ist uns nichts anderes übrig geblieben, als den seltsamen Titel gewissermassen als Ast zu nehmen und selbst die Taube zu sein, die auf ihm hockte und auf ein existenzielles Gewusel blickte und die menschliche Komödie bedachte. Die Welt unter ihr war leichenbleich und hochkomisch in ihrem Kummer, und der Schatten des Todes lag über ihrer grotesken Trivialität.

(Video: Youtube/Cine maldito)

Mit dem Tod wars gleich ein Elend in den ersten Szenen. Es starben Menschen auf lächerlich banale Weise. Einen, der schon lebendig wie gestorben aussah, ereilte der Schlagfluss beim Öffnen einer Rotweinflasche. Einen hatte es grad erwischt, nachdem er auf einer Fähre sein Essen bezahlt hatte, und so kam ein anderer zu einem Freibier. Und eine alte Frau auf dem Totenlager klammerte sich an ihre Handtasche, ohne die sie nicht in den Himmel wollte, und machte den Erben noch im Sterben moralische Umstände. Nichts weiter, keine transzendentale Feierlichkeit, kein ordentliches letztes Wort, in dem sich der zureichende Grund einer Existenz spiegelte. Und gerade darin spiegelte sich die Existenz dann. Als ein Leben, das mit dem Tod ziemlich gut bedient war. Denn etwas Besseres als ihn hatten die Lebenden nirgends gefunden, wahrscheinlich.

Heroen der Lächerlichkeit

Auf eine solche tiefe Melancholie stimmt einen Roy Andersson also erst einmal ein. Aber nichts, was lebt, stirbt gern in diesem Film, der keine traurige Geschichte ist, sondern, so aus der Vogelperspektive betrachtet, eine Reihe tötelnder, in fahle Bilder gefasster, komischer Kleindramen über den Lebens­willen contre cœur.

Was für eine eigentümliche Menschenmenagerie: voller moroser Fröhlichkeit und verzweifelter Sehnsucht und angefaulter, aber starrköpfig aufbewahrter Hoffnung. Verwesende Wünsche stinken unbegraben vor sich hin, und immer macht jemand Reanima­tionsversuche. So ist scheints der Mensch, wenn er schon ausgelebt hat, aber noch da ist und nur noch ein bisschen Illusion hat oder ein wenig Erinnerung, nicht einmal unbedingt an etwas, das war, sondern vielleicht nur an etwas, das hätte sein sollen: Es hat etwas Rührendes und ewig Lächerliches. Und etwas wunderbar Gespensterhaftes.

Wie jene zwei grämlichen Scherzartikelvertreter, Sam und Jonathan, die, ohne selbst je zu lachen, mit dem Lachsack und ihrem Sonderangebot von extraspitzen Vampirzähnen gegen den schweren Gram unserer Zeit kämpfen. Ihr mühseliger Beruf ist es, der Welt die Freude am Spass zu bringen, und die Vergeblichkeit ihrer unermüdlichen Strapazen macht sie geradezu zu zeit­losen Helden. Natürlich merken sie es auch, dass sie sich die Vampirzähne ausbeissen, aber sie verbeissen sich trotzdem in die allgemeine Trübnis.

Wollte man eine literarische Assoziation bemühen (wie Andersson es gern tut), dann wären das zwei bodenständige Sancho Pansas, die nicht anders können, als Don Quijotes zu sein. Heroen der Lächerlichkeit. Der Sancho-Teil in ihnen beklagt sich zuweilen, aber der Quijote-Teil ist nicht wehleidig. Es ist manchmal, als habe Aki Kaurismäki (oder sein in Andersson gefahrener Geist) im Schattenreich einen seiner lakonischen Filme gedreht, in denen Leute ja auch oft mit dem Kopf durch eine Wand wollen, die nicht nachgibt, und wenn man sie fragt, ob es wehgetan habe, sagen sie: nein. Jedoch, man sieht sie bluten.

Wobei der Kaurismäki-Vergleich durchaus ungerecht ist. Roy Andersson hat als Autor und Regisseur seinen eigenen originellen, komödiantischen Kopf: als ein strenger Stilist der wildesten Skurrilität; als Realist des Absurden; und als Komponist des menschlichen Geräuschdurcheinanders aus Lachen, Weinen und Schmerzensgewimmer. Das Triviale weitet sich bei ihm zum Geschichtsraum. Wir sehen Gegenwarten in seinem Film, die zu Vergangenheiten werden, und Zukünfte, die schon gewesen sein werden, bevor sie wurden. Denn überall ist es das gleiche Unglück, das herrscht, herrschte und herrschen wird; und überall sind die gleichen Versuche, nicht unglücklich zu sein. Ein ewiges tragikomisches Menscheln.

Grausame Schönheit

Deshalb vermutlich steigt bei Andersson selbst der Schwedenkönig Karl XII. (1682–1718), der letzte Wikinger, von seinen Denkmalsockeln. Zweimal verschlägt es ihn aus seinem Jahrhundert ins Jetzt, da reitet er dann in eine Vorstadtbar, und es quälen ihn der Durst, die Liebe und der Harndrang wie andere Leute auch. Fast hätte man ihn gern in seiner unköniglichen Fragilität, wenn nicht im Hintergrund – durch die Gegenwart und wieder aus ihr hinaus – die ­Regimenter vorbeizögen, die der König 1709 bei Poltawa gegen die russische ­Artillerie warf, von der sie seinerzeit zusammenkartätscht wurden, dass Gott erbarm.

Man muss das nicht wissen, man ahnt es aber, dass dieser König ein König bleibt, auch wenn ihn die Hormone und die Blase menschlich drücken. Das Menscheln hat dem Regisseur Andersson nicht das Geschichtsbewusstsein vernebelt. Es erinnerte ihn und er erinnert uns daran, dass die Menschheitsgeschichte einer Maschinerie gleicht, in der Existenzen verheizt werden. Am Ende fand er dafür eine konzentrierte Szene von grosser, grausamer Schönheit. Darin verdampft alle Liebenswürdigkeit.

Und die Taube auf ihrem Ast sah und bedachte das alles und dachte: welch ausserordentlicher Film. Zärtlich und sarkastisch, human und misanthropisch und wirklich: ausserhalb jeder dramatischen Ordnung. Selten hat man so gelacht über das Leben, das eigentlich zum Heulen ist. Aber selten ist einem das ­Lachen auch so schnell vergangen.

A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence (Schweden, Norwegen, Deutschland, Frankreich 2014). 100 Minuten. Regie: Roy Andersson. Mit Holger Andersson, Nils Westblom, Lotti Törnros, Viktor Gyllenberg u. a.

In Zürich ab Donnerstag im Kino Riffraff (Vorpremiere Mittwoch, 20.45 Uhr).

Erstellt: 13.01.2015, 17:23 Uhr

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