Auch im Qualfilm steht der Mensch im Mittelpunkt

Der deutsche Film wälzte an der Berlinale mal wieder ganz schwierige Probleme. Und Meryl Streep schaffte es leider nicht ins Museum.

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Oh Deutschland, du Land des Qualfilms! Du Filmland der hageren Corinna Harfouch! Bei der man sofort weiss: Wenn die Harfouch eine Mutter spielt, haben die Kinder nichts zu lachen. Im «Untergang» war das so, da löschte sie als Magda Goebbels im Führerbunker ihre ganze Brut mit Zyankalikapseln aus. Und jetzt, in «Was bleibt», dem deutschen Wettbewerbsbeitrag von Hans-Christian Schmid, ist es nicht anders. Schwer depressiv ist sie da als Verlegergattin Gitte. Jahrelang war sie medikamentös erfolgreich «eingestellt», aber jetzt will sie zum Entsetzen der Familie ihre Freiheit zurück, und das, wo doch Gatte Günter endlich pensioniert ist und mit seiner Geliebten nach Jordanien fliegen will.

Aus der Villa in den Wald

Ihre Söhne – ein erfolgloser Schriftsteller und ein noch erfolgloserer Zahnarzt, beide deutlich der Schwermut zuneigend – verzweifeln, denn Gitte haut ab, weg aus der schicken Verlegervilla, rein in den Wald, sie wird nie mehr gefunden. Schuldgefühle, aber auch eine gewisse Erleichterung stellen sich ein bei den Männern. Und wäre jetzt einer der Polizisten, die Gitte suchen, auch noch ein alleinerziehender Alkoholiker, so hätten wir einen langweiligen «Tatort» gesehen: Auch da gibt es regelmässig diese richtig doofen Menschen – Kinder, die nichts Besseres zu tun haben, als das Geld des Vaters zu ihrem Verhängnis zu erklären, oder depressive Hausfrauen, die mit viel Yoga und Akupunktur der schulmedizinischen Vernunft abhanden kommen. Scheinbar schwergewichtig und so unwichtig.

Aber wenden wir uns für einen Moment den heiteren Dingen zu, nämlich Meryl Streep. Sie nahm am Dienstagabend ihren Ehrenbären fürs Lebenswerk entgegen. Es brandete ihr da zuerst die Anmassung der Fotografen entgegen, die angesichts ihres dunklen Mantelkleides schrien: «Ausziehn! Weg damit!» Sie nahm es stoisch und blieb kühl. Doch dann kam zum Glück Journalist Dimitri aus Russland, der sagte: «Oh, wir lieben Sie alle in Russland! Und deshalb darf ich Ihnen ein Geschenk überreichen, es stammt von einem berühmten sibirischen Künstler.»

Das Geschenk liess die Security-Männer erstarren, es war eine Matrjoschkapuppe, in die so manches gepasst hätte, aber in der ersten, mit Meryl Streeps Porträt verzierter Puppe fand sich eine zweite (Streep als Thatcher) und eine dritte (Streep als Prada-Teufel), und da lag die grosse Streep vollends aufgetaut vor Lachen auf dem Tisch und quiekte nur noch. Ein österreichischer Journalist überreichte ihr ein weisses Bouquet zum Valentinstag, ein schwuler Pole rief: «Danke für ‹Out of Africa›, der Film hat mein Leben verändert!» Eine Rumänin sagte: «Frau Streep, Sie spielen die alte Margaret Thatcher so wundervoll, aber jetzt, da ich Sie sehe, muss ich fragen: Wieso spielen Sie nicht auch die junge?» Und Streep schmeichelte zurück: «Oh, ich liebe Rumänien.» Es folgten eine Ukrainerin: «Ich liiiiebe Sie!», und ein weiterer Ukrainer, der sich der Streep gleich selbst als Valentinstagsgeschenk anbot.

«Was ist der Preis, den Sie für Ihren Ruhm bezahlen?», wollte jemand wissen, und Streep sagte: «Es gibt in Berlin mindestens fünf Museen mit moderner Kunst, die ich gern besuchen würde, aber das kann ich schon lange nicht mehr, denn immer, wenn ich ein Bild anschauen will, stehen fünf Leute vor mir, die mich anschauen.» Die kritischen Fragen zur politischen Einfalt ihres Thatcher-Films «The Iron Lady» beantworteten Streep und Regisseurin Phyllida Lloyd wie erwartet ausweichend. «Das Politische an diesem Film ist», so Lloyd, «dass wir den Menschen Margaret Thatcher in den Mittelpunkt stellen.»

Nun, auch Doris Dörrie hat sich entschieden, in ihrem deutschen Depro-Prekariats-Œuvre «Glück» das Menschliche in den Mittelpunkt zu stellen, nicht so sehr das Dramatische. Also die Liebe, nicht das Verbrechen. Das klingt nach einer kapitalen Fehlentscheidung. Schliesslich ist die Vorlage zu ihrem Film, der nicht im Wettbewerb lief, eine der meisterhaft lakonischen und entemotionalisierten Erzählungen von Ferdinand von Schirach, diesem Schriftsteller gewordenen Strafverteidiger.

Der bessere Problemfilm

«Glück» basiert auf seiner Erzählung über einen jungen, obdachlosen Punk und eine blutjunge, vor dem Bosnienkrieg geflohene Prostituierte, der ein Freier wegstirbt, weil sich Sex und Stress mit seinem Herzen nicht vertragen. Doch weil der Punk nun denkt, sie habe das «fette Schwein» ermordet, zersägt er die Leiche mit dem elektrischen Fleischmesser und vergräbt sie im Park. Wo sich von Schirach auf den Fall beschränkt, hat sich Doris Dörrie nun – zumindest bis es zum naturalistischen Gemetzel kommt – ausführlich auf die ins Heute verlegte Liebesgeschichte zwischen Irina und Kalle (Alba Rohrwacher und Vinzenz Kiefer) verlegt; und auf ihr einfaches, pragmatisches Überleben in Berlin.

Doris Dörrie macht dies in einem von-schirachschen Sinne vorbildlich spröde und wortkarg. Die Zuckerdose des Kitschs wird nur für wenige süsse Sekunden geöffnet. Gegen Gitte und Günter, diese im Vorstadtluxus einbalsamierten Leichen aus «Was bleibt», sind Dörries unsentimentale Kinder der Grossstadtstrassen eine wahre Wohltat. Und die Helden des ganz einfach viel besseren deutschen Problemfilms.

Erstellt: 17.02.2012, 08:50 Uhr

Video

Trailer: «Glück» von Doris Dörrie.

Video

Trailer: «Was bleibt» von Hans-Christian Schmid.

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